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Handyerlass an der Uni? : Weg mit dem Bildschirm!

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Ganz bei der Sache: Michel Foucault während einer Vorlesung am Collège de France Bild: AFP

Last Exit No Screen Policy: Warum Handys und Tablets Vorlesungen und Seminare rettungslos ruinieren und wie Dozenten und Studenten ihnen glücklich entrinnen können.

          Es gibt eine fiebrige Sehnsucht nach der Vereinbarkeit von Handys, Tablets und wissenschaftlichem Unterricht. Vor drei Jahren war ich selbst fest entschlossen, das Smartphone in die Wissensvermittlung einzubinden. Ich identifizierte eine Software, mit der man im Hörsaal Umfragen und Wissenstests machen konnte. Ich stellte es mir interaktiv und studentenfreundlich vor, Jura-Anfänger in meiner verfassungsgeschichtlichen Vorlesung in Wien raten zu lassen, wie viele Gesetze es im Heiligen Römischen Reich wohl zwischen 1500 und 1800 gegeben habe. Bei Stoffwiederholungen würde ich überprüfen können, wie viel von der letzten Stunde hängengeblieben war. Von Neurologen und Bildungswissenschaftlern lernte ich hingegen: „Weg mit dem Ding!“ Eine heilsame Entscheidung.

          Die Befürworter interaktiver Informationstechnologie versprechen einen Zugewinn gegenüber konventionellen Methoden im Unterricht. Solcher Expertenrat besitzt den Anschein des Vorsprungs durch Technik und gibt sich didaktisch avanciert. „Handys gehören nicht verboten, sondern als selbstverständliches Lernmittel auf den Tisch“, heißt es seitens der Bertelsmann-Stiftung. Die praktische Umsetzung dieses Rats gleicht jedoch dem Versuch, bei einem romantischen Flirt eine Balance zwischen dem tiefen Blick in die Augen des anderen und dem zerstörerischen Seitenblick auf das allgegenwärtige Handy zu finden: Es ist rettungslos zum Scheitern verurteilt.

          Elektronische Medien haben das Machtgefälle zwischen Unterrichteten und Unterrichtenden verschoben. Der Kampf um die Aufmerksamkeit für den Stoff ist asymmetrischer denn je. Als Dozent kämpft man gegen einen übermächtigen Gegner. Die Verlockungen der bunten Bilder und der permanent oder potentiell einschießenden Nachrichten sind unwiderstehlich.

          Bemühen um kollektive Konzentration

          Es liegt nahe, der tatsächlichen Mediennutzung der Studenten wohlwollend entgegenzukommen. Nicht von ungefähr kursieren zahllose Vorschläge und Überlegungen, wie man Handy und Tablet sinnvoll in den Unterricht einbinden kann. (Medien-)Industrie und Politik setzen gerne auf diese Karte, freilich aus zweifelhaften Motiven. Ihre Plausibilität gewinnen diese Ideen aus der technikgläubigen Hoffnung, die Chancen der faszinierenden Instrumente zu nutzen und zugleich die Nachteile im Zaum zu halten. Praktisch alle Studenten führen das Gerät mit sich, was wäre schöner als die Vorstellung, sie dort abzuholen, wo sie sich ohnehin gerne aufhalten: zwischen Bildschirm und Tastatur.

          Denn auch an der Universität bilden die Vorlesungen und Seminare keine Unterbrechung der exzessiven Mediennutzung. Überlässt man den Studenten kommentarlos die Wahl, so halten sie das Gerät meistens in Griffweite oder sogar im Blickfeld, immer bereit, dem Impuls nachzugeben. Im Halbdunkel des Hörsaals sieht man dann gesenkte Gesichter, auf die bisweilen ein fahler blauer Schein fällt, mit einer Hand werden Wisch- und Tippbewegungen unter dem Tisch ausgeführt. Zwischendurch hebt sich der Blick, und man sieht in ein Gesicht, über das eben noch ein verborgenes Lächeln gehuscht war.

          Es genügt, dass unter den Hunderten von Zuhörern in meiner Vorlesung einer abgelenkt ist, damit ich für den Moment, nachdem ich ihn gesehen habe, selbst unkonzentriert werde. Weil es sich um eine massenhaft praktizierte Kulturtechnik handelt, die an der Universität von manchen Dozenten bisweilen sogar geduldet wird, schwindet das Bewusstsein für den Manierenverstoß. Die Kränkung, die das für die Dozenten bedeutet, ist weniger dramatisch als die Zerstörung der Lernatmosphäre. Dozenten können sich bestens vorbereiten, zu Gedankenflügen aufschwingen oder ein Feuerwerk an intellektuell oder emotional fesselnden Episoden abbrennen und mit Power-Point visuell unterstützen: Wie das tägliche Murmeltier wird noch jedes Bemühen um kollektive Konzentration von der sichtbaren Abschweifung der Adressaten unterlaufen werden.

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