https://www.faz.net/-gqz-9nfhc

Kant in Kaliningrad : Kritik der taktischen Vernunft

Im November 2018 wurde die Statue von Kant vor der Universität in Kaliningrad mit Farbe beschmiert. Bild: dpa

Während des Siebenjährigen Krieges unterrichtete Immanuel Kant im besetzten Königsberg russische Offiziere. Unter ihnen findet er bis heute seine Leser.

          Joseph Brodsky charakterisiert in einem Gedicht aus den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts einen Leutnant zur See, den er auf Abenteuerfahrt schickt und Reflexionen an die Geliebte schreiben lässt, damit, dass der Offizier unter anderem Kants „Kritik der reinen Vernunft“ lese. Immanuel Kant, der tatsächlich auch von russischen Militärs viel rezipiert wurde und auf den sich erst unlängst Moskaus Patriarch Kirill in einer Ansprache über das dem Menschen innewohnende moralische Gesetz berief, erregt neuerdings den Hass russischer Patrioten von eigenen Gnaden.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Bei der Internetabstimmung über neue Flughafennamen sammelte Ende vorigen Jahres in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, wo Kant sein Leben verbrachte und die Universität seinen Namen trägt, zunächst Kant die meisten Stimmen. Dann aber wütete der Stabschef der russischen Ostseeflotte, Admiral Igor Muchametschin, vor der Truppe gegen den „Vaterlandsverräter“ Kant, der während der russischen Okkupation Königsbergs die Zarin Elisabeth kriecherisch um einen Lehrstuhl angebettelt habe und dessen „unverständliche Bücher“ keiner der Zuhörer lese, wie er versicherte. Der Moskauer Philosophiehistoriker Alexei Krouglov hofft, dass der Admiral hier in die Irre gesegelt ist. Auf einer Kant-Konferenz in Kaliningrad schilderte Krouglov jetzt das historische Verhältnis Kants zu Russland und den Russen.

          Der Bittbrief entsprach den Formen

          Kant war dreiunddreißig Jahre alt und Privatdozent an der Königsberger Universität, als er 1758 Untertan der russischen Selbstherrscherin wurde, deren Namen der Kaliningrader Flughafen inzwischen trägt. Da der Lehrstuhl für Logik und Metaphysik frei wurde, schrieb Kant an Elisabeth den von Admiral Muchametschin getadelten Bittbrief um diese Professur, worin der Unterzeichner sich als Knecht empfiehlt, der vor Ihrer Kaiserlichen Majestät in tiefster Devotion ersterbe. Hierbei handle es sich freilich um eine vorgestanzte Formel, erklärte Krouglov, sie finde sich nahezu identisch in Kants Bittbrief an Friedrich den Großen, außerdem in Briefen von Lessing oder Schleiermacher an adlige Herrschaften, aber auch in Episteln von Grigori Potjomkin an Katharina die Große.

          Die Besatzungszeit bescherte Kant russische Studenten. Denn der Gouverneur Wassili Suworow, der Vater des späteren Generalissimus Alexander Suworow, ließ an der Universität Vorlesungen für russische Offiziere einführen. Kant, der zu jener Zeit naturphilosophische Schriften und seine Meditation über das Feuer verfasst hatte, dozierte vor den Militärs über Fortifikation, angewandte Mathematik und Pyrotechnik.

          Der betagte Kant empfing im Juni 1789 den 28 Jahre alten Nikolai Karamsin, der den russischen Sentimentalismus erfand. Der Philosoph habe ihm seine „Kritik der praktischen Vernunft“ und die „Metaphysik der Sitten“ ans Herz gelegt, notierte Karamsin, und ihm lange den kategorischen Imperativ erklärt. Kant beeindruckte den Gast aber auch durch sein Wissen über Geographie und ferne Länder.

          Die mathematische Begabung der Russen

          Kant, der die Region Königsberg nie verließ, lehrte „Physische Geographie“, wobei er sich auf Reise- und Forschungsliteratur stützte. Seine Vorlesungen enthalten markante Urteile über die Russen, die Krouglov zusammengetragen hat. Der Philosoph charakterisiert sie als kulturell uneigenständig, dafür aber mathematisch begabt. Über die Armee, die er selbst erlebt hatte, war er des Lobes voll. Russische Soldaten hielt er für gehorsam und vaterlandstreu, er begründete das jedoch auch mit ihrer mangelnden Aufklärung.

          Seit dem späten neunzehnten Jahrhundert sahen slawophile russische Denker, beispielsweise Nikolai Fjodorow, in Kants Philosophie auch eine Bundesgenossin der militaristischen Politik Preußens, wie Krouglov jüngst in einem Aufsatz dargelegt hat („Der Streit der russischen Marxisten um Kants Ethik“, in: Studies in East European Thought, Bd. 70, Heft 4, Dezember 2018 / Springer). Das gipfelte in dem Kampfvortrag „Von Kant zu Krupp“, den der Nationalmystiker Wladimir Ern im Weltkriegsjahr 1914 hielt.

          Parallel dazu stritten die russischen Marxisten darüber, inwieweit die Philosophie Kants an die von Marx anschlussfähig sei. Die wirkungsmächtigste Kritik an Kant formulierte vor dem Ersten Weltkrieg der Vater der russischen Sozialdemokratie, Georgi Plechanow, der Kants Ethik als „bourgeois“ abtat und dann seinerseits heftig kritisiert wurde, als er während des Krieges eine Ethik anmahnte, für welche die Völker nicht bloß Mittel, sondern stets Selbstzweck sein sollten.

          Revolutionsführer Lenin, der in Kant den Dialektiker schätzte, jedwede Ethik aber dem Klassenkampf unterordnete, hatte es da einfacher. Ein Kantianer im Leninschen Sinn war offenbar jener Kommissar, der im April 1945 während der Einnahme Königsbergs durch die Rote Armee Oberleutnant Andrej Belyj anrief, den Nachrichtenmann einer die Kathedrale beschießenden Artillerieeinheit, und anordnete, das dort befindliche Grab Kants zu erhalten. Da er merkte, dass dieser Offizier den Philosophen nicht kannte, erklärte der Politruk, Kant sei ein enger Freund von Marx gewesen. So rettete er Kants letzte Ruhestätte.

          Weitere Themen

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Eurofighter-Absturz : Nur ein paar Meter vom Kindergarten entfernt

          Ein Schock für die Menschen in Nossentiner Hütte, ein Schock für die Luftwaffe: Was über den Absturz der Eurofighter bislang bekannt ist – und wie die Bevölkerung reagiert. Ein Besuch vor Ort.

          Mitgliederentscheid : Das gefährliche Spiel der SPD

          Mit einem „Fest der innerparteilichen Demokratie“ will die SPD ihre neue Parteiführung bestimmen. Doch das birgt diverse Risiken – und könnte die neue Spitze schnell wieder in die Bredouille bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.