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Martin Heidegger : Den Völkermördern entgegengearbeitet?

  • -Aktualisiert am

Unbelegte Behauptung

Schon dieses eine Zitat macht offenkundig, wie heikel es ist, sämtliche Mitglieder des Ausschusses als Beteiligte an der Vorbereitung der Nürnberger Gesetze in Haftung zu nehmen. Dass auch dem Neukantianer Rudolf Stammler damit en passant ein biologistischer Antisemitismus unterstellt wird, ist ein weiterer Kollateralschaden des Kampfes, den Kellerer und Rastier gegen Heidegger führen. Von dem Völkerrechtler Viktor Bruns sind überhaupt keine rassistischen Aussagen bekannt. Im Gegenteil sorgte er als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht dafür, dass völkische und antisemitische Töne aus der juristischen Forschung ferngehalten wurden.

Und wenn postuliert wird, dass sich der rechtsphilosophische Ausschuss einer nationalsozialistischen Akademie im Zeitraum vor den Nürnberger Gesetzen doch wohl mit der „Rassenfrage“ habe befassen müssen, so könnte nur von sonst bekannten Äußerungen der Teilnehmer auf ihre Position in einer solchen Diskussion geschlossen werden. Dann wäre aber Heideggers vielfach belegte Ablehnung des biologistischen Antisemitismus in Rechnung zu stellen. Hier aber soll umgekehrt von den Nürnberger Gesetzen und der unbelegten Behauptung einer Teilhabe des Ausschusses an ihrer Vorbereitung auf eine von allen Primärquellen abweichende Überzeugung geschlossen werden.

Nicht einmal einen Zettel als Beleg

Rastier behauptet, Hans Frank – politisch verantwortlich für die Vernichtungslager Belzec, Majdanek, Treblinka und Sobibor – sei derjenige gewesen, unter dessen „Autorität“ die „ersten Vergasungen“ in Auschwitz und Chelmno stattgefunden hätten. Das ist unrichtig. Der Irrtum hat Methode: Mit systematischer Willkür werden historische Daten und Namen in eine Deutungskonzeption gezwungen, die Heidegger partout zum Aktivisten des Holocaust erklären will. Hier soll das durch die Klammer des Namens Hans Frank und des Datums 1941/1942 geschehen: Frank – 1941 – Auschwitz – Ausschuss – Heidegger.

Bei Rastier heißt es sogar, „bis zum Dezember 1942“ habe der Ausschuss „die Vernichtung vorbereitet und begleitet, in der Praxis wie in der Theorie“, er habe die „rechtlichen Bedingungen“ und Legitimationen geliefert. Woher nimmt Rastier das nur? Dafür gibt es nicht einmal einen Zettel als Beleg. Man muss es noch einmal wiederholen: Der Ausschuss für Rechtsphilosophie der ADR habe die Vernichtung europäischer Juden „in der Praxis“ begleitet – „en pratique“! Es fällt recht schwer, eine bizarre Behauptung solcher Art nur als den Irrtum eines Fachfremden zu bewerten. Denn wenn die Quellenlage ohnehin so dürftig ist wie im Fall des Ausschusses für Rechtsphilosophie, dann ist der Konjunktiv der Vorsicht der Mindeststandard intellektueller Redlichkeit.

Von Rastier wird auch nicht dargelegt, warum gerade der Ausschuss für Rechtsphilosophie „in der Praxis“ am Holocaust beteiligt gewesen sein soll, nicht aber jener für Strafrecht – dem Roland Freisler vorstand. Oder warum nicht der Ausschuss für Wehrrecht oder jener für die Strafgerichtsbarkeit der SS oder jener für Polizeirecht? Wären diese nicht besser geeignet gewesen? Das wird ignoriert, da die Protokolle erhalten sind und Heidegger nicht dabei war.

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