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Hochschulleitbilder : Seifenblasen für die Lehre

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Lehre nach Leitbild: Studenten im Hörsaal Bild: dpa

Die Hochschulen kompensieren den Mangel an Lehrkräften mit einer Flut von Lehrleitbildern. Sie sind so wohlklingend wie wirkungslos.

          Die Hochschulen haben in den letzten Jahren ihren Innovationsapparat durch Programme zur Verbesserung der Lehre und durch neue Stabsstellen für Qualitätssteigerung in Bewegung gesetzt. Das Problem ist dabei nicht die Produktion von neuen Ideen für das Lehren und Lernen und das Experimentieren mit diesen Ideen in einzelnen Veranstaltungen. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, dass die meisten angedachten Innovationen in den vielfältigen „Lähmschichten“ kollegialer Abstimmungsprozesse versanden.

          Ein zentrales Problem besteht in dem begrenzten Zugriff der Hochschulleitungen auf Inhalt und Form der Lehre. Zwar vermitteln Hochschulen über ihre Organigramme den Eindruck, dass es funktionierende Hierarchien gibt. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass die Rektoren oder Dekane auf die Lehre zugreifen können. Keine Frage: Man kann über die Hierarchie sicherstellen, dass Dozenten (jedenfalls meistens) anwesend sind, aber weiter gehenden Eingriffen kann sich das wissenschaftliche Lehrpersonal mit dem Verweis auf das verfassungsmäßig abgesicherte Recht auf die Freiheit der Lehre und Forschung entziehen.

          Aber selbst wenn sich die Hochschulleitung hierarchische Zugriffsmöglichkeiten sichern würde, käme sie an den Kernprozess der Lehre – die Stoffvermittlung in Vorlesungen, Seminaren und Übungen – nicht heran. Sicherlich könnte sie versuchen, den Unterricht durch die Vorgabe von Unterrichtsmaterialien, regelmäßige Kontrollbesuche oder die Installation von Videokameras zu steuern, aber die Lehre unterliegt in der für sie typischen persönlichen Interaktionen einer Eigendynamik, die sich zentral nicht beherrschen lässt. Kontrollversuche laufen deshalb meistens ins Leere.

          Angesichts dieser Steuerungsprobleme setzen die Hochschulen ihre Hoffnung inzwischen auf die Verbesserung der Lehr- und Lernkulturen. Es seien, so die Annahme, letztlich die „weichen Faktoren“ in Form der in der Hochschule geteilten Werte, des gepflegten Stils und der Fähigkeiten des Personals, die in der Lehre den Unterschied ausmachen.

          Lehr- und Lernkultur, eine Begriffsbestimmung

          Der Begriff der Lehr- und Lernkultur dient in der hochschulpolitischen Diskussion inzwischen als terminologischer Staubsauger, mit dem alles aufgesaugt werden kann, was in irgendeiner Form mit Lehre und Lernen zu tun hat. Werte, Haltungen, Regeln, Muster, Praktiken, Symbole, Denkweisen, Glaubenssätze und Bedeutungen – alles lässt sich unter diesem Begriffspaar erfassen und vermengen. Faktisch hat diese terminologische Beliebigkeit jedoch den Effekt, dass weitgehend vernebelt wird, was Lehr- und Lernkulturen genau sein sollen, was sie bewirken und wie sie zu beeinflussen sind.

          Dabei ist es aus organisationswissenschaftlicher Perspektive gar nicht so schwer, den Begriff der Kultur von Organisationen präzise zu bestimmen. Erwartungen an Lehre und Lernen bilden sich in Hochschulen auf zwei grundlegend unterschiedliche Weisen aus: erstens, indem diese Erwartungen durch die Hochschulleitung, die Fachbereichskonferenzen oder Institutsleitungen formal entschieden werden, oder zweitens dadurch, dass sie sich langsam eingeschlichen haben, ohne dass es jemals eine Entscheidung darüber gegeben hat.

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