https://www.faz.net/-gqz-9kjq3

Lehrerbildung : Wider die Fragmentierung

  • -Aktualisiert am

Klassische Ausbildung: Lehramtsstudenten im ersten Studienjahr an der Universität Leipzig Bild: dpa

Lehrerbildung kann nur als gemeinsame Aufgabe von Schule, Universität und Seminar gelingen. Die Fachlichkeit darf dabei nicht zu kurz kommen.

          Universitäre Lehrerbildung ist in aller Munde, leider nicht immer so, wie man es sich als überzeugter Lehrerbildner wünschte. Angesichts der Probleme in den Schulen und eines überbordenden Lehrermangels überrascht es nicht, dass die universitäre Lehrerbildung über ihre Leistungsfähigkeit wenig Schmeichelhaftes zu hören bekommt. Sie gilt immer noch als ein Ort, an dem theoretisches Lernen und die Berufsvorbereitung in keinem glücklichen Verhältnis stehen. Dies ist besonders ärgerlich, da in den letzten Jahren Lehrerbildungszentren wie Pilze aus dem Boden schießen, Millionen im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung in Lehre und Forschung investiert und Praxisphasen ausgedehnt werden. Auch in den Studienordnungen wird großer Wert auf die Professionalisierung der Studenten gelegt, um Grundlagen für die weitere Ausbildung und den Beruf zu schaffen: Die Studenten sollen zwei Fächer auf wissenschaftlichem Niveau beherrschen, fachdidaktisch beschlagen und allgemeinpädagogisch sattelfest sein, Grundlagen inklusiven, sprachbildenden und digitalisierten Unterrichts kennen sowie orientiert sein, wie man wissenschaftlich fundiert Schulentwicklung betreibt, Konflikte löst und mit Eltern kommuniziert.

          Trotz dieser optimistischen Perspektiven wurde das Grundproblem der Lehrerbildung nicht gelöst, Theorie und Berufsvorbereitung ins Gleichgewicht zu bringen. Blickt man nämlich auf die zahlreichen Reformen des Lehramtsstudiums zurück, die nach dem Pisa-Schock in die Wege geleitet wurden, fällt die Gewinn- und-Verlust-Bilanz zwischen Erziehungswissenschaft, Fachdidaktik und Fachwissenschaft deutlich aus: Während sich Erziehungswissenschaft und insbesondere Fachdidaktik über größere Studienanteile freuen konnten, sieht die Sache für die Fächer anders aus: Sie sind der eigentliche Verlierer der Bachelor- und Masterreform. Obwohl im Bachelor der Schwerpunkt auf dem fachwissenschaftlichen Studium liegt, existiert im Master of Education zumeist nur ein minimalistisches Studienangebot – hier wird man über Korrekturen nachdenken müssen. Die Gründe für diese Entwicklung liegen auf der Hand: Die Erziehungswissenschaft, die maßgeblichen Einfluss auf die Bildungspolitik übt, weiß mit den Fächern oft nur wenig anzufangen (umgekehrt ist das leider auch der Fall). Fachlichkeit erschien lange in der Öffentlichkeit als eine austauschbare Größe, zumal auf der Grundlage eines einseitigen Kompetenzbegriffes, der Unterrichtsinhalten nur relativen Wert zuschreibt. Und der Fachlehrer galt ohnehin als ein Hauptverantwortlicher für die Bildungsmisere, da er nur sein Fach, nicht aber die Bedürfnisse seiner Schüler im Auge gehabt habe.

          Institutionalisierte Formen der Lernbegleitung

          Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Fachwissenschaft zu einer ihrer vornehmsten gesellschaftlichen Aufgaben, der Lehrerbildung, viel zu zögerlich bekennt und deshalb kaum wahrgenommen wird. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn in Reformkommissionen immer wieder ein Reflex wirksam wird: Braucht man für eine Innovation Studienpunkte, holt man sie sich bei den Fächern – zumal Widerstand nicht zu erwarten ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Fachwissenschaftler viel zu selten in den Lehrerbildungszentren tätig sind. Gleichwohl ist ihre aktive Mitarbeit unverzichtbar, um ein lehramtsbezogenes, an fachwissenschaftlichen Standards orientiertes Studium mit den sich wandelnden Ansprüchen an schulisches Lernen sinnvoll zu verknüpfen und die Fachlichkeit zu stärken. Lehrerbildung ist nicht nur Sache der Erziehungswissenschaft und Fachdidaktik, sondern auch der Fachwissenschaft, die durch ihre aktive Teilhabe am Lehramtsstudium ihre gesellschaftliche Wirksamkeit eindrücklich unter Beweis stellt und sich zu dieser Aufgabe bekennen sollte.

          Weitere Themen

          Science Fiction für Jedermann Video-Seite öffnen

          Lilium-Flugtaxi : Science Fiction für Jedermann

          Die Firma hat jetzt Bilder von einem kurzen, unbemannten Flug eines Prototypen veröffentlicht. Das Flugzeugtaxi soll für jeden verfügbar sein, nicht nur für reiche Käufer, versichert Firmenchef Daniel Wiegand. Schon 2025 soll das Fluggefährt auf den Markt kommen.

          FPÖ hält an Kickl fest Video-Seite öffnen

          Regierungskrise in Österreich : FPÖ hält an Kickl fest

          Die rechtspopulistische freiheitliche Partei hat eine Entlassung des Innenministers ausgeschlossen. Kickl hätte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz ließ am Montag offen, ob er bis zu den Neuwahlen mit den derzeitigen FPÖ-Ministern weiterregieren will.

          Topmeldungen

          Müssen die Grünen bald einen Kanzlerkandidaten aufstellen? Jubel am Sonntag auf der Wahlparty in Berlin

          Nach dem Wahlwochenende : Altes Schema, neue Akteure

          Es scheint in Deutschland ein altes Rechts-Links-Muster zu geben. Doch wofür einst CDU und SPD ausreichten, werden jetzt Grüne und AfD gebraucht. Bleibt da dauerhaft Platz für die CDU? Eine Analyse.
          Innenminister und Lega-Chef Salvini bei einer Pressekonferenz nach der Europawahl

          Lega siegt in Italien : Und wieder küsst er das Kruzifix

          Matteo Salvinis Lega erzielt bei der Europawahl das beste Ergebnis ihrer Geschichte – und kann damit wohl auch ihren Koalitionspartner Fünf Sterne unter Druck setzen. Der Parteichef zelebriert den Erfolg am Montag mit einer umstrittenen Geste.
          EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber am späten Sonntagabend in Brüssel.

          Weber zu Europawahl-Ergebnis : „Ein großer Sieg für Europas Demokratie“

          Die EVP wird wieder stärkste Kraft im Europaparlament – trotz deutlicher Verluste. Als Gewinnerin sieht Spitzenkandidat Weber seine Fraktion nicht. Im Rennen um den Posten des Kommissionspräsidenten stellt er trotzdem klare Bedingungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.