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Heimatbegriff : Horst Seehofer kriegt die Kurve

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Das Oktoberfest findet nicht nur in München statt, wo Horst Seehofer am 16. September 2017 mitfeierte, sondern auch in Qingdao, Blumenau, Kitchener, Cincinnati und Hannover. Erst das Zuprosten konstituiert den Raum für den Rausch. Bild: Getty

Der Heimatminister veröffentlichte im Frühjahr einen Aufsatz zum Heimatbegriff in der F.A.Z. Der Text nimmt aktuelle Debatten über die Kategorie des Raumes auf – und zeigt zugleich, wo Historiker noch weiterdenken müssen.

          Vor einigen Monaten hat Horst Seehofer in dieser Zeitung einen vieldiskutierten Beitrag (F.A.Z. vom 30. April) veröffentlicht, in dem er sich damit auseinandersetzt, warum der Verlust von Heimat Menschen so umtreibt und wie der Staat helfen kann, diesem Verlust entgegenzuwirken. Er fragt nach der Ursache des Heimatverlusts, erläutert sein Verständnis von Heimat und endet mit Ausführungen darüber, wie er als Innenminister zukünftig mit der Thematik umgehen will.

          Seehofers Beitrag ist in erstaunlichem Maße von aktuellen Diskussionen in den Geistes- und Sozialwissenschaften geprägt und alles andere als schlicht oder populistisch vereinfachend. Vielmehr vollzieht er die Wende mit, die in akademischen Diskussionen als spatial turn bezeichnet wird. Dessen Grundgedanke, häufig auf den französischen Soziologen Henri Lefebvre (1901 bis 1991) zurückgeführt, besagt, dass sich „Raum“ nicht hinreichend über seine geographischen Koordinaten bestimmen lässt: Ein Raum ist kein Container, in den wir hineinschauen, um ihn anschließend zu analysieren. Vielmehr sind es die Beziehungen der Menschen, die Räume zu kulturellen oder sozialen Räumen machen. An die festen Grenzen eines Containers halten sich weder Menschen noch ihre Beziehungen.

          Die Beziehungen verschiedener Akteure als Raum

          Was so einfach daherkommt, hat in der Geschichtswissenschaft vor nunmehr dreißig Jahren dazu beigetragen, dass die primär an Nationen orientierte Gesellschaftsgeschichtsschreibung in die Bredouille kam. Wer Raum nicht als in sich geschlossenen Behälter versteht, kommt nicht umhin, statt einer nationalen eine transnationale Geschichte zu verfassen, also eine Geschichte, die zwar die Bedeutung der Nation nicht negiert, jedoch Beziehungen oder Verflechtungen untersucht, die Nationen übersteigen.

          In den letzten Jahren haben sich dazu auch Ansätze gesellt, die in gewisser Weise die Nation unterschreiten und den ,translokalen‘ Beziehungen der Akteure nachgehen. Wenn Solinger Kaufleute Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ihre Klingen und Schwerter nach Afrika oder Lateinamerika verkaufen, dann hat das wenig mit Nationalgeschichte, aber viel mit Beziehungen von Kaufleuten zwischen verschiedenen Orten innerhalb des kolonialen Systems, kurz: mit Verflechtungsgeschichte zu tun. Räume über die Beziehungen von Akteuren zu verstehen ist der erste Schritt in Folge des spatial turn. Der zweite führt jedoch weit darüber hinaus.

          Doch bleiben wir zunächst bei Seehofer. Als grundsätzliches gesellschaftliches Problem identifiziert er die „Entgrenzung aller Lebensverhältnisse“. Das „Projekt der Globalisierung“ habe einer wirtschaftlichen Elite Profite eingebracht, für die Mehrheit der „kleinen Leute“ aber zu einem Zuviel an Freiheit, zu Ängsten und zu einem Verlust an Ordnung und Kontrolle geführt. Die Suche nach der ‚verlorenen Zeit‘, die Rückkehr in eine paradiesisch anmutende Vergangenheit, die vielleicht nie existiert habe (den Zweifel an der Existenz des Paradieses überlässt er einem Willy-Brandt-Zitat), könne jedoch die Zerrissenheit der gegenwärtigen Gesellschaften kaum überwinden.

          Wie bleibt „Heimat“ als nicht-physischer Raum spezifisch erkennbar?

          Auch bei Seehofer werden Räume nicht über geographische Koordinaten oder als geschlossene Container definiert, sondern über Beziehungen von Menschen. „Heimat entsteht und ist dort, wo Menschen zusammenleben und füreinander einstehen“, schreibt er. Dies klingt nach einer umfänglichen Adaption des spatial turn. In der Wissenschaft führte die Überwindung des nationalen Paradigmas zum Aufschwung der Verflechtungsgeschichte. Auch von dieser Entwicklung ist Seehofers Heimatverständnis nicht weit entfernt: Heimat stehe nicht im Gegensatz zu Mobilität und gesellschaftlichem Wandel, sie führe zu vielen, häufig unterschiedlichen Erzählungen. Der Begriff sei nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich zu bestimmen, im Plural zu verwenden und wandelbar.

          Obwohl man die Formulierung vom bedrohlichen „Projekt der Globalisierung“ als mit negativem Vorzeichen versehene Anspielung auf das „unvollendete Projekt der Moderne“ von Jürgen Habermas verstehen mag, stellt sich der Aufsatz in dessen kommunikative Tradition. Der „streitige Diskurs“ in der Sache, so Seehofer ausdrücklich, bringe einen besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt zustande: „Im Umgang mit der Vielfalt steckt die Herausforderung, sich eigener Überzeugungen zu vergewissern und sie im Vergleich und im Dialog mit anderen zu überprüfen – auch und gerade dann, wenn Werte zueinander in Konkurrenz treten und eine Abwägung und Priorisierung von Werten notwendig ist.“

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