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Zwei Päpste übers Judentum : Ins Unreine geschrieben

In Begleitung von Rabbi Toaff betritt Papst Johannes Paul II. am 13. April 1986 die Synagoge in Rom. Bild: Picture-Alliance

Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst, greift eine Formel seines Vorgängers zum Verhältnis von Christen und Juden an. Er moniert sprachliche Petitessen – und wurde kurioserweise selbst nicht redigiert.

          Schalom“, sprach der Papst, „geehrte Herren, liebe Brüder!“ In seiner Ansprache an die Vertreter des Judentums im Mainzer Dommuseum am 17. November 1980 legte Johannes Paul II. dar, worum es gehen müsse im „Dialog zwischen den zwei Religionen, die – mit dem Islam – der Welt den Glauben an den einen, unaussprechlichen, uns ansprechenden Gott schenken durften und stellvertretend für die ganze Welt ihm dienen wollen“. Die „erste Dimension“ dieses Dialogs zwischen Christentum und Judentum sei „die Begegnung zwischen dem Gottesvolk des von Gott nie gekündigten (vgl. Röm 11,29) Alten Bundes und dem des Neuen Bundes“. Hier wurde sie geprägt, die Formel vom nie gekündigten Alten Bund, welche dann auch in den Katechismus Eingang fand, wiewohl es dort unter der Nummer 121 auf deutsch „nie widerrufen“ statt „nie gekündigt“ heißt, und zwar im Kontext der heiligen Schriften des Judentums, von der christlichen Theologie „Altes Testament“ genannt: „Das Alte Testament ist ein unaufgebbarer Teil der Heiligen Schrift. Seine Bücher sind von Gott inspiriert und behalten einen dauernden Wert, denn der Alte Bund ist nie widerrufen worden.“

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Damals in Mainz stellte der slawische Papst seine prägnante Wendung vom nie gekündigten Alten Bund als hermeneutischen Schlüssel für den katholisch-jüdischen Dialog vor. Es handele sich dabei, so Karol Wojtyla, der 1920 im polnischen Wadowice geboren wurde und dort auch zur Schule ging, gerade einmal dreißig Kilometer von Auschwitz entfernt – es handele sich dabei um einen „Dialog innerhalb unserer Kirche, gleichsam zwischen dem ersten und zweiten Teil der Bibel“. Das war die Pointe der Rede vom nie gekündigten Alten Bund, wonach das Judentum nicht länger nur als eine heilsgeschichtliche Vorstufe zum Christentum anzusehen sei, sondern sich „eine gegenseitige Beleuchtung und Ausdeutung ergibt“, wie es in den von Wojtyla in Mainz eigens zitierten nachkonziliaren Richtlinien für die Durchführung der einschlägigen Konzilserklärung „Nostra aetate“ heißt. Hier geht es tatsächlich um mehr als bloß einen weiteren Toleranzappell gegenüber nichtchristlichen Religionen. Hier geht es um eine am „Takt“ gemessene Mahnung zu größtmöglicher theologischer Empathie.

          Das heilsgeschichtliche „Versagen“ des Judentums

          Lässt sich die katholische These vom Gespräch mit dem Judentum als einem „Dialog innerhalb unserer Kirche“ entsprechend so verstehen, dass das Jüdische dem Christlichen inwendiger ist als das Christliche sich selbst? In ebendiesem, auf ein „Geheimnis“ im theologischen Sinne zielenden Sinne sprach Wojtyla bei seinem Besuch in der römischen Synagoge 1986 von den Juden als „unseren älteren Brüdern“, wie es aus der später dann vielzitierten Beschreibung hervorgeht: „Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas ,Äußerliches‘, sondern gehört in gewisser Weise zum ,Inneren‘ unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder.“

          Papst Johannes Paul II. im April 1996 mit seinem jüdischen Mitschüler und lebenslangen Freund Jerzy Kluger.

          Erst wenn man sich diesen Vorlauf vergegenwärtigt, lässt sich das Erstaunen ermessen über die aktuelle Ausgabe der theologischen Zeitschrift „Communio“ (Nr. 4/2018). In ihr findet sich ein neuer Text von Joseph Ratzinger, dem emeritierten Papst Benedikt XVI.. Unter dem Titel „Gnade und Berufung ohne Reue“ geht der prominente Autor auf ein jüngeres Dokument der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum ein. Explizit greift Ratzinger Wojtylas Formel vom nie gekündigten Alten Bund an, zunächst mit zwei sprachlichen Einwänden: Das Wort „kündigen“ gehöre nicht zum Vokabular des göttlichen Handelns (dass schon der Katechismus nicht an diesem Begriff hängt, sondern, wie gesagt, von „widerrufen“ spricht, bleibt unerwähnt). Und der „Bund“ zwischen Gott und den Menschen finde sich biblisch nicht in der Einzahl, sondern ereigne sich in Stufen.

          Das sind Petitessen gemessen an Ratzingers inhaltlicher Kritik. Die Formel des polnischen Papstes, so jedenfalls versteht man den Autor im Resümee, „taugt nicht auf Dauer“, weil sie das heilsgeschichtliche „Versagen“ des Judentums nicht angemessen abbilde. Wörtlich heißt es in dem Communio-Text: „Ja, Gottes Liebe ist unzerstörbar. Aber zur Bundesgeschichte zwischen Gott und Mensch gehört auch das menschliche Versagen, der Bruch des Bundes und dessen innere Folgen: Tempelzerstörung, Zerstreuung Israels, der Ruf in die Buße hinein, der den Menschen neu des Bundes fähig macht.“ Fähig macht freilich des Neuen, nicht des Alten Bundes: „Die Umstiftung des Sinai-Bundes in den neuen Bund im Blute Jesu, das heißt in seiner den Tod überwindenden Liebe, gibt dem Bund eine neue und für immer gültige Gestalt.“ Hier tritt de facto der Neue Bund an die Stelle des Alten, auch wenn dieser „im Kern“ (Ratzinger) weiter bestehe. Liegt der Charme der getadelten Formel Wojtylas nicht aber gerade auch in ihrem agnostischen Moment? Wie genau die Spannung zwischen Altem und Neuem Bund sich letztlich (biblisch: am Ende der Zeiten) auflösen mag, wird zu wissen nicht beansprucht.

          Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten, kritisiert Ratzingers Text in einer gründlichen Analyse denn auch als Aushöhlung dieser Wojtyla-Formel („Neue Zürcher Zeitung“ vom 9. Juli). Übrig bleibe ein inhaltlich kaum gedeckter Formelkompromiss. Dass der Berliner Rabbiner Walter Homolka befürchtet, Ratzingers Text könne insoweit auch als Wegbereitung für christlichen Antisemitismus gelesen werden, ist zumal in Zeiten nassforscher digitaler Instrumentalisierung in der Tat nicht auszuschließen. Bei seiner Münchner Rede zum siebzigjährigen Bestehen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hielt Homolka dem Communio-Text jetzt vor, „christliche Identität auf Kosten der jüdischen“ formuliert zu haben.

          Warum aber hat man den Text überhaupt veröffentlicht? Die insgesamt begriffsgeschichtlich ausgerichtete Einlassung Ratzingers ist als Expertise für eine vatikanische Behörde verfasst worden. Das wird im Geleitwort von Kurt Koch offengelegt, dem Kurienkardinal, der besagter Kommission vorsteht. Ratzingers Text mit Datum vom 26. Oktober 2017 sei zunächst „freilich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen“, schreibt der Kardinal, vielmehr nur zu seiner, Kochs, „persönlichen Verwendung“. Erst auf sein Bitten (Drängen?) hin habe sich Ratzinger einverstanden erklärt, den Text in „Communio“ zu publizieren. Und zwar bestürzenderweise ohne weiteres, das heißt ohne die Textvorlage für das neue Forum veröffentlichungsreif zu machen, etwa indem man sie mit den jüngsten Ergebnissen christlich-jüdischer Dialogarbeit kontextualisiert hätte.

          Man kann es kaum fassen: Warum mutwillig an einer Formel rütteln, welche zum Symbol der jüdischen-christlichen Verständigung wurde, an einer Formel, die, wie Ratzinger ja zu Recht anmerkt, „in gewissem Sinn zur heutigen Lehrgestalt der katholischen Kirche“ gehört? Karol Wojtyla dürfte sich wegen dieser groben Fahrlässigkeit, die auch auf das Konto mangelnder redaktioneller Umsicht der Zeitschrift geht, im Grabe herumdrehen.

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