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Wissenschaftsbetrug : Karriere eines Plagiats

  • -Aktualisiert am

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Bild: dpa

Das Bundesverfassungsgericht zieht in einem Urteil eine plagiierte Habilitationsschrift heran. Angesichts des nachlässigen Umgangs mit Plagiaten ist das kein Zufall.

          In seinem Bankenunionsurteil vom 30. Juli 2019 belegt das Bundesverfassungsgericht in Randnummer 139 seine Auffassung mit drei Literaturzitaten. Führend zitiert wird „[…] Das Recht der Europäischen Zentralbank, 2005, S. 199 ff“. Dumm nur: Jene im ehrwürdigen Mohr Siebeck Verlag erschienene Habilitationsschrift ist von Plagiaten durchsetzt, wie in der Dokumentation „Vroni Plag Wiki“ nachzulesen ist.

          Die Autorin […] hat sich mit einem Doppelplagiat in Dissertation (unter dem Geburtsnamen) und Habilitation in Frankfurt den Zugang zur Professur in Flensburg erschwindelt. Nach Aufdeckung hat sie das Weite gesucht, auf den Lehrstuhl verzichtet, […].

          Der Schaden für die Wissenschaft bleibt: Erstens ist nun klar, dass und wie leicht man eine Professur durch Wissenschaftsbetrug erlangen kann. Zweitens bleiben die plagiatorischen, also betrügerisch-täuschenden Werke in den Bibliotheken und werden zitiert. Jede Zitation eines plagiatorischen Werkes entwertet die Vorbilder und verschafft der Plagiatorin eine Zitierehre, die nicht ihr, sondern dem primären Autor zukommt. Der vom Bundesverfassungsgericht zitierte Abschnitt lehnt sich nach den Erkenntnissen von Vroni Plag Wiki an eine Dissertation von Jan Endler an; dieser findet im Urteil fatalerweise keine Erwähnung. Das zeigt die Verdrängungsfolgewirkung des Plagiats.

          Infektiöse Wirkung

          Dem Sachbearbeiter beim Bundesverfassungsgericht ist schwerlich ein Vorwurf zu machen. Die Causa […] bleibt unter der Decke: Die Scheinautorin treibt ihren „Fall“ vor die deutschen Gerichte. Gegen den Entzug ihrer Habilitation durch die Goethe-Universität klagte sie vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt. Dort wurde ihr am 21. März 2019 unter 4 K 3092/18.F Bescheid gegeben: Die Klägerin hatte gar nicht erst vorgebracht, dass ihre Arbeit wissenschaftlich redlich sei. Sie hatte nur gemeint, mit ihrem Verzicht auf die Rechte aus der Lehrbefähigung (eigentliche Habilitation) und auf die Bezeichnung Privatdozent habe sie der Rücknahme durch die Universität die Grundlage entzogen – so wie der Verzicht auf die Fahrerlaubnis deren Entzug hindert.

          Das Verwaltungsgericht ist dem für die Habilitation nicht gefolgt.[…]. Daneben verfolgt die […] Journalisten, die über den Fall berichten – weil sie in der wahrheitsgemäßen Aufdeckung des Plagiats eine Verletzung ihres Persönlichkeitsrechtes sieht. Sie habe sich aus der Wissenschaft zurückgezogen, erklärt […] – publizierte aber bis 2015 munter weiter.

          Das dem Bundesverfassungsgericht unterlaufene Missgeschick zeigt: Solange Plagiate in der Welt sind, als Bücher oder Zeitschriftenartikel ohne „Produktwarnung“ im Bibliothekskatalog vorgehalten werden, so lange wird aus ihnen zitiert. Damit wirken sie infektiös – auf das Wissenschaftssystem und hier auf die Judikatur. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist beschmutzt, weil es mit dem Plagiatzitat Autorenunrecht in das eigene, dem Recht verpflichtete Judikat aufnimmt.

          Es fehlt ein Warnsystem

          Eine Felicitas Krull mit ihrer Wissenschaftshochstapelei ist kein taugliches Zitat in einem staatlichen Urteil. Vielmehr wird das Plagiat dadurch zur ehrenwerten Quelle auf- und der wahre Autor durch Nichterwähnung abgewertet. Das ist fast so schlimm wie ein unmittelbares Plagiat in einem Urteil, das dem wahren Autor jeden Urheberrechtsschutz nimmt, weil Urteilstexte gemeinfrei sind. Nur ein kritischer Umgang mit fehlerhaften Publikationen (neben dem Plagiat sind das vor allem Datenfälschungen) bis hin zum ebenso öffentlichen Rückruf der Veröffentlichung, wie er im angelsächsischen Raum als retraction üblich ist, könnte helfen. In Deutschland: weithin Fehlanzeige. Die Habilitation wird im Online-Handel als „vergriffen, kein Nachdruck“ angezeigt.

          Wer etwas über das „Werk“ wissen will, wird bei Wikipedia zur Person und bei Vroni Plag Wiki zum Werk fündig. Werner Heun hatte in der Juristenzeitung feinsinnig-spöttische Andeutungen gemacht: „Die Differenzierung orientiert sich bis auf die Kategorie der finanziellen Autonomie stark an der Dissertation von Jan Endler über EZB und Preisstabilität, deren Ansätze partiell modifiziert und ergänzt werden, was aber leider zu einigen Unklarheiten führt.“ Sowie: „Hier macht sich die insgesamt sparsame Literaturverwendung negativ bemerkbar.“

          Ein klares Warnsystem gibt es nicht. In der juristischen Datenbank „juris“ fehlen beide Werke, so als gäbe es sie nicht. Verlage tun sich nach wie vor schwer, die von ihnen herausgegebenen Werke als Plagiat zu kennzeichnen – im Gegenteil wird bei der Vorstellung im Netz wie zum Hohn noch auf den Urheberrechtsschutz des plagiatorischen Werkes hingewiesen. Ins Höhnische verzerrt darf man sich den Stolz jeder Plagiatorin ausmalen, die mit dem „Werk“ von einem hohen Gericht zitiert worden ist.

          Hinweis der Redaktion: Aufgrund einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts Frankfurt ist es der Redaktion aktuell untersagt, den Namen der Autorin, deren Habilitationsschrift Gegenstand dieses Beitrags ist, zu nennen.  

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