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Martin Heidegger : Den Völkermördern entgegengearbeitet?

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Alfred Rosenberg firmiert als „Reichsminister“ – zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete wurde der NS-Ideologe erst am 17. Juli 1941 ernannt. Am 20. August 1942 entließ Hitler seinen frühen Gefolgsmann Frank aus dem Amt des Präsidenten der ADR wie auch aus allen Parteiämtern. Es lässt sich daher erschließen, dass die Liste nach dem 17. Juli 1941 und vor dem 20. August 1942 erstellt wurde. Die „Frankfurter Zeitung“ hatte 1934 siebzehn Mitglieder genannt; 1935 wurde Julius Streicher nachberufen. Im Vergleich dazu fehlen sechs Namen auf dem Blatt: Julius Binder, 1939 verstorben; Hans Naumann, dem 1935 die Lehrerlaubnis entzogen wurde; Helmut Nicolai, 1935 wegen Homosexualität verurteilt; Jakob von Uexküll verzog 1940 nach Capri; Julius Streicher wurde 1940 seiner Ämter enthoben; Rudolf Stammler war 1938 verstorben.

Es wurden auf dem Blatt aber nicht nur Namen weggelassen, es blieb auch ein Name stehen, von dem es nicht zu erwarten gewesen wäre: Carl Schmitt. Dessen gemeinsame Anwesenheit mit Heidegger und Rosenberg ist für 1941/42 schwer vorstellbar. Sowohl in der Heidegger- als auch in der Schmitt-Forschung gilt es als sicher, dass die beiden Parteigenossen sich höchstens ein- oder zweimal trafen, im September 1933 und im Mai 1934. Der Schmitt-Biograph Reinhard Mehring: „Sie mieden dann die Begegnung.“ Und nun sollen sie im Zweiten Weltkrieg gemeinsam im Ausschuss gearbeitet haben, ohne dass einer von ihnen – oder einer der anderen zehn Beteiligten – in Briefen, Notizen, Tagebüchern oder Erinnerungen das je erwähnt hätte?

Mit fliegenden Fahnen in die NSDAP

Die Entmachtung von Carl Schmitt, die sich in den Jahren 1936 und 1937 vollzog, war im sogenannten „Amt Rosenberg“ vorbereitet worden und wurde von dort aus auch weiter unterstützt. Angesichts des Einsatzes von Rosenberg gegen den als Opportunisten und „Märzgefallenen“, als katholischen Denker und „Judenfreund“ geltenden Juristen muss ausgeschlossen werden, dass sich Rosenberg einige Jahre später in aller Heimlichkeit mit dem so Verfemten an einen Tisch setzte, um über rechtsphilosophische Fragen zu debattieren. Die Kombination der Namen von Rosenberg und Schmitt auf Blatt 171 nötigt dazu, einen Grund für die Erstellung dieses Papiers zu erwägen, der mit der Protokollierung einer etwaigen Tagung wenig zu tun hat.

Schließlich gibt auch die Nennung des Namens von Max Mikorey Anlass zum Zweifel. Mikorey war vom 1. November 1940 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs der Armeesanitätsabteilung 552 zugeteilt, vom Mai 1941 bis März 1942 bei der Deutschen Heeresmission Rumänien, danach bis 1945 an der Ostfront, nur am 15. September 1944 wurde er einmal von Frank in Krakau empfangen, um einen Vortrag über die „Bedeutung der Panik für den Krieg“ zu halten. Die „Mitgliederliste“ des Ausschusses für Rechtsphilosophie kann daher schwerlich die Anwesenheitsliste einer Tagung im Zeitraum zwischen Juli 1941 und August 1942 sein.

Im Mai 1933, als Männer wie Heidegger und Schmitt noch eben mit fliegenden Fahnen der NSDAP beitraten, bevor die vierjährige Beitrittssperre wirksam wurde, hatte sich das spätere Ausschussmitglied Uexküll brieflich an die Witwe des völkischen Theoretikers Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagners Tochter Eva, gewandt. Der 1927 verstorbene Chamberlain, behauptete Uexküll, würde „vehement“ gegen das „protestieren“, was gerade in Deutschland geschehe: „Jene, die nicht mindestens 75 Prozent arisches Blut haben, werden entlassen. Das ist die schlimmste Form der Barbarei. \[...\] Meine sehr verehrte Freundin, Sie haben Einfluss auf Hitler. Bitte schreiben Sie ihm und bewegen Sie ihn dazu, ein Wort der Vermittlung zu sagen.“

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