https://www.faz.net/-gqz-9ck2b

Erfahrbarer Antisemitismus : Handy, Fußball, Katze – alles verboten

  • -Aktualisiert am

Am Anne-Frank-Zentrum in Berlin wird Grundschülern vermittelt, unter welchen Einschränkungen Juden zu leben hatten, bevor sie ermordet wurden. Bild: AFP

Wie Juden während des Nationalsozialismus schikaniert wurden, erfahren Schüler meist erst in der neunten Klasse. Dabei kann man die Zusammenhänge schon Grundschülern in einer einfachen Übung vermitteln.

          In den meisten Bundesländern beginnt die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus erst ab der neunten Klasse. Denn das Thema schockt. Aber die meisten Kinder hören schon vorher von Nazis, Juden und dem Holocaust. Sie können es nur nicht einordnen. Das Anne-Frank-Zentrum Berlin hat eine Methode entwickelt, mit der schon Viertklässler begreifen können, was damals geschehen ist. Es ist eine einfache Übung.

          Die sechste Klasse einer Berliner Grundschule ist mit ihrer Lehrerin gekommen, um sich eine Ausstellung über Anne Frank anzusehen. Die Klassen werden hier von sehr jungen Leuten begleitet. Paul (Name von der Redaktion geändert) ist zwanzig und absolviert ein freiwilliges soziales Jahr. Er stellt sich mit Vornamen vor und kommt ziemlich lässig rüber. Das ist auch so gewollt. Nichts ist schlimmer, als wenn Lehrer Trauer oder Ehrfurcht auf ihre Schüler übertragen wollen. Die würden dann sofort dichtmachen, sagt die Leiterin der Ausstellung. Was die Schüler schon wissen, hängt vom Lehrer ab. Diese Klasse ist ziemlich gut informiert, dank ihrer Lehrerin, denn sie hat mit ihren Schülern das Tagebuch von Anne Frank gelesen. Auf dem Lehrplan stand das nicht.

          Paul notiert auf ein Flipchartpapier die Überschrift: „Ein ganz normaler Tag“. Er gibt den Schülern Edding-Stifte, mit denen alle auf das Blatt schreiben, was sie den Tag über so machen: duschen, frühstücken, ausschlafen, in die Schule gehen, Handy checken, Bus fahren, Zähne putzen, mit dem Hund rausgehen, Freunde treffen, Fußball spielen, Schwimmen gehen, Fahrrad fahren, einkaufen, in die Moschee gehen, tanzen, Katze füttern, Mindcraft spielen. Dann teilt Paul jedem Schüler drei Karten aus, auf denen jeweils eine Verordnung gegen Juden abgedruckt ist.

          Kein normales Leben

          Von 1933 bis 1945 haben die Nationalsozialisten mehr als tausend Gesetze und Verordnungen gegen Deutsche jüdischen Glaubens erlassen. Das Anne-Frank-Zentrum hat den Inhalt dieser Gesetze leicht verständlich zusammengefasst und auf die Karten gedruckt. Ein Mädchen liest vor: „Jüdinnen und Juden müssen ihre Fahrräder abgeben. Jüdinnen und Juden müssen ihre Kameras abgeben. November 1941.“ Paul bittet sie, auf dem Plakat „Fahrrad fahren“ durchzustreichen. Ein Junge sagt, tja, das Handy könne man dann ja wohl auch knicken, wegen der Kamera. Strich durch. Juden durften per Verordnung auch nicht mehr telefonieren und kein Radio mehr haben. Fernsehen gab es ja noch nicht, sagt Paul, also seien die Familien ohne Telefon und Radio komplett abgeschnitten worden. Dann müsse man wohl auch Mindcraft, ein Computerspiel, durchstreichen, sagt einer. Ein anderer widerspricht, denn das könne man ja auch offline spielen, aber Youtube, Instagram und Whatsapp halt nicht, das wäre dann wohl auch gestrichen worden.

          Weiter geht es reihum: „Jüdinnen und Juden dürfen keine Haustiere mehr haben. September 1942.“ Katze und Hund, gestrichen. Paul hätte jetzt sagen können, dass die Abschaffung von Haustieren die Deportationen erleichtern sollte. Aber das tut er nicht. Denn die Schüler machen sich ihre eigenen Gedanken. Gesetze sind doch eigentlich für alle da, sagt ein Mädchen, aber die hier sind nur für Juden. Paul nickt. Gesetze sollten doch die Leute schützen, fragt er, aber was sollten diese Gesetze wohl bewirken? Die sollen die Leute vertreiben, sagt ein Mädchen. „Jüdinnen und Juden dürfen nicht mehr mit Bus und Bahn fahren“, „Wer mit Jüdinnen und Juden befreundet ist, wird bestraft.“ Warum?, fragt Paul. Eine Schülerin meldet sich: „Man sollte nicht denken, dass die nett sind, dass die ganz normal sind.“ Ein Junge wird zappelig, seine Nachbarin schubst ihn in die Seite. Sie sagt, es sei gefährlich gewesen, zu helfen, etwa für diese Oma auf den Fotos. „Miep Gies“, sagt der Zappelphilipp wie aus der Pistole geschossen. So hieß die Helferin, die die Familie Frank in Amsterdam in ihrem Versteck versorgte. Das hat er sich gemerkt.

          „Wer waren denn die Juden?“, fragt Paul. Na, das waren . . . , die waren . . . die Deutschen, sagt ein Mädchen zögernd. Ein anderes will wissen, ob es auch verboten war, in Moscheen zu gehen. Paul sagt, das wisse er nicht. Dasselbe Mädchen sagt, der Hitler, der hätte doch dunkle Haare und braune Augen gehabt, warum er denn da blaue Augen und blonde Haare so toll gefunden hätte? Paul zuckt mit den Schultern, er hat nicht vor, diesen Wahnsinn zu erklären. Der Hitler war aber kein Deutscher, sagt er, der war Österreicher. Ha! ruft ein Mädchen, aber dann ein fremdes Land regieren wollen!

          „Jüdinnen und Juden dürfen nicht mehr in Schwimmbäder und Hallenbäder. Dezember 1938.“ Der Junge, der vorliest, streicht das Wort Schwimmen durch. „Jüdinnen und Juden dürfen nicht mehr in den Sportverein gehen. April 1933.“ Ja, sagt der Junge, wenn die besser waren, konnten die anderen sich auch freuen, dass die nicht mehr mitmachen durften. Am Ende der Übung ist auf der Liste fast alles durchgestrichen. Es bleibt: Frühstücken, Zähneputzen, Anziehen – und Chillen.

          Anne Frank war dreizehn, als sie ihr Tagebuch bekam, die Schule durfte sie da schon nicht mehr besuchen, aber trotzdem hat sie ziemlich genau einordnen können, was um sie herum geschah. Wenn eine Dreizehnjährige so schreiben kann, können andere Dreizehnjährige das wohl auch begreifen. Schüler, die den Alltag jüdischer Kinder im Nationalsozialismus mit ihrem eigenen vergleichen, verstehen ohne große Belehrungen dies: Für deutsche Juden war seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 kein einziger Tag mehr normal.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          51777 Engelskirchen

          Briefe an das Christkind : 51777 Engelskirchen

          In der Weihnachtszeit landen täglich rund 10.000 Wunschzettel von Kindern aus aller Welt im Postamt in Engelskirchen – adressiert an das Christkind. Die Gedanken der Kinder sind oft erstaunlich.

          Topmeldungen

          Bundesliga-Herbstmeister : Dortmund ruft ein neues Ziel aus

          Der BVB sichert sich den inoffiziellen Titel des Herbstmeisters. Nach dem Sieg über Bremen gibt es einen Auftrag bis zur Winterpause – und einen emotionalen Moment vor der Dortmunder Südtribüne.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.