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„Josefine Mutzenbacher“ : Sie ist die Erste nicht

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Jeder kennt sie? Handelsübliche Übertreibung im Aushang eines Berliner Sexkinos, das mit der Neugier aufs Zensierte rechnete. Ian Colversons Siebdruck „Forthcoming Attraction No. 2 (My 365 lovers)“ von 1971 ist noch bis zum 12. Mai in der Ludwiggalerie in Oberhausen ausgestellt. Bild: Sammlung Heinz Beck, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, © Ian Colverson

Im Jahr 2017 wurde „Josefine Mutzenbacher“ aus dem Verzeichnis der wegen Jugendgefährdung nicht lieferbaren Bücher gestrichen. Jetzt kann eine Edition des Romans erstellt werden, die auf literarische Vorbilder verweist.

          Als das Bundesverfassungsgericht im November 1990 die Frage, ob der dem österreichischen Schriftsteller Felix Salten zugeschriebene Roman „Josefine Mutzenbacher“ die Jugend gefährde, abschlägig beantwortete, stellte es seinem Urteil die Feststellung voran: „Ein pornographischer Roman kann Kunst im Sinne von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG sein.“ 1982 war das Werk von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften als schwer jugendgefährdend eingestuft und indiziert worden, was das Bundesverwaltungsgericht bestätigt hatte. Nun musste die Indizierung aufgehoben werden, weil die Bundesprüfstelle, so der Erste Senat, nicht ausführlich zwischen Kunstfreiheit und Jugendschutz abgewogen habe. 1992 setzte die Bundesprüfstelle das Buch erneut auf den Index. Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen erklärte das 1997 für rechtmäßig.

          Erst im November 2017 hat die Bundesprüfstelle ihr Urteil revidiert und damit eine zuverlässige Edition des Romans, der bisher nur in mehr oder weniger mangelhaften Leseausgaben zugänglich ist, wahrscheinlicher gemacht. Dabei könnten auch die Argumente stärkere Geltung erlangen, die der Regensburger Germanist Bernhard Gajek in einem 1991 im Auftrag der Bundesprüfstelle über „Josefine Mutzenbacher“ geschriebenen Gutachten vorgebracht hatte. Darin hatte er nicht nur auf den Realismus des Romans verwiesen, der die fiktive „Geschichte einer Wienerischen Dirne“ präzise im Wiener Prostituiertenmilieu der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts angesiedelt habe, sondern ihn auch als literarische Verarbeitung von Sigmund Freuds Einsichten zur kindlichen Sexualität verstanden. Dass die Bundesprüfstelle das Buch als schwer jugendgefährdend einschätzte, wurde vor allem mit der Darstellung sexueller Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen begründet. Das Gutachten Gajeks rückte dagegen den historischen und ästhetischen Gehalt des Buches in den Mittelpunkt.

          Dass „Josefine Mutzenbacher“ seit 2017 nicht mehr indiziert ist, spricht dafür, dass der in Augen von manchen Kunst- und Zeitkritikern wieder virulente Neopuritanismus sich juristisch noch nicht durchgesetzt hat. Zwar wird dem Werk von der Bundesprüfstelle weiter ein jugendgefährdender Charakter attestiert, in der Abwägung von Kunstfreiheit und Jugendschutz wird nun jedoch Ersterer der Vorrang eingeräumt. Ein Grund dafür dürfte sein, dass das Buch durch mehrere Verfilmungen – am bekanntesten die durch Kurt Nachmann im Zuge der Sexfilmwelle der frühen siebziger Jahre – als Trivialklassiker gilt. Durch Hinweise auf den Klassikerstatus wird aber überspielt, was in der Bundesrepublik der achtziger Jahre das Skandalon des Buches ausmachte. Die kritiklose Darstellung sexueller Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen bedeutete in der Epoche, in welcher der Roman entstanden ist, nicht den Tabubruch, als der sie dem auf Kinder- und Jugendschutz ausgerichteten Sexualstrafrecht der achtziger Jahre erschien.

          Erosion überkommener Rollenmuster

          Als „Josefine Mutzenbacher“ 1906 anonym von dem Verleger Fritz Freund herausgebracht wurde, existierte der Begriff der Jugendgefährdung noch nicht, dafür aber eine Zensur, die streng gegen den Vertrieb pornographischer Schriften vorging. Wegen der Zensurgefahr vertrieb der Verlag das Buch nur auf Subskriptionsbasis und reklamierte kein Urheberrecht, so dass bald zahlreiche unautorisierte Nachdrucke kursierten. Doch war es um 1900 keine Seltenheit, dass auch gegen Autoren, deren künstlerischer Rang als unbezweifelbar galt, Prozesse wegen Verstoßes gegen die guten Sitten geführt wurden. Nach der Berliner Uraufführung von Arthur Schnitzlers „Reigen“, der 1903 ebenfalls in Freunds Verlag erschienen war, wurden die Direktoren des Kleinen Schauspielhauses und mitwirkende Darsteller wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses vor Gericht gestellt.

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