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Martin Heidegger : Den Völkermördern entgegengearbeitet?

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Mitwirkung an der Vernichtung der europäischen Juden?

Dem Zitat aus dem Brief aber schließen Rastier und Kellerer eine Behauptung an, für die dasselbe gilt, was die Autoren über die Leugnung von Martin Heideggers Antisemitismus durch Hermann Heidegger sagen: dass „deren regelmäßige Wiederholung nichts an ihrer Unwahrheit“ ändert. Vom Ausschuss für Rechtsphilosophie der ADR wird behauptet: Er „wirkte maßgeblich an der Vorbereitung der Nürnberger Gesetze mit“. Schon 2009 schrieb Emmanuel Faye, Víctor Farías habe gezeigt, dass Heidegger sich auch nach 1934 wieder nationalsozialistisch engagiert habe, nämlich „durch seine aktive Teilnahme [...] an einem Ausschuss für Rechtsphilosophie, der [...] damit beauftragt war, die künftigen Nürnberger Gesetze zu legitimieren“. Doch Farías erwähnt die Nürnberger Gesetze an der zitierten Stelle mit keinem Wort.

Zudem ist die Entstehung der Nürnberger Gesetze sehr gut erforscht, und wenn sich etwas über die ADR und ihren Ausschuss für Rechtsphilosophie sagen lässt, das außer Zweifel steht, dann gerade, dass sie an der Entstehung der Rassengesetzgebung keinen verwertbaren Anteil hatten – sehr zum Leidwesen von Hans Frank, wie diverse Historiker bemerkt haben. So stellt Hans-Detlef Heller in seiner Monographie über die Zivilrechtsgesetzgebung im Dritten Reich fest: „Die nur spärliche Einschaltung der Akademie in das Gesetzgebungsverfahren war für Frank immer wieder enttäuschend. Am meisten hat ihn wohl gekränkt, dass die Nürnberger Gesetze ohne Mitwirkung der Akademie zustande gekommen waren.“ Als Beratungsgremium des Gesetzgebers hatte die Akademie, so Werner Johe in seinem Buch „Die gleichgeschaltete Justiz“, „schon kurz nach ihrer Gründung keine Bedeutung mehr, wie das Zustandekommen der Nürnberger Gesetze vom September 1935 zeigt“. Diese „wurden der Akademie nicht vorgelegt“.

Ein bisher unbeachtetes Blatt Papier soll nun dem Mangel an Belegen für die Bedeutung des Ausschusses abhelfen und der These von Heideggers Beteiligung an der juristischen Vorbereitung zur Vernichtung der europäischen Juden Auftrieb geben. Ohne die Fundstelle des Dokuments zu nennen, verkündeten Kellerer und Rastier in mehreren Presseartikeln eine „große Entdeckung“: Eine „datierte Mitgliederliste des Ausschusses“ (Kellerer) beweise, dass Heidegger mindestens bis zum Juli 1942 „Mitglied dieser Einrichtung“ gewesen sei, an den Nürnberger Gesetzen mitgewirkt habe und sogar am Holocaust beteiligt gewesen sei.

Im Ausschuss mit Carl Schmitt?

Das Dokument ist im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde unter BArch R 61/30, Blatt 171, abgeheftet und, entgegen Kellerers Aussage, undatiert, lässt aber einen Rückschluss auf den Zeitraum seiner Anfertigung zu – und stellt dadurch die amtliche Version der Geschichte der Akademie in Frage. Denn nach dieser (BArch R 61/31, Blatt 15) wurde der Ausschuss 1938 aufgelöst. Das scheint nun fraglich, da die Mitgliederliste deutlich nach 1938 erstellt wurde. Hans Frank und Carl August Emge sind weiter als Vorsitzende verzeichnet, darüber hinaus werden zehn Namen mit Adressen genannt: Viktor Bruns, Hans Freyer, Martin Heidegger, Ernst Heymann, Erich Jung, Wilhelm Kisch, Max Mikorey, Alfred Rosenberg, Erich Rothacker, Carl Schmitt.

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