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Martin Heidegger : Den Völkermördern entgegengearbeitet?

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Eine Sphäre alternativer Wahrheiten

Auch die Erörterung eines Projektes, das die Arbeit der Akademie spätestens seit dem Mai 1939 beherrschte, als Frank mit Pomp die „Schaffung eines deutschen Volksgesetzbuches“ ankündigte, hätte die Behauptungen zum Blatt 171 zu sehr gestört – da sie dessen tatsächlichen Grund erklären kann. Über den Zeitraum seit dem Juni 1939 schrieb Heinrich Lange 1941: Es wurde „zur Vorbereitung der Arbeitssitzungen über die einzelnen Gebiete an rund 85 Wissenschaftler und Praktiker das Ersuchen um Gutachten und Referate gerichtet“. Es ist mithin belegt, dass die ADR für das „Volksgesetzbuch“ Wissenschaftler zwecks Gutachten anschrieb, und so ist die Liste der einstigen Mitglieder des Ausschusses mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Verzeichnis der Namen von Gutachtern, die für die ADR schon tätig waren und die nun als potentiell verfügbar galten, um sich zu einzelnen Fragen, sei es zum Familienrecht oder zu anderen Rechtsgebieten, möglicherweise auch zur Definition des „Volksgenossen“, zu äußern. Ob die auf Blatt 171 genannten Personen tatsächlich kontaktiert wurden, geht aus dem Blatt nicht hervor und kann einstweilen auch aus keinen anderen Dokumenten erwiesen oder widerlegt werden. Es ist also ungewiss, ob die Personen auf der Liste von der Existenz der Liste wussten.

Da in der ADR ein Dutzend Namen auf ein Blatt Papier getippt wurden, ohne dass der Grund dafür bekannt wäre, sollen alle dort Genannten überführt sein, aktiv den Holocaust betrieben zu haben. Dass es für den Zeitraum von 1934 bis 1941/41 keine weitere Listen von Mitgliedern gibt, wertet Rastier nicht etwa als Beleg dafür, dass der Ausschuss nicht weiter tagte und eingestellt wurde. Vielmehr sieht er dadurch den geheimen Charakter des Ausschusses bestätigt: „Diese Tatsachen stimmen jedoch mit der Geheimhaltung überein, mit der die Ausrottung durchgeführt wird, und diese Heimlichkeit [,discrétion‘] kann perfekt die Bedeutung des Ausschusses belegen, da ja bereits 1939 ein ‚unsichtbarer Krieg‘ erklärt worden war.“ Die Nichtexistenz von Belegen belegt die Bedeutung! Der Semiotiker verweist auf die Posener Rede Himmlers, in der dieser erklärt hatte, die „Ausrottung des jüdischen Volkes“ sei ein „nie zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte“. Das Fehlen von Dokumenten soll es hier rechtfertigen, einen Handlungskonnex mit der Vernichtung der Juden zu behaupten – da kann man nur noch den Kopf schütteln.

Die Frage, welche die Interpretation des Schriftstücks mit der Signatur BArch R 61/30, Blatt 171, stellt, ist also nicht die nach der Rolle von Bruns, Freyer, Heidegger und Kollegen, denn es lässt sich nur sagen, dass sie anlässlich des „Volksgesetzbuches“ wohl noch einmal als Gutachter in Erwägung gezogen wurden. Es geht nicht allein um den Antisemiten und Nazi Heidegger. Zudem war nicht jeder Antisemit und Nazi ein Mittäter von Chelmno und Auschwitz, und auch hier kann keine Kollektivschuld gelten. Wenn aber sogar noch der fehlende Beweis als Beweis für eine Teilhabe am Holocaust anerkannt wird, lässt man den gelehrten Disput hinter sich. Man hat dann die Sphäre „alternativer Wahrheiten“ betreten, mit denen jedem jedes Verbrechen angelastet werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass Kellerer und Rastier zu einer Revision ihrer Urteile fähig sind.

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