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Max-Planck-Gesellschaft : Exzellenz und Exzess

Eingang zum Hauptsitz der Max-Planck-Gesellschaft in München Bild: Max-Planck-Gesellschaft / Kai Weinsziehr

Emotionaler Rollercoaster: Die Max-Planck-Gesellschaft wird von neuen Mobbing-Vorwürfen erschüttert. Diesmal richten sie sich gegen die Direktorin eines Leipziger Instituts.

          Tania Singer, Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitionswissenschaften in Leipzig, ist mit ihren Forschungen zu Empathie und Mitgefühl eine weltweit gefragte Expertin in Sachen Einfühlungsvermögen und Fürsorglichkeit. Auf wissenschaftlicher Ebene geht es ihr um die Fundierung psychischer Phänomene im Gehirn. Auf medialer Ebene verbindet sie ihre Forschung oft mit einem ethischen Appell. Vor fünf Jahren zog Singer ein großes Forschungsprojekt an Land, das untersucht, wie sich regelmäßige Meditation auf neuronaler Ebene auswirkt respektive zu einem liebevollen und rücksichtsvollen Umgang beitragen kann.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Für einen großen Teil ihrer Mitarbeiter liegt darin eine herbe Ironie. Nach einem Bericht des Wissenschaftsmagazins „Science“, das mit acht ihrer Mitarbeiter sprach, sind es gerade menschliche Qualitäten, die Singer im Umgang mit ihren eigenen Kollegen abgehen. Singer soll an dem Institut eine Atmosphäre der Angst geschaffen haben. Die Rede ist von Machtmissbrauch, Distanzlosigkeit, persönlicher und beruflicher Abwertung, die teils zu psychischen und physischen Erkrankungen geführt hätten. „Emotionaler Rollercoaster“ ist noch eine der freundlicheren Umschreibungen im Gespräch mit dieser Zeitung. Man habe sich in Singers Büro nur mit Angst gewagt und es oft mit Tränen verlassen. Jeder an dem Leipziger Institut inklusive der anderen Direktoren habe das gewusst, jeder habe dem zugesehen.

          Nach den Angaben der Mitarbeiter, die überwiegend anonym bleiben, und wie aus Mails hervorgeht, die dieser Zeitung vorliegen, verstand sich Singer als Mutter ihres Projekts und ihrer Mitarbeiter. Eine Mutterliebe, die von den undankbaren Kollegen oft enttäuscht worden sei und die sich nicht auf die Enkel übertrug. Besonders hart soll es schwangere Frauen getroffen haben. Singer habe Schwangerschaft als Verrat an ihrem Forschungsprojekt betrachtet, sagen mehrere Mitarbeiterinnen im Gespräch mit dieser Zeitung, und sie bei der Einstellung darauf hingewiesen, dass sie keinesfalls schwanger werden dürften. Singer widerspricht dieser Darstellung über ihre Anwältin.

          Verteidigung wissenschaftlicher Standards

          Nach den Angaben der Mitarbeiter war nicht nur der persönliche Umgang, sondern auch die wissenschaftliche Zusammenarbeit problematisch. Singer habe sie unter Druck gesetzt, ihre Forschungsergebnisse ihren Hypothesen anzupassen, beispielsweise ihrer Annahme, dass dem wirtschaftlichen Handeln genau sieben Motivationsfaktoren zugrunde lägen. Wer dem nicht nachgekommen sei, habe das Projekt ohne Publikation verlassen müssen oder sich wissenschaftliche Inkompetenz vorhalten lassen müssen. Singer teilt dagegen über ihre Anwältin mit, dass auch Studien mit negativen Resultaten publiziert worden seien.

          In einer Mail, die der Redaktion vorliegt, fordert Singer eine Mitarbeiterin allerdings auf, sich von ihren Forschungsergebnissen im Sinne des „Gesamtpakets“ zu distanzieren. Andere Mails zeigen, wie sie Mitarbeiter anwies, Einfluss auf Gutachter zu nehmen. Mehrere ihrer Mitarbeiter halten Singers wissenschaftliche Vorgehensweise deshalb für nicht seriös. „Am Ende stand man mit einer wissenschaftlichen Publikation da, auf die man beim besten Willen nicht stolz sein konnte“, sagt eine Mitarbeiterin. Den Weg an die Presse sei man auch gegangen, um wissenschaftliche Standards zu verteidigen.

          Singer schreibt die Vorwürfe über ihre Anwältin einer kleinen Gruppe zu, räumt aber ein, dass es aufgrund persönlicher Überlastung durch mehrere Großprojekte zu kommunikativen Schwierigkeiten gekommen sei und dass es ihr nicht gelungen sei, jedem Einzelbedürfnis gerecht zu werden. Dafür habe sie sich mit großen Bedauern entschuldigt. Um den Wiederholungsfall auszuschließen, werde sie die Zahl ihrer Projekte reduzieren.

          Die Max-Planck-Gesellschaft, die im Februar 2017 über ihren wissenschaftlichen Fachbeirat von den Vorwürfen erfuhr, hält die Verfehlungen indessen für gravierend. Wie MPG-Sprecherin Christina Beck mitteilt, hat die MPG nach einem ergebnislosen Mediationsverfahren im Dezember 2017 darauf hingewirkt, dass Tania Singer die Leitungsfunktion ihre Gruppe niederlegt. Singer willigte ein. Die MPG will nicht von Mobbing sprechen, nimmt die Vorwürfe laut Beck aber sehr ernst.*

          Vor diesem Hintergrund ist der Plan zur langfristigen Lösung des Konflikts, der den Mitarbeitern vor wenigen Wochen mitgeteilt wurde, alles andere als glücklich. Im Dezember 2017 informierte Singer ihre Mitarbeiter in einer Mail, dass sie im folgenden Januar ein Sabbat-Jahr antrete. Die Leitung ihrer Arbeitsgruppe wurde kommissarisch ihrem Leipziger Kollegen Wolfgang Prinz übertragen. Das beruhigt den Konflikt aber nicht einmal oberflächlich, denn die laufenden Projekte führt Tania Singer in dieser Zeit alleinverantwortlich weiter. Am Ende liegt es wieder an ihr, über Publikationen, Datenzugang und Karrierechancen von Mitarbeitern zu entscheiden, mit denen sie sich entzweit hat. Die Mitteilung der MPG, dass sich „die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frau Singer und diesen Mitarbeitern reibungslos und professionell“ gestalte, vernimmt eine dieser Mitarbeiterinnen mit Erstaunen. Der Redaktion vorliegende Mails bestätigen, dass das Verhältnis zumindest nicht in jedem Fall reibungsfrei ist.

          Noch unglücklicher ist der zweite Teil der Lösung: Vom kommenden Januar an soll Singer zunächst mit einem kleineren Team an einer Berliner Zweigstelle des Instituts arbeiten und nach zwei bis drei Jahren mit ebenfalls verkleinertem Team nach Leipzig zurückkehren. Viele sehen dieser Rückkehr mit Schrecken entgegen. Sie ist auch der Grund, warum sich ein Teil von ihnen an die Presse wandte. Der Plan der MPG ist tatsächlich ziemlich zweifelhaft. Die Leipziger Mitarbeiter sind darin das Bauernopfer. Ihre laufenden Verträge sollen während des Moratoriums nicht verlängert werden und bei Singers Rückkehr ausgelaufen sein: Bahn frei für einen unbeschwerten Neustart, jedenfalls für Tania Singer. Die MPG bezeichnet das als ganz normalen Vorgang, was aber nur auf die Doktoranden zutrifft, die selten länger als drei Jahre bleiben. Das übrige Personal darf sich fragen, warum die MPG der Person, die sie selbst als Problemursache betrachtet, eine goldene Brücke baut und sie selbst dafür ins Abseits schiebt. „Das Signal der MPG ist: Es ist uns egal, was da passieren wird. Sie schickt die Jungwissenschaftler in die Höhle des Löwen“, sagt eine Mitarbeiterin. Sie wisse nicht, woher die MPG den Optimismus nehme, dass künftige Mitarbeiter besser mit Tania Singer zusammenarbeiten würden,

          Man weiß, dass einem keiner hilft

          Die MPG treffen die Leipziger Vorkommnisse zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Erst vor wenigen Monaten waren Mobbing-Vorwürfe gegen eine Direktorin am Garchinger Max-Planck-Institut für Astrophysik an die Öffentlichkeit gelangt. Die MPG ordnete in diesem Fall ein Coaching an, kürzte der Direktorin Stellen und räumte Mängel in ihrem Beschwerdesystem ein, auf die sie mit der Einrichtung eines Whistleblower-Systems und einer Umfrage zu Machtmissbrauch an ihren Instituten reagierte. In Leipzig muss sie nun ein zweites Mal erleben, dass ihr Frühwarnsystem versagte. Sicher ist das Problem nicht Max-Planck-spezifisch. Machtmissbrauch gibt es an vielen Universitäten und wissenschaftlichen Instituten. Dafür sorgt schon der hohe Publikationsdruck und das Überangebot an leistungsbereiten Mitarbeitern. Außerdem spielt sich Mobbing in den Grauzonen des Arbeitsrechts ab. Es kann der Max-Planck-Gesellschaft aber nicht egal sein, wie die Leipziger Mitarbeiter ihre Situation vor dem Schritt an die Öffentlichkeit schildern: „Man weiß nie, worüber man reden kann. Man weiß nie, wohin das Gesagte gelangt. Und man weiß, dass einem keiner hilft.“ Die MPG hat sich inzwischen für Pannen in der internen Kommunikation entschuldigt.

          Die Leipziger Vorkommnisse werfen ein weiteres Mal die Frage auf, ob der Machtmissbrauch an Max-Planck-Instituten eine strukturelle Ursache hat: die Machtfülle der Direktoren, die nach dem Harnack-Prinzip im Gegenzug für exzellente Forschung einzigartige Freiheiten genießen. Wenn den Direktoren immer wieder eine gottgleiche Stellung nachgesagt wird und alle von den Schikanen am Leipziger Institut gewusst haben, fragt ein Leipziger Mitarbeiter, wie können Zivilcourage und wissenschaftliche Exzellenz dann so weit voneinander entfernt liegen? Das Harnack-Prinzip dürfte der MPG teuer sein, aber sie muss überlegen, wie sie es um menschliche Qualitäten ergänzt. Die Doktorandenvertretung der MPG hat dazu einige Forderungen vorgelegt: Führungstrainings, Promotionskomitees aus mehreren Personen, Entzug der Doktorandenbetreuung nach Machtmissbrauch. Das meiste davon gibt es schon, aber nicht flächendeckend.

          Sicher wäre es falsch, der MPG-Generaldirektion unter Präsident Martin Stratmann Desinteresse am Schicksal des Mittelbaus vorzuwerfen. Stratmann hat in seiner Amtszeit eine beeindruckende Zahl an Schutzmaßnahmen durchgesetzt – auch gegen den Widerstand von Direktoren. Man darf sich davon aber nicht zu viel versprechen, wenn die Generaldirektion die Machtprobe mit autoritären Direktoren am Ende nicht wagt. Immerhin weiß sie jetzt: Die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die gerade in Deutschland unter schwierigen Bedingungen arbeiten, nehmen es nicht mehr schweigend hin.

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