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Kritik an Anja Karliczek : Die Ministerin, die C-Frage und das ZDF

Wird nicht nur sachlich kritisiert: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek Bild: dpa

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek wird von einer ZDF-Satiresendung für die Berufung auf christliche Werte mit Hohn und Spott übergossen. Warum eigentlich?

          Die „Heute Show“ des ZDF ist nicht bekannt für Beiträge zur Bildungsdebatte. In der Sendung vom 22. Februar knöpfte sich Moderator Oliver Welke aber einmal Bundesbildungsministerin Anja Karliczek vor. Besonders störte er sich an deren Aussage, ihre KI-Strategie werde sich nicht an China oder den Vereinigten Staaten, sondern am christlichen Menschenbild orientieren. Der technische Fortschritt habe sich dahinter einzureihen. Das war politisch streitbar formuliert. Solange das C im Namen von Karliczeks Partei aber nicht für die Programmiersprache C steht, kann es nicht überraschen. Man hätte einer sozialdemokratischen Bildungsministerin schließlich auch nicht übelgenommen, wenn diese angekündigt hätte, den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sozial zu gestalten. Oder wenn die FDP behauptet hätte, die weltbeste KI-Strategie zu besitzen, über die sie freilich noch nicht nachgedacht hat (kommt später!).

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Religionsneutral formuliert, bedeutet Karliczeks Aussage zunächst einmal, dass der technische Fortschritt seine ethischen Prinzipien nicht aus sich selbst erzeugen kann, denn dann wäre er nicht mehr Technik, sondern Ethik. Man weiß nun nicht, ob die Redaktion der „Heute Show“ von chinesischen Verhältnissen träumt, seit Elisabeth Wehlings Framing-Manual über sie gekommen ist. Vielleicht hätte der Redaktion ja die ethische Richtlinie des Philanthropen und Bildungsmäzens Bill Gates besser gefallen, der einmal gesagt hat: „Wir werden Menschen einfach wie Maschinen behandeln. Beide sind programmierbar.“ Welche Sympathien derartige Vorstellungen beim ZDF genießen, ist seit dem Publikwerden des Manuals bekannt, das auch einen klaren Blick dafür hat, was heute auf der Welt gut (ARD und ZDF) und böse (deren Gegner) ist. Hätte die Ministerin also nichts falsch gemacht, wenn sie gesagt hätte, man werde sich am Weltbild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks orientieren?

          Der Begriff des Christentums, den der anschließende Sketch dann vorführte, ist schnell referiert, denn er ist übersichtlich. Christentum heiße sexuelle Gewalt, Homophobie und Frauenfeindlichkeit. Alles in allem: katholische Kirche in ihren negativen Ausprägungen. Das wirkt bei aller Freude über den Fortschritt wenig erschöpfend und ziemlich vorreformatorisch. Wird man im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nun kein Luther-Jahr mehr feiern? Und wer soll bei den Kollegen der ARD in Zukunft das „Wort zum Sonntag“ sprechen? Dass das ZDF keine anderen Götter mehr neben sich duldet, seit es sich selbst hat heiligsprechen lassen, kommt nicht unbedingt überraschend. Ungewöhnlich ist eher, dass der Karliczek-Spott auch in wissenschaftlichen Kreisen amüsiert aufgenommen wird. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Ministerin bildungspolitisch noch nicht „geliefert“ hat, sondern auch mit dem Einfluss eines kulturalistischen Denkstils, der die Religion nach jahrzehntelangem Desinteresse wieder feiert. Von der neuen Wertschätzung ist nur das Christentum ausgenommen, das unter der Rubrik „weiß, westlich, kapitalistisch“ abgeheftet wird. Nach dieser Vorstellung hat das Christentum Südamerika, Afrika und Asien bis heute nicht erreicht. Wir freuen uns jedenfalls auf das Weihnachtsprogramm. Oder kommt jetzt erst einmal Ostern?

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