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Schule und Computer : Lernen im Chatroom

Gefährliche Verbindung? Schulkinder am Smartphone Bild: Maskot /Maskot/F1online

Die Schulpolitik will Smartphones und Tablets in die Klassenzimmer holen. Auf der zweiten Frankfurter (In)kompetenzkonferenz hält man das für keinen klugen Plan. Was würde wohl Steve Jobs dazu sagen?

          Manfred Spitzer hat viel Prügel eingesteckt für die Behauptung, dass sich der Konsum digitaler Medien nicht unbedingt günstig auf den Bildungsweg auswirke. Mittlerweile gibt es eine stattliche Zahl von Studien, die Spitzers These stützen, und der Psychiatrieprofessor der Universität Ulm muss nicht mehr als einsamer Prediger durchs Land ziehen. Die deutsche Bildungspolitik, die das Thema Digitalisierung rauschhaft für sich entdeckt hat, zeigt an diesen Erkenntnissen wenig Interesse. In ihren Beraterstäben geben sich Industrielle und Informatiker die Klinke in die Hand, assistiert von Pädagogen, die sich auf einen wirtschaftsnahen Begriff von Bildung geeinigt haben.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Spitzer mochte auf der zweiten Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz also noch so viele Fachpublikationen an die Wand werfen. Eher als ein verantwortlicher Bildungspolitiker wird sich wohl ein Kollege aus dem Gesundheitsressort dafür interessieren, wie stark der übermäßige Konsum digitaler Medien, wie Spitzer darlegte, zu Übergewicht, Schlafstörungen, Kurzsichtigkeit und anderen Malaisen beiträgt. Um nur einen Punkt herauszugreifen: Dreißig Prozent der unter dreißigjährigen Deutschen, so Spitzer, sind heute kurzsichtig. In der vordigitalen Generation lag der Wert bei 1,5 Prozent. Woran das liegt, war für Spitzer klar: Das menschliche Auge sei evolutionär darauf angelegt, sich so fortzuentwickeln, bis es die Dinge scharf sieht. Wenn es permanent in kurzem Abstand auf winzige Monitore starre, sei diese Entwicklung gestört. China hat den digitalen Medienkonsum für Kinder deshalb per Gesetz beschränkt. „Auch wir müssen unsere Kinder schützen“, sagte Spitzer. Er sei besorgt.

          Was Steve Jobs zu Handys an Schulen sagen würde

          Die deutsche Bildungspolitik plagen andere Sorgen. Sie will das Zeitfenster nutzen, um Schulen zu digitalisieren, was für sie unter anderem heißt: die Klassenzimmer mit Smartphones und Tablets auszustatten. Die Geräte sollen die Schüler selbst mitbringen. Die Bildungsgerechtigkeit, sonst ein hohes Ideal der Bildungspolitik, das für kontinuierliche Niveauabsenkung missbraucht wird, muss da einmal zurückstehen. Nun wollen 86 Prozent der Eltern nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar Public ein Handyverbot an Schulen. In Frankfurt war es zudem Konsens, dass die Vorzüge von Computern und Tablets im Unterricht bisher von keiner einzigen Studie belegt werden. Umgekehrt gibt es viele Publikationen, die zu einer skeptischen Einschätzung gelangen. So kam die amerikanische Westpoint Academy zu dem Ergebnis, dass Studenten ohne Laptop und Tablet um zwanzig Prozent bessere Leistungen erzielen. Selbst die OECD, sonst ein fleißiger Bildungsmodernisierer, musste einräumen, dass Schulen mit wachsenden Investitionen in ihre digitale Infrastruktur schlechter wurden. Es ist wohl kein Zufall, dass Steve Jobs und Bill Gates ihren Kindern ein Handyverbot erteilten.

          Man muss das nicht als Generalabsage an digitale Technik an Schulen verstehen. Aber die Frage wäre, welchen Beitrag sie zu einem strukturierten Unterricht leisten kann. Der Digitalpakt, den Bund und Länder seit Jahren vor sich herschieben, ist dagegen von der Technik her gedacht. Sind die Geräte erst einmal da, wird sich ein Zweck schon finden. Ob dann noch genügend Geld für die dringend benötigten Lehrer vorhanden sein wird, lässt sich allerdings bezweifeln. Von den fünf Milliarden Euro Anschubfinanzierung, rechnete Josef Kraus, der ehemalige Präsident des Philologenverbands, vor, würde für die einzelne Schule nur ein fünfstelliger Betrag bleiben. Das würde für Wartung und Erneuerung der Infrastruktur nicht lange reichen.

          Schule ohne Lehrer

          In dem Ausblick, den Ralf Lankau präsentierte, spielten Lehrer nur noch eine Nebenrolle. Der Offenburger Medienpädagoge warf ein Bild an die Wand, auf dem Schüler an Computerterminals in einem Großraumbüro isoliert ihr individuell auf sie abgestimmtes Lernpensum abspulen. Keine Fiktion, das gibt es wirklich. Voraussetzung dafür ist die Vermessung der Schüler durch sogenannte Learning-Analytics-Programme, die ihre Leistungen und Persönlichkeitsmerkmale im Detail erfassen und sie in den Verwertungskreislauf der Tech-Industrie einschleusen. Nach Lankau sind die Agenten amerikanischer Softwarefirmen auch hierzulande unterwegs, um Lehrer als Coaches solcher Programme auszubilden. Pädagogisch ist ihnen der Teppich ausgerollt: Angesichts wachsender kultureller Vielfalt, heißt es in einer Erläuterung des Digitalpakts auf der Website des Bundesbildungsministeriums, müsse sich Bildung individualisieren.

          Die Gesellschaft für Bildung und Wissen, die den Kongress zum zweiten Mal organisierte, ist eine Art gallisches Dorf, das den Bildungshumanismus gegen die breite Front von Bertelsmännern, Kuschelpädagogen und Reformtechnokraten in der deutschen Bildungspolitik verteidigt. Der Konferenztitel ist eine ironische Anspielung auf deren Ziel, Fachwissen durch abstrakte Kompetenzen zu ersetzen. Rund 350 Zuhörer fanden sich im großen Medizinerhörsaal der Goethe-Universität ein. „Reichen die Würstchen?“, fragte Josef Pfeilschifter, Dekan der Medizinischen Fakultät, angesichts des unerwarteten Zustroms. Sie reichten. Es wäre sogar noch eins dagewesen für einen Politiker, der das Smartphone im Unterricht verteidigt. Er hätte auch ein Wort dazu sagen können, ob man wirklich glaubt, dass Schüler darauf am liebsten Mathematikaufgaben lösen.

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