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Handyerlass an der Uni? : Weg mit dem Bildschirm!

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Shirkys Ansatz war empirisch, von eigener und fremder Ernüchterung getragen, und er argumentierte auch mit der Selbsterkenntnis der Betroffenen. Denn sie wussten um ihre emotionale Verführbarkeit und die Schwierigkeiten bei der Rückeroberung ihrer Selbstkontrolle. Nicht von ungefähr beschäftigten die Mediengiganten im Silicon Valley mehr Neurowissenschaftler als die ganze NYU, um unsere menschliche Sucht nach neuronaler Belohnung zugunsten ihrer Aufmerksamkeitsökonomie zu plündern. Allein diese Tatsache erschüttert die naive Forderung nach einem scheinbar aufgeklärten Umgang mit Technik. Was würde wohl geschehen, fragte Shirky, wenn die Universität einen Raum der Bibliothek oder Hörsäle so einrichten würde, dass dort kein Empfang mehr möglich wäre? Shirky tippt darauf, dass er von Dozenten wie Studenten gleichermaßen ausgebucht sein würde, die endlich in Ruhe arbeiten wollten.

Eine neue Variante von Interpassivität

Ich dachte noch oft an den Satz, wenn ich zurück in Wien durch die Bibliothek für Rechtsgeschichte ging und dort am späten Vormittag jene Studenten zählte, die am Handy waren. Bisweilen traf ich erst nach einem halben Dutzend Surfern auf einen Lesenden. Shirkys Ermahnung für solche Fälle war, sich zu vergegenwärtigen, dass Aufmerksamkeit die wertvollste Ressource ist, die Studenten an der Universität besitzen: Sie sollen sie dort vollkommen fokussiert einsetzen, wo sie sich fachliche Gewinne für die eigene berufliche Zukunft versprechen, also gerade nicht auf Snap-Chat.

Shirkys und Weilers Ausführungen wurden lebhaft und kritisch diskutiert, und zwar gerade im Hinblick auf die ausgeschlagenen Chancen und Nachteile einer solchen Abwendung. Sollte man nicht auf Texte auf dem Notebook zurückgreifen dürfen, die man heruntergeladen hatte und um deren genaue Wortlaut-Interpretation es im Unterricht ging? War nicht das digitale Mitschreiben jenem von Hand insofern überlegen, als man den Stoff später einfacher ergänzen und umstrukturieren konnte? Hier galt es, kritische Abwägungen vorzunehmen.

Nach einem ganzen Semester mit „No Screen Policy“ kann ich sagen, dass die Umsetzung leichter als erwartet war. Ich hatte am Anfang jeder Lehrveranstaltung mein didaktisches Konzept wie immer erläutert, nun aber um das Problem der digitalen Ablenkung erweitert und alle Überlegungen offengelegt. Statt von einem Verbot warb ich um Teilnahme an einem kollektiven Versuch und appellierte auch an die Solidarität zugunsten jener, die sonst den Passivrauchen-Effekt zu befürchten hätten. Und ich war ebenso erfreut wie erstaunt, schon bei meinem ersten Auftritt vor Studenten sofort ein Gefühl des Durchatmens zu spüren: Endlich waren sie die Last los, ständig ihr Mobilgerät checken zu müssen oder jedenfalls eine Entscheidung darüber zu treffen. Sie blickten offener, wacher und engagierter in den Hörsaal.

Die Kulturszene befeuerte meine neue Haltung mit Berichten von Konzerten, bei denen die Veranstalter die Handys der Besucher verwahrten, damit wieder eine lebendige Live-Atmosphäre entstehen konnte. Es war nur eine Chance, aber eine wichtige, und die Idee ließ sich analog auf den performativen Akt der Hochschullehre übertragen. Die Lobeshymnen auf die Digitalisierung schienen mir demgegenüber eine populistische bis naive Ersatzhandlung: Bildungsvermittlung und Bildungserwerb werden an ein technisches Gerät delegiert und geraten zu einer neuen Variante von Interpassivität. Statt Dozenten und Studenten auf Ernsthaftigkeit zu verpflichten, wird diese Position als „konservativ“ und technisch rückständig verächtlich gemacht. Natürlich fordern Medienkonzerne massive Investitionen in Digitaltechnologie, deren Anschaffung und Unterhalt ihre Zukunft sichert. Die Universität sollte jedoch die Berichte über das vermeintlich selbstbestimmte Lernen am Bildschirm kritisch hinterfragen und Sorge tragen, dass sich alle Beteiligten tatsächlich auf Augenhöhe begegnen. „Schau mir in die Augen, Display“ funktioniert nicht. Übrigens nehme ich seither auch mein eigenes Handy nicht mehr in meine Lehrveranstaltungen mit.

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