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Mafia-Fotografie als Quelle : Es war einmal vor der Kamera

Vergeblich versuchte die Frau, ihren Mann zu retten. Sie konnte nur noch seinen Tod beklagen. Letizia Battaglia, die 1976 in Palermo dieses Foto machte, leitet in der Stadt heute das Centro Internazionale di Fotografia. Bild: Letizia Battaglia / Galerie Metis

Pressefotografien hatten einen großen Anteil an der Mobilisierung der italienischen Öffentlichkeit gegen die Mafia. Heute versteht das organisierte Verbrechen, sich unsichtbar zu machen.

          Das Centro Internazionale di Fotografia in Palermo ist kein Museum. Das Gebäude hat nichts Repräsentatives, eine ehemalige Fabrikhalle, in der Möbel und Schiffseinrichtungen hergestellt wurden, etwas außerhalb der Innenstadt, der Eintritt ist frei. Dennoch fühlt sich, wer die Ausstellung „Continente Sicilia“ des Magnum-Fotografen Franco Zecchin besucht, die hier noch bis zum 16. Juni zu sehen ist, in ein Museum versetzt. Knapp hundert Schwarzweißaufnahmen werden gezeigt, exzellenter Bildjournalismus in der Tradition von Henri Cartier-Bresson, einprägsame, oft aufwühlende Zeugnisse aus den Jahren 1975 bis 1994, als Zecchin an der Seite von Letizia Battaglia, der Leiterin des Centro, für die linke Tageszeitung „L’Ora“ arbeitete.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Lebenswirklichkeit der Insel wird in vielen Aspekten erfasst. Aber ein Thema dominiert: die Mafia. Die Reporter von „L’Ora“ hörten den Polizeifunk ab und waren oft als Erste am Tatort. Auch Gerichtsverhandlungen und Beerdigungen haben sie dokumentiert wie 1980 die Trauerfeier für Piersanti Mattarella, den Präsidenten der Region Sizilien (und Bruder des heutigen Staatspräsidenten), schließlich die Bomben gegen Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992.

          Viele dieser Bilder sind ins kollektive Gedächtnis eingegangen. So das Foto von dem Mord an einem Gärtner, hinter dessen von einem Laken bedeckten Leichnam drei Frauen in Schwarz – rechts die Witwe, daneben die Töchter – um ihn trauern, wobei sich eines der Gesichter in einer Lache nicht aus Wasser, sondern aus Blut spiegelt. Für den Widerstand gegen die Mafia hatten diese Aufnahmen eine große, anstiftende Wirkung: Battaglia und Zecchin haben sie im öffentlichen Raum plakatiert und so Anlässe für Gespräche geschaffen, um das Schweigen zu brechen. Die Anti-Mafia-Bewegung hat hier eine ihrer Wurzeln.

          Die Cosa Nostra passte sich an

          Die Serie der Greuel ist von einer schockierenden Grausamkeit und chronologischen Dichte, wie es sie seitdem nicht mehr gegeben hat. Auch deshalb erscheinen die Aufnahmen als historisch. Die traumatisierenden Attentate auf Falcone und Borsellino, dann, ein halbes Jahr später, die Verhaftung von Totò Riina, dem Boss der Bosse, setzten eine Zäsur. Der Druck auf die Politik, endlich entschlossen zu reagieren, war zu groß geworden, zum ersten Mal stellten sich reumütige Mafiosi den Behörden, um mit ihnen zusammenzuarbeiten, die Zivilgesellschaft artikulierte mit bis dahin unbekanntem Nachdruck ihren Unmut.

          Die Cosa Nostra änderte ihre Strategie und bewies ihre Anpassungsfähigkeit, indem sie dem Staat nicht länger den Kampf ansagte, sondern ihn infiltrierte, Institutionen, Verwaltungen, Parteien und Medien unterwanderte, sich mit der Politik und den Eliten arrangierte. Die Geschäftsfelder wurden verlagert und, längst über Italien hinaus, auch auf legale Bereiche diversifiziert. Der „pizzo“, das Schutzgeld, wird, gerade auf Sizilien, zwar weiter erpresst, Drogen- und Waffenhandel, Markenpiraterie, Immobilieninvestitionen mit schmutzigem Geld, Müllentsorgung und Subventionsbetrug aber sind profitabler. Stille Übereinkünfte werden geschlossen. Nur kein Aufsehen erregen ist dabei oberstes Gebot. Gewaltverbrechen stören die Geschäfte.

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