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Hans Ulrich Gumbrecht zum 70. : Die Präsenz des Distanzdeutschen

Hans Ulrich Gumbrecht im Protrait. Bild: Ullstein

Das eine Jahr, das ihr kennt: Als Philologe, Essayist und Kritiker durchpflügt er gewaltige Geistesgebiete – Hans Ulrich Gumbrecht zum siebzigsten Geburtstag.

          Den fast vollkommenen Text hat Hans Ulrich Gumbrecht über das äußerste Elend geschrieben. Er heißt „Das unverschämte Gesicht der Armut“ und ist 2016 auf seinem FAZ.NET-Blog „Digital/Pausen“ erschienen: Das Reporter-Ich des Autors nimmt uns mit ins indische Hyderabad und dessen Bettlerszene. Etwa in der Mitte des Texts wechseln Ton und Perspektive: „Plötzlich“, heißt es, „ist dieses eine Gesicht vor dir, ohne Annäherung, Gnade, Ausrede.“ Nase, Mund und Wangen der schwarz gewandeten Frau sind „von Lepra angefressen, aber noch nicht ganz verschwunden“. Es ist, als hätte „sie schon angefangen, als Leiche zu verfaulen“.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Distanz zu ihr ist unmöglich. Gumbrecht, bedrängt wie gedrängt, kann mit sich selbst, damit auch mit uns, den Lesern, nur völlig schrankenlos, nur per Du reden. „Diesem Gesicht“, sagt er, „weichst du nie mehr aus ... Du musst weiterleben in der Gegenwart jener Frau, von der sie dich nicht erlösen wird.“ Dieser Blog zählt zu den besten Arbeiten des Literaturwissenschaftlers, Essayisten und Kritikers Hans Ulrich Gumbrecht. Gerade weil er so untypisch für ihn ist, ist er unausweichlich. Geschrieben ist er auch gegen das Bild, das man von ihm hat. Dieses Bild zeigt einen großprofessoralen Universitätsmenschen, den Freunde wie Gegner als jovialen Jetsetter zwischen den Kontinenten wahrnehmen, als ubiquitären Vortragsredner in wenigstens vier Sprachen, überdies als Viel- wie Über-Alles-Schreiber im akademischen wie feuilletonistischen Betrieb.

          Es charakterisiert Gumbrecht, dass sich Geschäftigkeit und Substanz, Glamour und Ernsthaftigkeit ergänzen. In der autobiographischen Skizze „Freude am Denken“, die vor vier Jahren in der Zürcher „Weltwoche“ erschien, spricht er von „grenzenlosem Fleiß“, „grenzenlosem Arbeitsaufwand“ und „grenzenlosem Ehrgeiz“, die ihn seit Schülerzeiten treiben. Das Workaholic-Syndrom ist ihm bewusst. Es hat eine immense Produktion freigesetzt: an die zweitausend Titel. Nachprüfen muss man das nicht; es genügt, das „Gefühl des Einfach-schreiben-Müssens“ vorauszusetzen. Im Vorwort zu „Eine Geschichte der spanischen Literatur“ (1990), dem 1500 Seiten umfassenden und zu Recht gerühmten wissenschaftlichen Hauptwerk, gesteht er, er wisse nicht, warum dieses Gefühl so faszinierend sei.

          Eine Erklärung liefert der Sport. Gumbrecht gehört zu den Intellektuellen, die ihrer Zuschauer-Leidenschaft für die Stadionspektakel Schreibakte folgen lassen. „Lob des Sports“ (2005) heißt der einschlägige Essay, dem neben vielen beiläufigen Artikeln auch brillante Bemerkungen etwa zum „Stil des FC Barcelona“ folgten. Ein zentraler Begriff dabei ist „fokussierte Intensität“. Er zielt auf ein Phänomen, das für alle gilt – für den Fußballer, der den genialen Pass spielt, für die Schwimmerin, die auf der letzten Bahn die Konkurrenz abhängt, nicht minder aber für den Zuschauer, der diese Aktionen im ganzen Körper miterlebt und so ein Teil von ihnen wird. Selbst hat Gumbrecht nie Sport getrieben – es sei denn, man ließe auch Schreiben als Sportart gelten. In dieser Disziplin wäre er, ist er ein Hochleistungsathlet.

          Nicht mehr Deutscher sein wollen

          Dass sich der Würzburger Arztsohn gleich nach dem ersten Münchner Semester im Frühjahr 1968 gegen die Germanistik und für die Romanistik als Hauptfach entschied, hatte in der Tat mit der Studentenrevolte zu tun. Obwohl Mitglied im SDS, war er weder ein nennenswerter Aktivist noch ein marxistisch Erweckter. Im 2012 publizierten, teils autobiographischen, teils zeitdiagnostischen Buch „Nach 1945“ mit dem (zu abstrakten) Untertitel „Latenz als Ursprung der Gegenwart“ aber hat Gumbrecht anschaulich von den „herausgerissenen Seiten im Familienalbum“ erzählt und auch damit die „Unwahrhaftigkeit“ der Nachkriegs-Epoche illustriert.

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