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Befristete Verträge : Mehr Dauerstellen – weniger Frust?

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Zielkonflikt zwischen Institution und Beschäftigten: Jungwissenschaftler leiden seit Jahren unter befristeten Verträgen. Bild: KAY HERSCHELMANN

In einer Online-Petition fordern Gewerkschaften die vollständige Verwendung der verhandelten Hochschulpaktmittel für Dauerstellen. Doch die Forderungen greifen zu kurz.

          Ein hoher Anteil befristeter Beschäftigungsverhältnisse ist an Universitäten typisch. Wenn es nach den Gewerkschaften Verdi und GEW sowie dem „Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ geht, soll sich diese Situation mit dem derzeit verhandelten Hochschulpakt dauerhaft ändern. In einer Online-Petition Frist ist Frust – Entfristungspakt 2019 fordern sie die vollständige Verwendung der verhandelten Hochschulpaktmittel für Dauerstellen.

          Der Aufruf trifft einen wahren Kern: Adressat von Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen insbesondere von befristet beschäftigten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Universitäten sollten nicht nur die Länder, sondern auch der Bund sein. Die in den vergangenen Jahrzehnten vom Bund und den Ländern unternommenen Anstrengungen, die Universitäten auszubauen, erfolgten größtenteils durch temporär zugewiesene Projektmittel. Die Forderungen der Online-Petition sind daher nachvollziehbar – doch greifen sie zu kurz, weil die Ursachen der Vertragsverhältnisse nicht hinreichend analysiert werden.

          Um welche Probleme geht es eigentlich? Zum einen ist die Vertragsdauer befristet beschäftigter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler häufig zu kurz. Folgeverträge sind keine Seltenheit. Zum anderen könnte der Anteil der unbefristet Beschäftigten im wissenschaftlichen Bereich, im Verhältnis zur Gesamtzahl der wissenschaftlichen Beschäftigten, sinnvollerweise höher liegen als derzeit.

          Eine Bewilligungsdauer von drei Jahren hat sich etabliert

          Die Vertragsdauer befristet Beschäftigter sollte dem Qualifizierungsziel angemessen sein. Der Vorwurf, dass Universitäten kürzere Arbeitsverträge abschließen als notwendig, ist nicht neu. Doch sollte es im eigenen Interesse der Universitäten liegen, die befristet Beschäftigten mit akzeptablen, besser noch mit – in Bezug auf Bezahlung und Vertragsdauer – attraktiven Verträgen auszustatten. Auch sollte die Vertragsdauer optimalerweise dem Qualifizierungsziel angemessen sein.

          Für Doktoranden wären beispielsweise mindestens 36 Monate, idealerweise sogar 42 Monate, sinnvoll. Dass die Vertragsdauer zumeist deutlich kürzer ausfällt, hat drei Ursachen: Die Universitäten schöpfen ihre bestehenden Möglichkeiten, angemessene Vertragsdauern zu vereinbaren, nicht voll aus. Die Projektbewilligungsdauer und die Regeln der Geldgeber von Drittmittelprojekten erlauben keine langfristigen Verträge. Die Regeln, die mit Mutterschutz und Elternzeiten zusammenhängen, sorgen für kurzfristige Verträge für das Vertretungspersonal.

          An vielen Universitäten gibt es seit mehreren Jahren Aktivitäten, die vorhandenen Spielräume für bessere Vertragsbedingungen auszuschöpfen. Dass dies nur teilweise die gewünschten Verbesserungen bringt, liegt nicht am unzureichenden Willen der Universitäten, sondern an den rechtlichen Rahmenbedingungen. Bei Projekten hat sich von Seiten der Geldgeber eine Bewilligungsdauer von 3 Jahren etabliert. Allerdings gibt es noch zahlreiche, aus öffentlichem Geld finanzierte Projekte, die kürzer laufen.

          Das würde richtig Geld kosten

          Die Arbeiten in den Projekten werden zumeist von Doktoranden erledigt. Jedoch sind Doktorarbeiten typischerweise nicht nach 3 Jahren komplett abgeschlossen. Hier passen also die Dinge strukturell von vornherein nicht zusammen. Wenn es politisch gewollt wäre, könnte dies der Bund leicht ändern und alle Projekte, in denen Gelder für Promovierende beantragt werden, auf mindestens 36 Monate bewilligen. Idealerweise sollten von vornherein noch weitere 6 finanzierte Monate vorgesehen werden, damit die Promovenden nach Abschluss des eigentlichen Projektes alle Arbeiten zu ihrer Promotion abschließen können.

          Ja, das würde richtig Geld kosten. Es würde aber die Arbeitsbedingungen der Promovierenden deutlich verbessern. Auch in einem solchen System lassen sich kürzere Befristungen nicht gänzlich vermeiden – sie würden jedoch reduziert. Steigen Doktoranden während des drittmittelgeförderten Projektes aus, wird die Arbeit von einer anderen Person übernommen. Diese kann nur für eine kürzere Dauer angestellt werden.

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