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Handyerlass an der Uni? : Weg mit dem Bildschirm!

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Eine schnörkellose Empfehlung

Die Dozenten sind um keinen Deut besser als ihre Studenten: Auf Konferenzen brechen erst recht alle Dämme der elektronischen Ablenkung. Während vorne mutmaßlich Neues präsentiert wird, schweifen die regungslosen Gesichter der Zuhörer und des Moderators über aufgeklappte Bildschirme. Wer auf ihrer Rückseite sitzt und den Lesenden über die Schulter sehen kann, sieht, wie weit weg sie mit ihrem Pokerface gedanklich gerade sind. Vielflieger nehmen Umbuchungen vor, Internetbestellungen werden abgeschlossen, PDF-Dateien durchforstet, potentielle Partner gemustert. Am Ende des Vortrags reicht es meist dennoch für eine sich klug-kritisch gerierende Wortmeldung. Die Simulation gedanklicher Hingabe wird also auch hier beherrscht, die Fassade der respektvollen Ernsthaftigkeit aufrechterhalten. Gemeinsam einem dialogischen Gedankengang nachzugehen ist dennoch etwas anderes.

Dass ich schließlich meinen Vorsatz fallenließ, neue Medien in den Unterricht einzubeziehen, war zugegebenermaßen nicht das Ergebnis praktischen Scheiterns. Vielleicht wäre tatsächlich der erstrebte didaktische Erfolg eingetreten, wenn ich es bloß versucht hätte? Vielmehr habe ich mich grundsätzlich von der Idee verabschiedet, eine „intelligente“ Verwendung digitaler Technik seitens der Studenten im Hörsaal anzustreben. Denn das würde auf eine praktisch unkontrollierbare Nutzung hinauslaufen, die den Ablenkungseffekt potenzieren würde: Die Aufforderung zum Griff zum Handy wäre der Blankoscheck an die Studenten für alle möglichen parallelen Zerstreuungen und eine Kapitulation vor der Macht der Unterhaltungselektronik.

Die empirische Unterfütterung meiner intuitiven Vorbehalte brachten hochschuldidaktische Fortbildungen, die ich während eines Fellowship an der New York University (NYU) genoss. Dort dozierte der Didaktik-Guru und Wunderwuzzi Clay Shirky vor Kollegen aller Fächer. Er sprach unter dem Titel „Competing with Distraction“ über die Effekte der digitalen Technologien auf seinen Unterricht, reflektierte seine Erfahrungen in den vergangenen drei Jahren in Singapur und gab die schnörkellose Empfehlung zugunsten einer „No Screen Policy“.

Endlich in Ruhe arbeiten

Shirky berief sich auf zahllose sozialwissenschaftliche Studien und war am eindrücklichsten dort, wo er gegen den Mythos des Multitasking in Kombination mit der angeblich selbstbestimmten Lernstrategie argumentierte. Denn, so Shirky, der von Sucht getriebene Blick auf den Bildschirm sei wie Rauchen im Verhältnis zu Passivrauchen: Auch jene, die nur mittelbar davon betroffen sind, leiden massiv. Intellektuell beeinträchtigt sei vor allem der reflexive Teil des Lernens. Allein schon die Wahrnehmung eines durch einen Bildschirm abgelenkten Kommilitonen lenke einen selbst intensiv ab, egal ob Studentin oder Dozent. Man selbst werde übrigens schon unhintergehbar abgelenkt, wenn man bloß das Handy in der Hosentasche spüre.

Ich hörte auch von einem der etabliertesten Professoren in der juristischen Kollegenschaft, Joseph H. H. Weiler, Erstaunliches: Bei ihm waren nicht nur Bildschirme im Unterricht verboten, sondern sogar das Mitschreiben, das an zwei Kommilitonen delegiert wurde, die dann ihre Mitschriften teilten (nach Durchsicht von Weilers Assistent): „Ich will Juristen ausbilden, keine Stenotypisten.“

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