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Hochschulleitbilder : Seifenblasen für die Lehre

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Der gesamte Prozess des „erziehenden Unterrichts“ an Hochschulen ist durch solche entschiedenen oder nicht entschiedenen Erwartungen strukturiert. Es dominiert beispielsweise die Erwartung, dass ein Seminar durch Dozenten begonnen wird, dass diese dafür verantwortlich sind, dass nicht allzu lange Pausen entstehen, und es herrscht die Erwartung, dass Dozenten die Veranstaltung zum terminierten Zeitpunkt beenden und, wenn sie das nicht tun, plausible Gründe für die Zeitüberschreitung angeben.

Veränderungen ohne Beschluss

Sicher, man weiß, dass man von diesen Erwartungen abweichen kann. Es gibt Dozenten, die allen Bologna-Vorgaben zum Trotz ein Seminar beginnen und erst damit aufhören, wenn sie sich nach zehn oder elf Stunden erschöpft haben, und dabei hinnehmen, dass ab und zu einige nicht ähnlich euphorisierte Studenten gehen. Aber diese Dozenten werden in der Regel als absonderlich betrachtet und müssen Rechenschaft über ihren Sonderweg ablegen.

Unter dem Begriff der Lehr- und Lernkulturen werden nun nur jene Verhaltenserwartungen ins Blickfeld genommen, die nicht über Entscheidungen festgelegt wurden, sondern die sich langsam eingeschlichen haben. Man kann sich dies an einem einfachen Beispiel verdeutlichen. Früher war es in vielen Fachbereichen üblich, dass die Seminare nach dem immer gleichen Schema eines studentischen Referats über einen vorher verteilten Text mit anschließender Diskussion abliefen. Diese Form der Seminargestaltung ist inzwischen nahezu vollkommen verschwunden, weil weder die Dozenten noch die Studenten bereit sind, lange mittelmäßige studentische Referate über von allen gelesene Texte über sich ergehen zu lassen. Das weitgehende Verschwinden dieser Seminarform geht dabei in den meisten Fällen nicht auf einen zentralen Beschluss irgendeines Gremiums zurück, sondern hat sich schleichend über Jahre als Erwartungshaltung ausgebildet, so dass Lehrende heutzutage unter Rechtfertigungsdruck geraten, wenn sie ihr Seminar auf studentischen Referaten aufbauen.

Wohlformulierter Konsens ohne praktischen Nutzen

Aber wie kann man jetzt innerhalb einer Hochschule die Lehr- und Lernkultur beeinflussen? An den Hochschulen setzt sich dazu eine aus organisationswissenschaftlicher Perspektive naive Vorstellung durch. Mitglieder einer Hochschule sollten, so jedenfalls die Vorstellung, ein Lehr- und Lernleitbild erstellen, um ein gemeinsames Verständnis von Lehren und Lernen zu entwickeln. Ausgangspunkt sollte dabei ein „Kulturaudit“ sein, in denen die eigene Lehr- und Lernkultur auch im Vergleich zu Kulturen anderer Hochschulen bestimmt wird. Durch die Verschriftlichung der Ergebnisse dieser „Kulturaudits“ werde für alle deutlich, welche kulturellen Grundüberzeugungen in der Organisation herrschten und welche Veränderungen in der Kultur nötig seien, um eine bessere „Zielkultur“ zu erreichen.

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