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Italienische Hochschulen : Unser System gehört zu den besten der Welt

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Blick in die Universität Mailand Bild: Picture-Alliance

Der Philosoph Elio Franzini ist neuer Rektor der Universität Mailand. Im Interview erklärt er die schwierige Situation der italienischen Hochschulen. Was gedenkt er zu tun?

          Professor Franzini, Sie sind Philosoph und beschäftigen sich besonders mit der Wahrnehmung des Schönen. Was hat Sie dazu bewegt, eine der größten Universitäten Europas mit 60.000 Studenten leiten zu wollen?

          Elio Franzini: Es ist ja nicht meine erste Leitungsfunktion. Ich war zuvor einige Jahre Dekan, Prorektor und Mitglied des Senats. In den letzten Jahren wurde die Universität auf wenig dialogische Art, von oben nach unten geführt. Das wollte ich ändern.

          Eine dialogische Art der Führung soll dann zu welchen Ergebnissen führen?

          Wie im Fall der Banken, die zu größeren Einheiten konsolidiert werden, liegen auch die Potenziale der Universitäten in größeren Verbünden. Drei der Universitäten Mailands gehören dem Staat. Sicher arbeiten sie schon heute auf manchen Gebieten zusammen. In der Zukunft müssen sie sich aber zusammenschließen. Sie müssen eine polyzentrische Universität bilden, die ihre Projekte miteinander abstimmt und teilt. Straßburg etwa hat das vorgemacht. Dort hat man drei Universitäten zusammengeschlossen, die Kompetenzen zusammengeführt. Die daraus entstandene Universität ist zu einer der wichtigsten Frankreichs geworden. Wenn mittelfristig das Polytechnikum, die Università Bicocca und die Universität Mailand ihre wissenschaftlichen Projekte und ihren Technologie-Transfer zusammenführen würden – bei Wahrung ihrer administrativen Unabhängigkeit – entstünde einer der attraktivsten Universitäts-Pole in Südeuropa.

          Ist nicht die Università Milano Bicocca vor 20 Jahren aus einer Trennung von Ihrer Universität hervorgegangen? Damals sagte man, 90.000 Studenten seien zu viel und kleinere Einheiten könnten effektiver arbeiten.

          Elio Franzini

          Ja, in jener historischen Lage sah man das so und zu Recht. In didaktischer Hinsicht waren die Mega-Universitäten ein Problem. Die Lehre sollte nach meiner Meinung auch in Zukunft unabhängig bleiben. In der Forschung und im Technologie-Transfer sollten wir uns aber zusammenschließen, um international konkurrenzfähig zu bleiben.

          Das entspricht dem, was man in Deutschland mit Forschungsclustern und Universitätsverbünden versucht?

          Deutschland ist für uns in zweifacher Hinsicht ein Modell. Einerseits im Hinblick darauf, dass die Bundesländer Verantwortung für ihre Universitäten übernehmen. Im Fall Italiens wären das die Regionen, im Fall Mailands die Lombardei, vorausgesetzt, die Region hat das Geld und ist bereit, zu investieren. Fast noch interessanter ist das deutsche Vorbild der Exzellenzuniversitäten. Zwar gibt es auch in Italien seit zwei Jahren das Projekt exzellenter Fakultäten, im Moment sind es 33. Es werden aber immer nur Fakultäten einzelner Universitäten ausgezeichnet. In den Exzellenzclustern Deutschlands bündeln dagegen mehrere Universitäten ihre Fähigkeiten.

          Warum gibt es in Turin oder Bologna mehr exzellente Fakultäten als an der Universität Mailand?

          Weil die Fachbereiche an der Universität Mailand zu klein sind, zu fragmentiert. Diese kleinen Fachbereiche können keine gemeinsame Linie in der Forschung haben.

          Wo sehen Sie Ihre Universität im internationalen Vergleich?

          Die Universität Mailand ist als einzige in Italien Mitglied der „League of European Research Universities” (LERU), eines Netzwerks von derzeit 23 Universitäten, die sich besonders für die Grundlagenforschung engagieren. Darin stellen wir uns einem internationalen Vergleich. Außerdem sind wir einem neuen, stark besetzten europäischen Netzwerk für die Zusammenarbeit in der Forschung und zur Entwicklung neuer didaktischer Modelle beigetreten. Gemeinsam mit der Universität Heidelberg, der Sorbonne, der Charles University in Prag und den Universitäten Kopenhagen und Warschau bewerben wir uns um europäische Fördergelder.

          Das Ospedale Maggiore, heute Hauptgebäude der Universität Mailand

          Sechs europäische Universitäten mit sehr unterschiedlichen Kulturen des Lehrens. Nach meinem Eindruck ist die Reproduktion von Wissen in Mailand  wesentlich wichtiger als in angelsächsischen akademischen Kulturen. Dort steht die eigenständige Problemlösung durch die Studenten mehr im Vordergrund.

          Anders als in der Forschung haben wir in der Lehre enorme kulturelle Unterschiede. Eben den Austausch zwischen den Kulturen will die europäische Ausschreibung fördern. Oder anders gesagt: Europa durch eine engere Zusammenarbeit der Hochschulen in der Lehre fördern. In der Forschung arbeiten im Prinzip alle bereits auf die gleiche Weise.

          In gewisser Hinsicht ist die Geschichte Italiens jener Frankreichs im 19. Jahrhundert ähnlich, in der Auseinandersetzung zwischen den einfachen Leuten und den Vermögenden, zwischen revolutionären Kräften und solchen beharrenden Besitzens. Warum sind die Systeme der Bildung und der Forschung in Frankreich so viel mehr entwickelt?

          Italien ist ein weites, langgestrecktes Land. Anders als Frankreich beherbergt es sehr unterschiedliche Kulturen. Frankreich hat eine nationale Kultur, die sich um den Gegensatz von Hauptstadt und Provinz herausgebildet hat. Das gibt es in Italien nicht. Italien hat zwar versucht, eine nationale Kultur herzustellen, zu bestimmten Themen gibt es aber kein gemeinsames Empfinden. Die Stadt, auf die es ankommt, ist immer die, in der man arbeitet.

          Die Herkunft aus einem kleinteiligen, polyzentrischen Staatsgebilde hätte Italien mit Deutschland gemeinsam. Warum hat man den Eindruck, Bildung und Wissenschaft genössen im Norden ein höheres Prestige?

          Auch in dieser Hinsicht ist Italien nicht homogen. Es gibt unterschiedliche Entwicklungsmodelle auf der einen Seite im Süden, auf der anderen Seite im Norden und in der Mitte. Das muss man sich einfach eingestehen, auch wenn es natürlich in Ordnung ist, wenn das Land in seiner Diversität zusammenbleibt. Der Norden ist reich. Die Lombardei und das Veneto zusammengenommen ergäben eine der reichsten und entwickeltsten Regionen Europas. Das kulturelle Modell hier, das Verhältnis von Arbeit, Forschung, Innovation ist nicht das gleiche wie in anderen Regionen. Die öffentliche Verwaltung dieser Region kommt aus der Tradition der habsburgischen Regierungen, und davon profitiert sie noch heute. Dagegen hat der bürokratische Apparat des Nationalstaats seine Wurzeln im Piemont und im Königreich der beiden Sizilien. Und die gehörten im 19. Jahrhundert zu den rückständigsten in Europa.

          Das müsste bedeuten, dass die Universität Mailand eine besondere Unterstützung durch die Gesellschaft erfährt?

          So ist es, die Unterstützung ist da, auch wenn sich das nicht unbedingt in den Finanzen zeigt. Die Stadt und die Region beziehen ihr Einkommen ja ebenfalls vom Zentralstaat. Aber die Region Lombardei schreibt in diesem Jahr 70 Millionen Euro für Forschungsprojekte aus, deren Angelpunkt auch unsere Universität ist. Mit 200.000 Studenten ist Mailand ja auch die größte Universitätsstadt Italiens.

          Was sagen Sie jungen Wissenschaftlern aus Paris, Heidelberg, Kopenhagen, aus Universitäten, mit denen Sie zusammenarbeiten: Gibt es einen Grund, warum sie nach Mailand kommen sollten?

          Am besten bringen sie ein Entwicklungsprojekt mit. Natürlich ist nicht jeder Bereich bei uns exzellent – das gibt es ja nirgends. Aber auch bei uns finden sich Dinge, die man auf diese Weise nirgendwo sonst findet. Das wäre doch ein Grund, hier etwas zu machen. In Sachen Materialforschung, Onkologie, Organtransplantationen und – auch wenn Sie lachen werden – Kosmetik gehören wir ohne Zweifel zur internationalen Spitze.

          Università Statale di Milano

          Und was sagen Sie den Studenten, etwa jenen, die über einen Erasmus-Aufenthalt nachdenken?

          Im Bereich der Geisteswissenschaften gibt es hier eine Kenntnis historischer Dimensionen, die man sonst nirgends in Europa findet. Die analytische Philosophie hat die historische Dimension ausgelöscht. Unsere Studenten dagegen wissen, was Geschichte ist. Wer die geschichtliche Dimension in der philologischen, philosophischen, kulturwissenschaftlichen Forschung kennen lernen möchte, der komme hierher. In Italien gibt es auch noch den liceo classico, das Gymnasium, in dem man Griechisch und Latein lernt. Ohne triumphalistisch wirken zu wollen, bin ich der Meinung, dass unser Schul- und Universitätssystem zu den besten der Welt gehört.

          Wie das, wo Lehrer und Eltern ständig über die Vernachlässigung durch den Staat klagen?

          Natürlich gibt es gute und weniger gute Studenten. Und natürlich muss man das Bildungssystem ständig bewerten, die Wissenschaft bleibt ja nicht stehen. Aber alle unsere Studenten, die in die Welt gehen, werden für ihr Sachwissen und ihre Fähigkeiten zur Problemlösung geschätzt. Unsere Nachwuchsforscher, die in die USA gehen, bleiben dann auch dort.

          In den Programmen der beiden regierenden Bewegungen ist wenig über die Förderung der Universitäten, der Forschung, des Wissens zu lesen.

          Ich bin nicht parteilich. Nach meinem Eindruck hat über diese Themen niemand gesprochen, der Italien in den letzten Jahren regiert hat. Die Zuwendungen des Staats an die Universitäten sind seit zehn Jahren praktisch unverändert. Die derzeitige Regierung tut für die Hochschulen und die Forschung genau so viel, wie ihre Vorgänger, nämlich nichts. Es wird immer die bestehende Förderung fortgeschrieben, und manchmal nicht einmal das. So wurde im Jahr 2008 der Fonds für bauliche Maßnahmen der Universitäten durch die Regierung Berlusconi abgeschafft. Dabei ist das für die Universitäten von grundlegender Bedeutung, weil sie mehr für ihre Gebäude ausgeben als für die Forschung. Keine der Nachfolgeregierungen hat das jemals revidiert. Die Regierungen wechseln, das Verhältnis zwischen Bruttoinlandsprodukt und Forschung bleibt eines der niedrigsten in Europa.

          1,29 Prozent wenden Unternehmen und Staat in Italien für Forschung und Entwicklung auf. Der EU-Durchschnitt liegt bei knapp über zwei Prozent nach den Daten von Eurostat für 2016. Deutschland investiert ungefähr drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wenn sich die wechselnden Regierungen Italiens nicht unterscheiden, ist es dann Ausdruck einer Kultur?

          Es ist ein Mangel an Unternehmungsgeist und der Fähigkeit, auf lange Frist zu planen. Das betrifft die politische Klasse Italiens in ihrer Gesamtheit. Sie versteht nicht, dass Ausgaben für Forschung und Innovation auf mittlere Sicht die lohnendste Investition für ein Land darstellen. In gewisser Weise ist das typisch für Italien, das daran gewöhnt ist, mit Blick auf den nächsten und den übernächsten Tag zu leben. Der andere Grund ist, dass die Staatsschulden zu hoch sind, dass viel Geld für den Schuldendienst ausgegeben wird. Deswegen ist die Decke immer sehr kurz.

          In den letzten Wochen haben Bürger in Norditalien für den Weiterbau der Schnellbahnverbindung Lyon-Turin demonstriert, für die Interessen der kleinen und mitelgroßen Betriebe, für den Ausbau der Infrastruktur. Warum geht niemand für Bildung und Forschung auf die Straße?

          Die genannten Anliegen sind gerade aktuell. Im Fall der Universitäten hat sich aber die letzten 20 Jahre nichts bewegt. Wer geht für ein 20 Jahre altes Problem auf die Straße? Und in den Universitäten ist man schon froh, wenn das jeweils neueste Haushaltsgesetz die Fördermittel des auslaufenden fortschreibt. Wie soll man dagegen protestieren, wenn eine neue Regierung sich im Großen und Ganzen so verhält, wie die vorhergehenden? Diesmal soll es sogar 1000 neue Stellen für junge Forscher geben, die Neuauflage des Fonds für die bauliche Erhaltung ist in Aussicht gestellt. Natürlich geht es immer um Summen, über die man lachen kann. Aber man kann nicht sagen, die derzeitige Regierung habe sich von den Universitäten abgewendet. Für die Universitäten ist es gleich, wer gerade regiert.

          Und doch haben Sie in Ihrem Grußwort zum neuen akademischen Jahr an die dunklen dreißiger Jahre erinnert.

          Ich habe gesagt, die Universität müsse kritischen Geist und intellektuelle Nächstenliebe beweisen und damit Giovanni Battista Montini zitiert, den späteren Kardinal von Mailand und Papst Paul VI. Das ist nicht nur ein wunderbarer Satz – als Montini ihn 1930 jungen Universitätsangehörigen aufgab, hat er auch Mut bewiesen. Wenn Sie in meinem Zitat eine politische Botschaft erkannt haben, ist das ganz richtig. „Intellektuelle Nächstenliebe“ habe ich jetzt als Öffnung gegenüber dem anderen definiert. Gemeinsam mit dem kritischen Geist ist das für mich die Mission der Universität.

          Die Fragen stelle Klaus Georg Koch.

          Elio Franzini trat im Oktober das Amt des Rektors der Universität Mailand (Università degli Studi di Milano) an. Franzini ist Professor für Philosophie. Ausgehend von Edmund Husserls Phänomenologie hat er sich vor allem mit Fragen der Ästhetik beschäftigt.

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