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Brief einer Schülerin : Liebe Romantik!

  • -Aktualisiert am

Wie soll man sich in der Schule in eine vergangene Epoche einfühlen? Ich habe es in diesem Brief versucht – am Schluss aber musste ich feststellen, dass mir etwas im Unterricht fehlt.

          Der Deutschunterricht macht’s möglich – ich soll einen „Essay“ über die Romantik und ihre Bedeutung für mich schreiben. Aber nicht zu viele Vorgaben, denn es soll ja schön persönlich sein. Und was ist persönlicher als ein handgeschriebener Brief, für den ich mich entschieden habe, den ich für das elektronische Medium hier allerdings abtippen musste?

          Schwierig ist natürlich das Thema an sich. Die Romantik, so weit, so gut. Aber ihre Bedeutung für mich? Meh. Das ist wohl, was jede/r Schüler/in zuerst denkt. Denn Du, meine liebe Romantik, das tut mir leid zu sagen, bist für die meisten, wenn nicht für alle, nur ein weiteres langweiliges Thema in einem langweiligen Klassenzimmer in einem langweiligen Schulfach. Du bist nur tote Dichter, schwarze Tinte auf Papier, zehn Seiten voller Gedichte und Texte in einem Schulbuch. Denn was soll man auch anderes denken, wenn das Höchste der Gefühle bei der Behandlung der Romantik im Unterricht die zweihundert Jahre alte Vertonung eines ebenso alten Gedichts ist. Und alles, was man je tut, ist, Gedichte zu analysieren. Aber ich lenke ab. Was bist Du also, wenn nicht all das?

          Das, meine Liebe, ist die Frage, die ich hier beantworten soll. Dafür darf ich Dich aber nicht als eine Zeit der Geschichte betrachten. Natürlich bist Du das theoretisch, aber dazu finde ich ja keinen Zugang. Als Epoche wärst du lediglich eine Ansammlung von Fakten, die für mich in etwa die gleiche persönliche Bedeutung wie der Zitronensäurezyklus hat.

          Nein, vielmehr muss ich Dich als ein Gefühl sehen, eine Emotion. Denn in all den romantischen Gedichten und Texten bildet sich doch etwas ganz deutlich heraus: die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht nach dem Mittelalter, die Sehnsucht nach neuen Wegen. Und das kann doch jeder verstehen: Wer wünscht sich denn nicht, einen romantischen Partner zu finden? (nicht-romantische Menschen, schon klar, aber das war eine rhetorische Frage -.- (Um es mit den Worten der weisen Gina Linetti zu sagen: The English language cannot fully capture the depth and complexity of my thoughts. So I'm incorporating Emoji into my speech to better express myself. Winky face.))

          Was wir alles verloren haben

          Das Mittelalter – eine goldene Zeit. Jaja, mittlerweile nennt man es aber dann doch eher The Dark Ages, aber so ganz ist das noch nicht bei allen angekommen. So stehen zum Beispiel in einem meiner Bücherregale diverse Kinderbücher über furchtlose Ritter und tapfere Burgfräulein. Warum, wenn nicht aus der romantischen Sehnsucht nach diesem, nun ja, romantisierten Mittelalter? Damals, als Du noch die Herzen der Dichter und Denker beherrscht hast, wollten eben jene Dichter und Denker ihrer eigenen Zeit entfliehen: der Zeit der gescheiterten revolutionären, liberalen Bewegungen, der Zeit der rückschrittlichen Karlsbader Beschlüsse und der Restaurationspolitik des Wiener Kongresses. Pff. Kein Wunder, dass sich die armen Intellektuellen oder auch die armen Nicht-ganz-so-Intellektuellen in eine schönere Zeit zurückwünschten. Aber diese schönere Zeit gab es nun mal nicht wirklich. Also her mit der Poetisierung des Mittelalters. Und auch heute sind die Menschen wohl nicht so glücklich, dass unsere Zeit ihnen ausreicht. Nein, man braucht ein Zeitalter von Rittern in schimmernder Rüstung und Frauen in hübschen Kleidern (was übrigens total sexistisch ist, aber das nur am Rande).

          Laut einer „Mind Map“ meiner Lehrerin ist auch die Fantasie ein wichtiger Teil von Dir. Und ist die Fantasie nicht das wertvollste Gut, das die Menschen haben, die Liebe mal beiseite gestellt? Jedenfalls finde ich persönlich das. Und persönlich ist hier ja das Motto. Ich liebe, das gestehe ich jetzt ganz offen, auch wenn mir das bei besagter Lehrerin keine Pluspunkte verschaffen wird, Fantasy- und Science-Fiction-Romane. Die Bücherregale in meinem Zimmer sind der lebende Beweis. Ich verstehe absolut und vollkommen die Faszination der Fantasie, die auch bei Deinen Vertretern so oft, well, vertreten war.

          Die Sehnsucht nach neuen Wegen: Die Wanderlust, oder wie man es nennen will, ist ja durchaus heute auch noch präsent, wenn nicht sogar noch mehr als zu Deiner Zeit. Tausende von jungen und alten und auch weder alten noch jungen Leuten zieht es doch ins Ausland. Mich selbst auch. Island will ich unbedingt sehen, am besten in Winter, alldieweil man dann die Nordlichter sehen kann. Und Neuseeland, wegen der Landschaft. Ach, who am I kidding, wegen „Herr der Ringe“ natürlich. Indirekt also doch wegen der Landschaft.

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