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Lehrerbildung : Wider die Fragmentierung

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Klassische Ausbildung: Lehramtsstudenten im ersten Studienjahr an der Universität Leipzig Bild: dpa

Lehrerbildung kann nur als gemeinsame Aufgabe von Schule, Universität und Seminar gelingen. Die Fachlichkeit darf dabei nicht zu kurz kommen.

          Universitäre Lehrerbildung ist in aller Munde, leider nicht immer so, wie man es sich als überzeugter Lehrerbildner wünschte. Angesichts der Probleme in den Schulen und eines überbordenden Lehrermangels überrascht es nicht, dass die universitäre Lehrerbildung über ihre Leistungsfähigkeit wenig Schmeichelhaftes zu hören bekommt. Sie gilt immer noch als ein Ort, an dem theoretisches Lernen und die Berufsvorbereitung in keinem glücklichen Verhältnis stehen. Dies ist besonders ärgerlich, da in den letzten Jahren Lehrerbildungszentren wie Pilze aus dem Boden schießen, Millionen im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung in Lehre und Forschung investiert und Praxisphasen ausgedehnt werden. Auch in den Studienordnungen wird großer Wert auf die Professionalisierung der Studenten gelegt, um Grundlagen für die weitere Ausbildung und den Beruf zu schaffen: Die Studenten sollen zwei Fächer auf wissenschaftlichem Niveau beherrschen, fachdidaktisch beschlagen und allgemeinpädagogisch sattelfest sein, Grundlagen inklusiven, sprachbildenden und digitalisierten Unterrichts kennen sowie orientiert sein, wie man wissenschaftlich fundiert Schulentwicklung betreibt, Konflikte löst und mit Eltern kommuniziert.

          Trotz dieser optimistischen Perspektiven wurde das Grundproblem der Lehrerbildung nicht gelöst, Theorie und Berufsvorbereitung ins Gleichgewicht zu bringen. Blickt man nämlich auf die zahlreichen Reformen des Lehramtsstudiums zurück, die nach dem Pisa-Schock in die Wege geleitet wurden, fällt die Gewinn- und-Verlust-Bilanz zwischen Erziehungswissenschaft, Fachdidaktik und Fachwissenschaft deutlich aus: Während sich Erziehungswissenschaft und insbesondere Fachdidaktik über größere Studienanteile freuen konnten, sieht die Sache für die Fächer anders aus: Sie sind der eigentliche Verlierer der Bachelor- und Masterreform. Obwohl im Bachelor der Schwerpunkt auf dem fachwissenschaftlichen Studium liegt, existiert im Master of Education zumeist nur ein minimalistisches Studienangebot – hier wird man über Korrekturen nachdenken müssen. Die Gründe für diese Entwicklung liegen auf der Hand: Die Erziehungswissenschaft, die maßgeblichen Einfluss auf die Bildungspolitik übt, weiß mit den Fächern oft nur wenig anzufangen (umgekehrt ist das leider auch der Fall). Fachlichkeit erschien lange in der Öffentlichkeit als eine austauschbare Größe, zumal auf der Grundlage eines einseitigen Kompetenzbegriffes, der Unterrichtsinhalten nur relativen Wert zuschreibt. Und der Fachlehrer galt ohnehin als ein Hauptverantwortlicher für die Bildungsmisere, da er nur sein Fach, nicht aber die Bedürfnisse seiner Schüler im Auge gehabt habe.

          Institutionalisierte Formen der Lernbegleitung

          Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Fachwissenschaft zu einer ihrer vornehmsten gesellschaftlichen Aufgaben, der Lehrerbildung, viel zu zögerlich bekennt und deshalb kaum wahrgenommen wird. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn in Reformkommissionen immer wieder ein Reflex wirksam wird: Braucht man für eine Innovation Studienpunkte, holt man sie sich bei den Fächern – zumal Widerstand nicht zu erwarten ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Fachwissenschaftler viel zu selten in den Lehrerbildungszentren tätig sind. Gleichwohl ist ihre aktive Mitarbeit unverzichtbar, um ein lehramtsbezogenes, an fachwissenschaftlichen Standards orientiertes Studium mit den sich wandelnden Ansprüchen an schulisches Lernen sinnvoll zu verknüpfen und die Fachlichkeit zu stärken. Lehrerbildung ist nicht nur Sache der Erziehungswissenschaft und Fachdidaktik, sondern auch der Fachwissenschaft, die durch ihre aktive Teilhabe am Lehramtsstudium ihre gesellschaftliche Wirksamkeit eindrücklich unter Beweis stellt und sich zu dieser Aufgabe bekennen sollte.

          Auch die Fachdidaktik muss sich fragen lassen, ob sie ihrer Rolle als dem entscheidenden Bindeglied zwischen Universität und Schule gerecht wird. Tatsächlich gehört die Verknüpfung von Theorie und Praxis zur ihrer elementaren Seinsbedingung, sie ist die „Wissenschaft vom fachbezogenen Lernen“, um Unterricht besser verstehen und seine Qualität steigern zu können. Jedoch fällt es der Fachdidaktik nicht leicht, diese Erwartungen zu erfüllen: Sie darf sich weder in kurzatmigem Praktizismus ergehen noch selbstgewählte Distanz zur schulischen Praxis als Zeichen wissenschaftlicher Dignität vorschützen. Angesichts ausgedehnter Praxisphasen im Studium steht die Fachdidaktik unter besonderem Druck, eine befriedigende Umsetzung für die Theorie-Praxis-Verbindung zu finden. Sie kann dies leisten, wenn sie dazu bereit ist und ihr die Möglichkeit gegeben wird, die Studenten professionell auf die Planung, Durchführung und Reflexion von Unterricht vorzubereiten und sie während der Praxisphase kontinuierlich zu begleiten. Überaus lohnend ist die Betreuung von Studien- bzw. Lernforschungsprojekten für Studenten im Praxissemester.

          Im Zentrum steht eine eingegrenzte Forschungsfrage pädagogischer oder fachdidaktischer Art, die anhand von Beobachtungen, Befragungen oder überschaubaren Tests bearbeitet wird. Für die Studenten ist ein solches Projekt wegen der Verbindung von Theorie und Fachbezug attraktiv, wenn es mit der Schule entwickelt wird und eine Anbindung an den selbst gestalteten Unterricht erlaubt. So lässt sich leicht vermeiden, dass sich die Studenten als von der Universität fremdgesteuerte Datensammler empfinden und das Projekt als Zusatzbelastung eines ohnehin randvollen Arbeitsplans gilt. Insgesamt sollte sich die Fachdidaktik ihrer pädagogischen Verantwortung und ihrer Leistungsfähigkeit bewusst sein und es nicht dazu kommen lassen, dass Studenten die Betreuung durch die Universität als unbefriedigend empfinden. Es ist nicht akzeptabel, wenn die Begleitung der Studenten an die Mentoren in den Schulen „delegiert“ wird und sich fachdidaktische Hochschullehrer an den Schulen nicht zu Hospitationen blicken lassen. Leider werden diese Probleme dadurch vergrößert, dass für die Betreuung der Studenten oft nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung steht. Offensichtlich ist immer noch nicht klar, dass das Praxissemester für Lehramtsstudenten das zentrale Studienerlebnis ist und personell entsprechend unterfüttert sein muss, damit die hochgesteckten Ziele erreichbar sind. Schließlich bleibt die Frage zu klären, wie die überall feststellbare Fragmentierung der Lehrerbildung in nicht selten antagonistische Einzelteile überwunden werden kann. Entscheidend sind Kontakte zu den Mentoren in den Schulen, von denen so viel abhängt: Sie sind für die Studenten tägliche Ansprechpartner, stehen für Hospitationen zur Verfügung, planen mit den Studenten Unterricht und besprechen ihn nach. Damit die Studenten nicht zwischen zwei Institutionen mit unterschiedlichen Ansprüchen zerrieben werden, sind institutionalisierte Formen der Lernbegleitung nötig, in deren Rahmen sich Universität und Schule professionell begegnen und miteinander ins Gespräch kommen. Es ist nötig, die Mentoren auf die Lernbegleitung vorzubereiten. In Berlin wurden hiermit seit der Einführung des Praxissemesters im Jahr 2016 gute Erfahrungen gemacht. In einer Qualifizierung lernen die Mentoren Konzepte des Unterrichtscoachings kennen und werden mit den Grundlagen des fachdidaktischen Studiums vertraut gemacht. Dabei handelt es sich weniger um eine klassische Fortbildung, als um professionelle Lerngemeinschaften, von denen alle profitieren, auch die Studenten. Die Berliner Mentoren erhalten pro Fach eine Ermäßigungsstunde, und zwar für das gesamte Schuljahr.

          Neben den Mentoren ist auch die Einbindung der Studienseminare notwendig. Als Vorbereitung auf das Praxissemester gestalten Fachseminarleiter aus der Referendariatsausbildung mit den Fachdidaktikern ein bis zwei Seminarsitzungen. Während des Praxissemesters führen die Fachberater Studenten in das Verfahren des „kollegialen Unterrichtscoachings“ ein, zeigen eigenen Unterricht und werten ihn mit den Studenten aus. Sie vermitteln Einblicke in die Praxis des Referendariats, indem die Studenten am Fachseminar teilnehmen und mit den Lehramtsanwärtern Erfahrungen austauschen können. Für eine gelingende Lehrerbildung bedarf es einer durchgängigen Kooperation zwischen allen Akteuren, innerhalb der Universität und darüber hinaus. Exzellente Lehrerbildung muss mehr sein als die Summe ihrer hochentwickelten, jedoch häufig unverbundenen Einzelteile.

          Der Autor lehrt Didaktik der alten Sprachen an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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