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Klassikmarktforschung : Das klingt jetzt ganz anders

  • -Aktualisiert am

Eröffnung des „Musiksommers“ im Concertgebouw Amsterdam Bild: pa/obs/Niederländisches Büro für

Wie kommt das Neue in die Welt der klassischen Musik? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein neugegründetes Zentrum in Maastricht. Von der Zusammenarbeit zwischen Forschern und Praktikern könnten deutsche Institutionen lernen.

          In Maastricht, im äußersten südlichen Zipfel der Niederlande, gibt es jetzt eine Institution, die ihresgleichen sucht. Das Maastricht Centre for the Innovation of Classical Music (MCICM) ist ein gemeinsames Projekt der aufstrebenden Musikhochschule Hogeschool Zuyd, der quicklebendigen, äußerst international ausgerichteten Universität aus den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und eines vor wenigen Jahren umbenannten und zusammengelegten Orchesters, der philharmonie zuidnederland mit ihrem umtriebigen Intendanten Stefan Rosu.

          Eine erste, beeindruckende Konferenz mit der Amtseinführung des Direktors Peter Peters hat kürzlich stattgefunden, und eines gibt der deutschen Besucherin zu denken: Deutschland kommt nicht vor. Die deutsche Klassikindustrie ist kaum vertreten, weder in ihrer traditionellen noch in ihrer innovativen Ausprägung. Statt des allseits gefeierten (doch terminlich verhinderten) Berliner Stegreiforchesters war ein Vertreter des Manchester Collective geladen, das „radikale menschliche Erfahrungen durch Musik“ erzeugen will. Statt von innovativen deutschen Akteuren wie dem Podium Festival Esslingen oder Folkert Uhde vom Radialsystem Berlin gab es Denkanstöße von einem in „community music“ erfahrenen Komponisten, einer Publikumsforscherin, einer Musikethnologin, die über Symphonieorchester weltweit arbeitet, und Vertreterinnen der Tate Modern in London, die für den kreativen Austausch über Denkmäler und Archivierungstechniken geladen worden waren. So kam es zu der geradezu unwirklich anmutenden Situation, dass am 29. März 2019, dem Tag, an dem eigentlich der Brexit hatte vollzogen werden sollen, in der multilingualen Stadt der EU-Verträge von 1992 britische und britisch geprägte Musiker und Wissenschaftler beiderlei Geschlechts über öffentlich geförderte Musik und Musikinstitutionen als europäisches Erbe diskutierten.

          Maastricht nutzt mit dem MCICM die Chance einer mittelgroßen Stadt, die weder über eine große Symphonieorchester- noch über eine Opern-Tradition verfügt. Konstitutiv für das Zustandekommen des Zentrums war neben dem Wohlwollen der Provinzregierung die Mitwirkung des lokalen Orchesters, das Ressourcen investiert in die experimentelle und inhaltliche Arbeit mit Wissenschaftlern, künstlerisch Forschenden, Studierenden, Amateurmusikern und natürlich dem Publikum. Vermutlich liegt daher auch ein gewisser Druck auf dem Zentrum; es ist zum Erfolg verdammt, denn das Orchester wird nicht still und leise mit ansehen, wie sich die Forschenden lediglich mit Konferenzen zur Vorbereitung von Sammelbänden vergnügen.

          Der deutschen Klassikszene fehlt der Mut

          Die philharmonie zuidnederland will aktiv werden und hat sich durch ihre Mitwirkung zum Mitdenken verpflichtet. Gleichzeitig hat sie sich von der Aufgabe entbunden, wie ein deutsches Theater-, Rundfunk- oder Symphonieorchester lediglich das System zu bedienen – das Abosystem immer wiederkehrender Konzerttermine, die pflichtbewusst abgeleistete Musikvermittlung, dokumentiert durch Saisonvorschauen mit den immer gleichen Werken und austauschbaren, aber immer „exklusiven“ Spitzenkünstlern aus aller Welt.

          Das MCICM hat sich zum Ziel gesetzt, die Rolle und den Wert klassischer Musik in einer sich verändernden Gesellschaft zu untersuchen – und eventuell, so lässt sich hoffen, auch neu zu bewerten und danach zu handeln, das existierende System der Klassik-Industrie also mit neuem Sinn zu füllen. In Maastricht stellt man dem Narrativ vom Niedergang der klassischen Musik einen anderen Ansatz gegenüber: Es soll aufwärtsgehen durch Kontaktaufnahme mit dem Publikum, den Auszug aus der Konzerthalle, eine sorgfältig gepflegte Internetpräsenz, neue Kooperationen und eine ganz grundsätzliche Neudefinition der gesellschaftlichen Relevanz von klassischer Musik.

          Wo aber steht die deutsche Klassikszene, und wie steht sie dazu? Wäre es nicht an der Zeit, auch hier in einem Zusammenschluss von Theorie und Praxis das Nachdenken zu wagen? Sich die Freiheit zu nehmen, auch auf Seiten der Musiker, gemeinsam mit der Forschung über die gegenwärtige Musikpraxis nachzudenken? Peter Peters formulierte in Maastricht die Frage, wie die Zukunft einer Kunstform geformt werden kann, die sich in erster Linie mit tausendfach gespielten Werken, alten Traditionen und bekannten Ritualen, kurz: mit Vergangenem beschäftigt.

          Das Vergangene ist im Klassikbetrieb des deutschen Sprachraums sehr präsent, das Neue blüht erst spärlich, fast nur in der freien Szene. Und ein Festival wie Wonderfeel, das seit fünf Jahren jeden Sommer für ein Wochenende ein Feld nahe Hilversum bespielt, mit dem Neuesten, Zugänglichsten und Aufregendsten, was die Klassik zu bieten hat, gibt es so im deutschen Sprachraum (noch) nicht. Keine großen Namen, dafür Schlagworte, die immer wieder bemüht werden: Innovation, Partizipation und Diversität. Hier passen sie, denn sie bringen Lust an der Debatte, Freude am Experiment und Interesse am Neuen und Ungewohnten mit sich, alles selbstverständlich auf der Basis musikalischer und gesellschaftlicher Traditionen.

          Noch scheint in der deutschsprachigen Klassikszene allerorten der Mut zu fehlen, es den vom Nimbus klassischer Musik weniger beschwerten Niederländern nachzutun.

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