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Jacob Burckhardts Aktualität : Die Wirtschaftsethik der Kunstreligion

Botticellis „Anbetung der Könige“ enthält vermutlich ein Porträt Lorenzo de’ Medicis (vorne links). Bild: Picture-Alliance

Zur Feier des zweihundertsten Geburtstags von Jacob Burckhardt untersuchte eine Tagung seiner Basler Universität sein Konzept der Renaissance. Rentiert sich die Lektüre des Klassikers noch?

          Der vierte der sechs „Abschnitte“ von Jacob Burckhardts „Versuch“ über „Die Kultur der Renaissance in Italien“ trägt die Überschrift „Die Entdeckung der Welt und des Menschen“. Nachdem Burckhardt beschrieben hat, wie Petrarca und einer von dessen Nachahmern ihre Bergbesteigungen beschrieben, heißt es: „Mit dem fünfzehnten Jahrhundert rauben dann auf einmal die großen Meister der flandrischen Schule, Hubert und Johann van Eyck, der Natur ihr Bild.“ Der Archäologe Alain Schnapp (Paris) zitierte den Satz in seinem Vortrag über das Landschaftsbild auf der Konferenz, welche die Universität Basel zur Feier von Burckhardts zweihundertstem Geburtstag im Basler Kunstmuseum ausrichtete.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das Bild vom Bildraub ist frappant. Warum wird der Natur etwas weggenommen, wenn ihr gemaltes Ebenbild neben sie tritt? Und worin liegt das Moment der Gewalt, das den Raub vom Diebstahl unterscheidet? Könnte man nicht, wenn man hier partout personifizieren und moralisieren will, mit größerem Recht umgekehrt sagen, dass die Maler der Natur ein Geschenk machen? Denn regt das genaue Abbild der Natur nicht zum wissenschaftlichen, und das heißt neuzeitlich: zum empirischen, vom Augenschein ausgehenden Studium des Originals an? Allerdings setzt Burckhardt in der Gliederung des Kapitels die „Entdeckung der landschaftlichen Schönheit“ ausdrücklich als „eine andere Art, der Natur nahe zu treten“, vom „Forschen und Wissen“ ab.

          Dass Burckhardt die Brüder van Eyck zu Räubern erklärt, ist gleichwohl kommentarbedürftig. Geläufig ist diese Metaphorik eher aus der Theorie der Naturkunde. Der Forscher entreißt der Natur ihre Geheimnisse: Mit dieser Figur kann die Verdinglichung kritisiert werden, die Zurichtung der Natur zur Ausbeutung – der Raubbau. Wie könnten die flämischen Maler der Natur zu nahe getreten sein?

          Der Bund von Tyrann und Künstler

          Die Basler Organisatoren Andreas Beyer, Susanna Burghartz und Lucas Burkart hatten der Konferenz das Konzept der Renaissance als Thema vorgegeben und zu Ehren von Burckhardts Skepsis gegenüber der Fachwissenschaft nicht nur Burckhardt-Spezialisten um Vorträge gebeten. Das Landschaftsbild ist das Paradebeispiel dafür, dass im Epochenbegriff der Renaissance auch unwahrscheinliche, aus dem Wortlaut nicht abzuleitende Ereignisse mitgemeint sind. Eine antike Landschaftsmalerei, die hätte wiedergeboren werden können, gab es nicht. In den Vasenbildern gewinnt der Hintergrund stilisierter Naturmotive nicht die für das moderne Genre konstitutive Selbständigkeit.

          Freilich ist, so Schnapp, in den Landschaften nie nur Landschaft im Sinne von Natur dargestellt. Unentbehrliches Element ist die Ruine – die es in der Kunst der Antike erst recht noch nicht geben konnte, weil der zerstörte Tempel die Antike als vergangen kennzeichnet. Mit der „Ruinensentimentalität“, einem der Seitentitel, die in der soeben erschienenen, von Mikkel Mangold eingerichteten Edition der „Kultur der Renaissance“ in Band 4 der Kritischen Gesamtausgabe (C. H. Beck / Schwabe) restauriert werden, fand Burckhardt ein Stichwort für das von der Renaissance ausgebildete Bewusstsein für ihren Abstand von der klassischen Welt. Der entscheidende Autor ist hier Enea Silvio Piccolomini, Papst Pius II., der Gründer der Basler Universität.

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