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„Judenemanzipation“ : Dann wandeln wir brüderlich den Weg des Lebens

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Der Mensch war noch nicht einmal Akademiker, als er seine Rede hielt: Friedrich Schlichtegroll wurde 1807 nach München berufen. Bild: Bayerische Akademie der Wissenschaften

Assimilation als Utopie der Weltkultur: Friedrich Schlichtegrolls 1786 gehaltene Rede zum Gedenken an Moses Mendelssohn ist eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit der Lage der Juden in einer Übergangszeit.

          Integration von Menschen anderer religiöser Herkunft stand seit 1781 auf der Tagesordnung der öffentlichen Debatte in Deutschland. Christian Wilhelm Konrad Dohm hatte sein Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ veröffentlicht und gegen die Vorurteile vom angeblich niederen Nationalcharakter argumentiert, man müsse die rechtlichen und ökonomischen Bedingungen der Juden ändern, ihnen Bildungschancen geben, um den Teufelskreis zu durchbrechen, der sie zu kleingeistigen Krämern oder Geldverleihern mache. Im Hintergrund der Debatte stand von Beginn an Moses Mendelssohn, der auch bald in ihren Vordergrund gezerrt wurde. Für viele Aufklärer war er ein Vorbild und Held, für andere Teile der Öffentlichkeit eine Schreckfigur.

          Dass auch in Kreisen der Illuminaten, der 1776 von Adam Weishaupt gegründeten Geheimgesellschaft, über Mendelssohn und die Judenemanzipation gesprochen wurde, war bisher kaum bekannt. Nach den Verfolgungen in Bayern lag das Zentrum ihrer Aktivitäten in Mitteldeutschland, und ihr Zirkel in Gotha war so etwas wie ein Pendant der Berliner „Mittwochsgesellschaft“, in der sich die progressiven Kräfte vereinigten. In diesen Zirkel war 1784 ein Achtzehnjähriger aufgenommen worden, von dem sich die Gothaer Aufklärer viel versprachen: Friedrich Schlichtegroll. Später ist er als Generalsekretär der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und als erster Mozart-Biograph bekannt geworden. In den Jahren nach 1784 durfte er seine Talente als wortgewandter Verfechter einer Vervollkommnung der Menschheit durch Reden und Aufsätze in den Illuminatenversammlungen beweisen; erst in Gotha, dann auch in Jena.

          Am 4. Januar 1786 ist Moses Mendelssohn gestorben. Schlichtegroll wollte ihm eine Gedenkrede halten, und dazu vertiefte er sich in das Schicksal der Juden und las offenbar mit großer Begeisterung Dohm. Seit Wolf Christoph Seiferts 2015 erschienener Studienausgabe von Dohms Buch und Gerda Heinrichs Rekonstruktion der an das Werk anschließenden Debatte ist deutlich, dass es für jemanden wie Schlichtegroll keineswegs selbstverständlich war, auf die Seite der Emanzipationsbefürworter zu treten. Aber er tat das mit all dem ihm zur Verfügung stehenden Pathos. Am 31. März 1786 las er in der kleinen Runde, die vornehmlich aus Jura-Studenten bestand, in einer Wohnung am Jenaer Markt seine Rede vor. Sie ist unbekannt geblieben, weil sie nie gedruckt wurde, auch wenn Schlichtegroll im Dezember noch zuversichtlich war, dass sie „demnächst in einer Monatsschrift in Jena“ erscheinen werde. Der Redner münzte das Pathos seiner Trauergefühle für Mendelssohn unmittelbar in ein Pathos für die Gleichberechtigung der so lange unterdrückten Juden um.

          Atemloser Aufruf

          So fing er an: „Wenn ein einzelner Mann in einem gesellschaftlichen Zirkel verachtet und verspottet wird, weil sein Großvater einmal einen Fehler begangen hat, und der Verspottete nun mit niedergeschlagenen Augen da steht, und an keinem Gespräch mehr Anteil zu nehmen wagt, so sehr er auch durch Kenntnisse dazu berechtigt wäre; – wenn ein anderer Haufe über eine ganze Stadt ein beleidigendes Urteil fällt, weil ihre Bürger einmal etwas Ungereimtes getan haben; sie mit spottenden Beinamen belegt und endlich in ein dummes Gelächter ausbricht; – da geht jedes Mal dem Menschenfreund ein Schwert durch die Seele; er wendet sich mit rechter Stirn von den gedankenlosen Spöttern weg, und ohne die Leute weiter zu kennen, die der unschuldige Gegenstand ihres Hohns sind, fasst er zum Voraus ein günstiges Urteil von ihnen. Aber, ich frage noch alle, ihr Bewohner des gebildeten und gesitteten Europa, aber wenn eine ganze, große Nation, die aus ihrem Vaterland vertrieben, zerstreut und arm ist, die nirgends auf Gottes weiter Erde sagen kann: Hier ist meine Heimat! (und das kann doch die Schwalbe unter dem Dach und der Tiger in seiner Höhle sagen!) – wenn die nun Jahrhunderte hindurch der Gegenstand des Spotts und der Verachtung, der Unterdrückung und des Mutwillens, des Fluchs und der Blutgier aller andern Völker abwechselnd geworden ist, und zum Teil noch ist – o! sagt, ich frage euch, womit soll da der Menschenfreund, der alle Menschen als Brüder liebt, womit soll er da sein kochendes Blut stillen, dass er nicht auch verachte diese Spötter und Dränger? Dass er nicht auch euch hasse, die ihr so grausam seid gegen den armen, zerstreuten Haufen von Abrahams Söhnen? Versteckt eure Gesinnungen nicht unter dem Mantel der Religion; es ist Hartherzigkeit und Verleugnung der Menschenliebe, dass ihr ihnen die Bruderrechte versagt!“

          Das war ein einziger atemloser Ausruf, voller Entsetzen über das Unrecht am jüdischen Volk. Wie aber sei jetzt die Lage, wenn Juden nicht mehr gezwungen seien, Handel zu treiben und Wucherer zu werden? Was könnte ein Judentum nach Dohm tun? Gut, manche würden Ärzte. „Aber bieten sich“, fragt Schlichtegroll, „nicht etwa alle anderen Künste und Wissenschaften zu ihrer Bearbeitung dar? – Die Geschichte der Kultur lehrt uns, dass vor der Aufklärung in den höheren Kenntnissen immer die Bearbeitung der schönen Künste und Wissenschaften herging. Wenn sie sich ferner zur Poesie wendeten, wozu sie an den Überbleibseln ihrer Dichter so schöne Aufforderungen finden; wenn sie diese alten Denkmäler mit geläutertem Geschmack studierten, wenn sie die Hilfsmittel der Kritik und Erklärung nutzten, die indes unsere Gelehrten so mühsam zusammengetragen haben; wenn sie das Studium der Alten schätzten, zu diesen Quellen aller wahrer Gelehrsamkeit und alles echten Geschmacks hineilten, und eben so ihre Schüler würden, wie es die andern Nationen geworden sind; – wie viel richtiger würden sie da über so manches denken, wie sehr in der Achtung bei andern und wie sehr in ihrer bürgerlichen Glückseligkeit selbst steigen!“

          Eine stilistische und humane Leistung

          Schlichtegroll imaginiert hier den Weg, den die Juden im neunzehnten Jahrhundert auch tatsächlich gegangen sind und auf dem sie so viele große Geister hervorgebracht haben. Natürlich denkt er im Stil seiner Zeit noch paternalistisch und macht den Juden Vorschläge, ihre eigenen Traditionen aufzuhellen. Doch immerhin: „Durch Wissenschaften ist auch der Unterdrückte frei und der Sklave Herr.“ Ist die Schul- und Universitätsbildung für das jüdische Volk erst einmal möglich, sind Fragen der religiösen Herkunft unerheblich: „Aufgeschlagen liegt ja vor ihnen da das Buch der Natur; unbekümmert, welchem System er zugehöre, unterrichtet es jeden, der in ihm blättern will; es erhebt das Herz des Forschers zur Anbetung des Schöpfers der Welten und des Gewürms, zum Vater der Heiden, der Juden und der Christen. Aufgeschlagen liegt vor ihnen da das Buch der Geschichte von den Taten oder Meinungen der Menschen, das Buch der Weisheit, in welchem die Denker aller Jahrhunderte mehrere oder wenigere Blätter gefüllt haben.“

          So kommt der junge Illuminat zum Appell an das jüdische Volk, den Weg in die Bildung zu wagen. „Erwacht denn, ihr, denen um weise und geehrt zu sein nichts als der Wille fehlt.“ Und an den toten Mendelssohn gewandt: „Dein Geist, so voll Weisheit und Kenntnis, und doch ohne Stolz und Zank, ruhe auf deinem Volk, wie Elias Geist ruhte auf Elisa, und erwecke unter ihnen der Männer mehr, wie du warst; – und auch auf uns ruh’ er, meine Brüder.“ Auf der Basis einer gemeinsamen Bildung und eines gemeinsamen Engagements verschwinden die Unterschiede von selbst: „Wir werden uns ihnen und sie sich uns nähern, und dann wandeln wir brüderlich den Weg des Lebens miteinander, unbekümmert um die Privatmeinung, die jeder über diesen oder jenen das Wohl der Menschheit nicht betreffenden Satz hegt.“

          Das war eine große Rede; eine stilistische wie auch humane Leistung. Assimilation nicht als Anpassung an eine konkrete Gesellschaft, sondern als Utopie der Weltkultur. Originell sind vielleicht nicht so sehr die Argumente, aber der Umstand, dass Mendelssohn, der Teilnehmer der Debatte gewesen war, nach seinem Tod zum Exempel der Aufklärungsfähigkeit und Aufklärungswürdigkeit aller Juden gemacht wurde und damit zum Paradigma der Erfolgsaussichten der bürgerlichen Verbesserung.

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