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Holocaustforschung : Die erste Generation

  • -Aktualisiert am

Das Ringelblum-Archiv aus dem Warschauer Ghetto wird geborgen. Bild: Picture-Alliance

Der Mythos des Schweigens ist fraglich. Die Aufarbeitung des Holocaust begann schon vor den sechziger Jahren. Noch während des Weltkriegs dokumentierten jüdische Historiker die Verbrechen der NS-Zeit.

          Unter dem Titel „Vor Pogromen?“ wurde 1919 das Pamphlet eines Potsdamer Juden gedruckt. Alfred Wiener, Weltkriegsveteran und promovierter Philologe, warnte vor dem rechtsradikalen Antisemitismus im Deutschen Reich. 1933 floh Wiener nach Amsterdam und gründete dort mit dem Jewish Central Information Office (JCIO) die erste Einrichtung, die Dokumente zur Entrechtlichung der Juden zusammentrug. 1939 verlegte Wiener das JCIO nach London, wo es heute unter dem Namen Wiener Library eines der weltweit größten Archive für die NS-Zeit bildet. Aber nicht nur im Exil engagierten sich Juden für die Dokumentation der deutschen Verbrechen, selbst mitten im Verfolgungsgeschehen bemühten sich Einzelne um die Rettung von Quellen. Am bekanntesten ist das Geheimarchiv Oyneg Shabes, das Emanuel Ringelblum im Warschauer Getto vergraben ließ. Heute verwahrt das 1947 gegründete Jüdische Historische Institut in Warschau die nach Kriegsende geborgenen Teile.

          Vorkämpfern wie Wiener und Ringelblum ist eine Ausstellung in Berlin gewidmet, die am Vorabend der denkwürdigen Bundestagsrede des gegenwärtig einflussreichsten Holocaust-Historikers Saul Friedländer eröffnet wurde. Unter dem Titel „Verfolgen und Aufklären“ präsentiert sie bis zum 25. Februar im Lichthof des Auswärtigen Amtes zwanzig jüdische Persönlichkeiten: die erste Generation der Holocaust-Forschung.

          Rachel Auerbach, eine überlebende Mitarbeiterin des Ringelblum-Archivs, verfasste 1947 einen Bericht zur Geschichte des Vernichtungslager Treblinka, der in jiddischer Sprache in Polen herauskam. Im gleichen Jahr erschien eine Dokumentation zum Schicksal der jüdischen Kinder im besetzten Polen aus der Feder der Ghetto-Überlebenden Maria Hochberg-Mariańska. Schon 1945 veröffentlichte der Lemberger Historiker Philip Friedman die erste Sammlung von Dokumenten zur Geschichte des Lagers Auschwitz. Alle diese frühen Werke eint das Schicksal, dass sie kaum wahrgenommen worden sind. Das liegt nicht allein an Sprachbarrieren, sondern auch an anderen Widerständen, welche die Ausstellung zum Thema macht. Pionierarbeit leisten Studierende des Master-Studiengangs „Holocaust Communication“ am Touro College Berlin mit Schautafeln, die bislang unbekannte Forscherinnen benennen, wie Ada Eber, Nella Rost und Genia Silkes.

          Mythos des Schweigens

          Die Ausstellung stellt in Übereinstimmung mit einer Tendenz der Forschung den „Mythos des Schweigens“ (Hasia R. Diner) in Frage, wonach selbst die überlebenden Juden die Verbrechen unmittelbar nach Kriegsende nicht zur Sprache hätten bringen wollen und die Aufarbeitung erst 1961 mit dem Eichmann-Prozess begonnen habe. Viele Biographien hatten teil an einer terminologischen Suchbewegung: Man suchte eine Bezeichnung für das Geschehene, um es in einen inhaltlichen und institutionellen Rahmen zu stellen. So geht aus der Lektüre der meist osteuropäischen Lebensläufe hervor, dass das Mordgeschehen damals weniger als ein Thema der deutschen, sondern vielmehr als Teil der jüdischen Geschichte gesehen wurde. Es erhielt zunächst mit dem jiddischen Wort „khurbn“ eine aus der zweimaligen Zerstörung des Tempels in Jerusalem abgeleitete Bezeichnung, die es in die Kontinuität einer jahrtausendelangen, katastrophal verlaufenden Geschichte der Vertreibung und Ermordung von Juden einfügte.

          Die Berliner Historikerin Katrin Stoll konnte im vergangenen Jahr in Vancouver den Nachlass von Nachman Blumental sichern, dem Gründungsdirektor des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau. In diesen Tagen werden die 32 Kartons an das New Yorker YIVO Institute for Jewish Research verbracht. Erhalten hat sich der unveröffentlichte Teil eines von Blumental verfassten Wörterbuchs zur Sprache der Nationalsozialisten mit dem Titel „Unschuldige Wörter“. Das deutsch-französische Forschungsprojekt PREMEC (PREMiers ÉCrits de la Shoah) wird Teile des Nachlasses digitalisieren und übersetzen.

          Der Geschichte der Auseinandersetzungen um den von Martin Broszat erhobenen und von Saul Friedländer zurückgewiesenen Vorwurf, eine mythische Form des Erinnerns behindere jüdische Historiker im Streben nach wissenschaftlicher Objektivität, hat Götz Aly jüngst in einer Rede im Haus der Wannseekonferenz eine weitere Episode hinzugefügt, als er einen Brief aus dem im Bundesarchiv lagernden Nachlass von Wolfgang Scheffler (1929 bis 2008) präsentierte. Bislang galt Scheffler, der als Lehrbeauftragter bei den Politologen der FU Berlin tätig war, bevor er 1986 eine Professur am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU erhielt, als loyaler Mitstreiter des Überlebenden-Historikers Joseph Wulf im Werben für die Einrichtung einer Gedenkstätte am Ort der Wannseekonferenz. Doch am 16. Oktober 1969 hatte Scheffler an den Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz geschrieben, „dass ein Institut unter der alleinigen Leitung von Herrn Wulf die zukünftige wissenschaftliche Arbeit nur diskreditieren könnte“. Wulf verfolge „selbstsüchtige Motive“. Das Projekt wurde erst 1992 realisiert, achtzehn Jahre nachdem sich Wulf in den Tod gestürzt hatte.

          Die Berliner Ausstellung zeigt ein Foto von Wulfs Arbeitszimmer: Über dem Schreibtisch hängt ein Schild mit dem jiddischen Wort „Sachor“ (Erinnere Dich!), ergänzt um die Zahl „6 000 000“ und drei Ausrufezeichen.

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