https://www.faz.net/-gqz-9e08k

Max-Planck-Gesellschaft : Mehr Harnack wagen

  • -Aktualisiert am

Adolf von Harnack, Foto um 1920 Bild: Picture-Alliance

Nach Fällen von Machtmissbrauch steht das Harnack-Prinzip, das den wissenschaftlichen Direktoren große Freiheiten gewährt, in der Diskussion. Hier stellt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft seine Position dar.

          Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) ist eine Wissenschaftsorganisation, die sich ganz auf die Förderung herausragender Wissenschaftler und ihrer wissenschaftlichen Ideen konzentriert, ein Ansatz, der verkürzt oft als „Harnack-Prinzip“ bezeichnet wird und auf den ersten Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, unserer Vorgängerorganisation, Adolf von Harnack, zurückgeht. Dieser personenorientierte und vertrauensbasierte Ansatz hat die MPG zu einer der weltweit erfolgreichsten und renommiertesten Wissenschaftsorganisationen gemacht.

          Anfang der achtziger Jahre habe ich selbst für meine Promotion an einem Max-Planck-Institut (MPI) geforscht. Im Anschluss daran bin ich mit einem Stipendium der Max-Planck-Gesellschaft für zwei Jahre in die Vereinigten Staaten gegangen, um danach für weitere drei Jahre als Postdoc an das MPI zurückzukehren. In dieser ganzen Zeit wurden mir als jungem Wissenschaftler große Freiräume zur wissenschaftlichen Entfaltung eingeräumt. Vor diesem Hintergrund habe ich meine Amtszeit als Präsident der MPG unter das Motto „Mehr Harnack wagen“ gestellt.

          Entfaltungsräume für Leistungsbereite

          Für mich ist das Harnack-Prinzip mehr und etwas Anderes als die Konzentration exekutiver Macht und Verantwortung in den Händen weniger Direktoren. Es ist Ausdruck von Wissenschaftsfreiheit. Davon sollen nicht nur Direktoren, sondern auch andere Forschende in der MPG profitieren. Natürlich nimmt der Grad an wissenschaftlicher Freiheit mit der Erfahrung zu, und junge Wissenschaftler bedürfen mehr Rat und Förderung. Das ist der Grund, weshalb sie sich bei renommierten Instituten und Direktoren bewerben. Sie wollen von deren Erfahrung und Wissen profitieren.

          Zugleich ist das Harnack-Prinzip ein Leistungsprinzip. Wir haben in den vergangenen Jahren die Rahmenbedingungen für Doktoranden, Postdoktoranden und die Leiter von Max-Planck-Forschungsgruppen neu ausgestaltet und dabei großen Wert darauf gelegt, ihrer wissenschaftlichen Entfaltung den Raum zu geben, den es in der modernen Wissenschaft bedarf. Wir erwarten umgekehrt Leistungsbereitschaft. In diesem Punkt gleicht Spitzenforschung dem Spitzensport. Auch Wissenschaftler stehen im internationalen Wettbewerb. Eine Erkenntnis kann man nur einmal gewinnen, gewinnt sie ein anderer, dann war die eigene Arbeit umsonst. Das gilt für alle, vom Doktoranden bis hin zum Direktor.

          Das Machtgefälle verlangt hohe Führungsqualitäten

          Der Wettbewerb darf allerdings nicht dahingehend ausarten, dass es nicht mehr um die wissenschaftliche Erkenntnis selbst geht, sondern nur noch um die schiere Anzahl der Publikationen und einer auf rein statistischen Analysen beruhenden Leistungsmessung. Forschungsorganisationen und Universitäten müssen sich diesem Trend, der zu einem enormen Druck in den Abteilungen führt und die Qualität und den Ruf der Wissenschaft gefährdet, entgegenstellen.

          Der Auswahl und der angemessenen Betreuung von jungen talentierten Wissenschaftlern kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Der Wettbewerb um akademische Positionen ist hart, eigene wissenschaftliche Durchbrüche lassen sich nicht erzwingen und bei allen Zukunftsplanungen sind junge Forscher von der Begutachtung durch bereits arrivierte Wissenschaftler abhängig. Mit diesem Machtgefälle verantwortlich umzugehen, verlangt hohe Führungsqualitäten. Die Direktoren in der Max-Planck-Gesellschaft sind sich dieser Herausforderung in der großen Mehrheit bewusst. Sie wissen, dass mit den ihnen zugewiesenen Freiräumen ein steigendes Verantwortungsbewusstsein für die ihnen anvertrauten Mittel und Menschen einhergeht. Trotzdem kommen in einer so großen Gesellschaft wie der MPG auch Fehler und in Einzelfällen auch Missbrauch der eigenen, mit hohen Freiheitsgraden ausgestatteten Position vor.

          Für mich als Präsident ist es wichtig, diese Fälle frühzeitig zu identifizieren, mit ihnen angemessen umzugehen und aus den Erfahrungen für die Zukunft die richtigen Schlussfolgerungen abzuleiten. Die MPG verfügt über geeignete Anlaufstellen und Instrumente im Umgang mit Fehlverhalten auf Führungsebene. Ich bin darüber hinaus offen für sinnvolle Ergänzungen und Nachjustierungen und werde in die Beratungen alle einbinden, unsere Doktorandenvertretung eingeschlossen. Aber auch dieser Punkt ist mir wichtig: Die MPG hat eine Fürsorgepflicht für alle ihre Mitarbeiter. Handeln kann sie daher immer nur auf der Basis von konkreten und überprüfbaren Angaben. Die Frage nach dem Umfang der Sanktionierung von Fehlverhalten ist eine, die die Leitung mit Augenmaß und verantwortungsvoll beantworten muss.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spitzenfrauen : Harmonie auf Zeit

          Nachdem die Personalien geklärt sind, geht es politisch bald ans Eingemachte: Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung, Rüstungsexporte. Die mächtigsten Frauen Europas – Kramp-Karrenbauer, von der Leyen und Merkel – könnten sich dabei in die Quere kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.