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Mangelnde Transparenz : Ungereimtheiten an der Hochschule Allensbach

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Allensbach am Bodensee – doch die gleichnamige Hochschule liegt in einem Gewerbegebiet von Konstanz. Bild: Picture-Alliance

Zu stolzen Preisen kann man an der privaten Hochschule Allensbach ein Studium absolvieren. Doch inwiefern dort ein wissenschaftlicher Austausch stattfindet, bleibt fraglich.

          Wer den Namen Allensbach hört, denkt an ein beeindruckendes Bodensee-Panorama oder aber an das dort angesiedelte Institut für Demoskopie. Mit nur rund 7000 Einwohnern hat sich die Gemeinde einen wohlklingenden Namen gemacht, der sich gut vermarkten lässt. Seit dem Jahr 2015 gibt es eine private Hochschule mit dem Titel Allensbach, die mit dem Demoskopie-Institut nicht in Verbindung steht. Die Büros der neuen Hochschule befinden sich kurioserweise in einem Haus im Konstanzer Gewerbegebiet, in dem unter anderem eine Tagesklinik angesiedelt ist.

          Das aber scheint nicht die einzige Merkwürdigkeit der zunächst bis Jahresende 2019 staatlich anerkannten Hochschule zu sein, die im vergangenen Wintersemester 180 Studenten hatte, davon sechszehn Studienanfänger (selbst bei einem eventuellen Wegfall der Anerkennung könnten alle eingeschriebenen Studierenden in der Allensbach Hochschule ihr Studium ordnungsgemäß beenden und einen staatlich anerkannten Abschluss erwerben).  Einer schmucken Präsentation im Internet steht eine erstaunliche Schweigsamkeit bei Presseanfragen gegenüber. Monatelange Kontaktversuche der F.A.Z. blieben unbeantwortet, telefonische Anfragen wurden auf einen Anrufbeantworter umgeleitet, manchmal legten die Gesprächspartner einfach auf.

          Aus diesem Grund hat sich nun der frühere Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Rezzo Schlauch (Grüne), aus dem „Expertenbeirat“ der Hochschule zurückgezogen: „Ein solches Verhalten ist aus meiner Sicht ein grober Verstoß gegen das Transparenzgebot, dem sich gerade eine Hochschule besonders verpflichtet fühlen müsste. Für mich ist das ein völlig inakzeptables Verhalten, das ich als Beirat nicht vertreten kann.“ In seinem Kündigungsschreiben spricht Schlauch zudem von „fragwürdigen personellen Konstellationen“. Auch der frühere baden-württembergische Arbeitsminister Andreas Renner (CDU) hat den Beirat vor wenigen Tagen verlassen. Er sagte dieser Zeitung, er habe das an der Hochschule wirkende Ehepaar Keppler ein einziges Mal in einem Café in Singen getroffen und danach nie mehr etwas davon gehört. Es habe keine einzige Sitzung des „Expertenbeirats“ gegeben. Das bestätigt auch Schlauch. Auf der Website der Hochschule wurde der „Expertenbeirat“ inzwischen entfernt, gleichzeitig wurden auch Hinweise auf den bislang parallel existierenden „Wissenschaftlichen Beirat“ gelöscht.

          Wo bleibt der akademische Austausch?

          Als Kanzler der Mini-Hochschule fungiert Timo Keppler, der als Geschäftsführer der „Valextra Management GmbH“ wirkte, die unter anderem die Website „promotionsexperten.ch“ betrieb: „Unser Promotionsexpertenteam verschafft Ihnen (zugesichert) die Möglichkeit, an einer Universität mit vollem Promotionsrecht zu promovieren.“ Ob das Unternehmen noch tätig ist, wollte Keppler auf Anfrage nicht beantworten. Er tritt darüber hinaus als „Vorstand/CEO“ der „European Education Group AG“ auf, die eine Kontaktadresse in Liechtenstein angibt. Das Unternehmen bietet einen Master im Fernstudium für knapp 9000 Euro an, woran man „direkt“ ein Doktorratsstudium anschließen könne.

          Als zweiter Ansprechpartner wird der Weilburger Rechtsanwalt Thorsten Eidenmüller genannt, in dessen Dissertation die Forschungsplattform VroniPlag Wiki auf 41 Prozent der Textseiten Plagiate gemeldet hatte. Eidenmüller ist auch einer von fünf Honorarprofessoren an der Hochschule Allensbach, deren Namen aber größtenteils unbekannt sind. Dabei verwundert es, dass die Hochschule, die Kurse nur in Wirtschaft, Management und Wirtschaftspädagogik anbietet, auch eine Medizinerin der Pleißental-Klinik in Sachsen und einen selbständigen Zahnmediziner aus der Region Frankfurt mit den Titeln ausgestattet hat. Beide wollten sich auf Anfrage nicht dazu äußern, ob und wie sie die nicht wenigen Verpflichtungen aus der Honorarprofessorenordnung erfüllen. Diese Ordnung wird, ebenso wie die Satzung der Hochschule, weder im Internet noch auf Anfrage bereitgestellt.

          Kepplers Ehefrau Sonja leitet derweil als Professorin den Studiengang „Bachelor in Betriebswirtschaftslehre“. Dabei findet das 11700 Euro teure Studium „online und ohne Präsenzveranstaltungen sowie ohne Präsenzpflicht“ statt. Auf das Bodensee-Panorama müssen die Studenten verzichten. Der vor kurzem berufene Jurist Maximilian Werkmüller sieht aber gerade das als Vorteil: Das digitale Lern- und Vermittlungskonzept eigne sich etwa für Alleinerziehende, die nicht reisen können. Werkmüller baut das Wahlpflichtfach „Family Office Management“ an der Hochschule auf und nennt es eine Innovation in Deutschland. Die digitalen Vorlesungen werde er in seiner Heimat Düsseldorf aufzeichnen lassen. Gelegentlich sei er aber auch vor Ort am sieben Bahnstunden entfernten Bodensee.

          Der Wissenschaftsrat verlangt zur Akkreditierung einer Hochschule, dass ein intellektueller und wissenschaftlicher Austausch innerhalb des Lehrkörpers erkennbar ist. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser Austausch entstehen kann, wenn alle Professoren jederzeit in alle vier Winde verstreut wären. Im September soll der ein Jahr in Anspruch nehmende Prozess der Akkreditierung beginnen, dazu gehört für den Wissenschaftsrat auch ein zweitägiger Ortsbesuch in Konstanz. Auf das ehemalige Beiratsmitglied Schlauch werden die Prüfer dann nicht mehr treffen. Er erklärt, die ehrenamtliche Position etwas „blauäugig“ angenommen zu haben.

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