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Hochschulen vor dem Brexit : Nichts ist klar, bis alles klar ist

  • -Aktualisiert am

Absolventenfeier am Corpus Christi College in Cambridge Bild: (c) Paul Thompson/Corbis

Niemand profitiert stärker von der EU als Oxford und Cambridge. Doch in den Verhandlungen um den Brexit spielen die Hochschulen nur eine Nebenrolle.

          Auf der King’s Parade, der Hauptschlagader von Cambridge, hängt eine wettergegerbte Europaflagge aus dem Fenster eines Studentenzimmers herab. Seit zwei Jahren, als eine knappe Mehrheit des Vereinigten Königreichs die Universitäten des Landes in tiefe Sorge stürzte, trotzt das blaue Stück Stoff den Launen des britischen Wetters. Und der Politik, die sich im Kampf zwischen harten und weichen Brexiteers zerreibt. An den Universitäten, die das Brexit-Votum hart getroffen hat, wird man immer ungeduldiger. Viele der Wissenschaftler fürchten um die Grundlagen ihrer Arbeit: EU-Gelder, die Personenfreizügigkeit, die Attraktivität des Standortes für Spitzenforscher und Studienanfänger. Knapp neunzig Prozent im Cambridger Bezirk „Market“, zu dem acht der 31 Colleges gehören, stimmten beim Brexit-Referendum für „Remain“ – der höchste Wert im ganzen Land. Doch derzeit hört man in Cambridge vor allem ein Wort: „uncertain“.

          Ende März 2019 soll der EU-Austritt vollzogen werden. Der Plan dafür muss deutlich früher stehen – und ist, was die Universitäten betrifft, nur in gröbsten Umrissen erkennbar. Vor einigen Wochen gab es immerhin Anlass zu vorsichtiger Hoffnung. Im Weißbuch, das Theresa May im Juli vorgelegt hat, ist von der Absicht die Rede, weiter an EU-Programmen zur Forschungsfinanzierung zu partizipieren. Auch am Austauschprogramm Erasmus+ will man sich beteiligen. Kein ganz uneigennütziger Wunsch: Ohne die europäischen Gelder wäre die akademische Exzellenz der Briten gefährdet. Im EU-Förderprogramm Horizon 2020 ist das Land mit 4,7 Milliarden Euro hinter Deutschland jenes mit den zweitgrößten Forschungszuschüssen. Und anders als in Deutschland, wo die EU-Mittel oft in außeruniversitäre Institute fließen, gehen sie auf der Insel unmittelbar an die renommierten Universitäten, die sie fest in ihre Etats eingeplant haben.

          Ob die EU-Kommission den Wünschen Westminsters entgegenkommt, ist noch völlig offen. Der Austrittstermin rückt näher, und weder wissen die Universitäten, was ihre Regierung konkret für sie verhandelt, noch lässt sich die EU-Kommission in die Karten blicken. Sollte in den großen Handelsfragen wie dem Umgang mit der irisch-nordirischen Grenze keine Einigung erreicht werden, bestünde sogar die Gefahr, dass die Belange der Wissenschaft gar nicht erst zur Sprache kommen.

          Spitzenreiter bei Forschungsgeldern

          Im europafreundlichen Cambridge blickt dem Brexit kaum jemand mit Freude entgegen. „Wissenschaftler sind sich bewusst, dass sie am meisten zu verlieren haben“, sagt Catherine Barnard, Professorin für EU-Recht am Trinity College. „Cambridge bekommt mehr Grants von der EU als manche kleine Staaten.“ Im Rahmen von „Horizon 2020“ wurden der Universität 405 Anträge bewilligt, die zusammen 273 Millionen Euro ergeben. In ganz Europa hat nur eine Hochschule mehr Gelder eingeworben: die Universität Oxford.

          Überzeugte Europäerin: Louise Richardson, Rektorin von Oxford

          Dass die britische Regierung die Personenfreizügigkeit zumindest für Studenten und – „temporär“ – für Wissenschaftler beibehalten will, ist für die Universitäten von großer Bedeutung. „Die Forschungsfinanzierung beruht auf free movement“, sagt Barnard. „Ein offener, EU-Bürgern zugänglicher Arbeitsmarkt ist einer der Gründe, warum Cambridge die besten Forscher und Studenten der Welt anzieht.“ Die Universität arbeite nun daran, selbständig ihre bilateralen Beziehungen zu verbessern. Erst im Mai wurde eine Partnerschaft mit der LMU München vereinbart, die im Frühjahr 2019, also genau zum Zeitpunkt des Brexit, beginnen soll.

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