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Grundschulranking und Co : So wird Ihr Kind erfolgreich

Kennen alle die Antwort? Ja? Eine homogene gute Klasse muss für Kinder nicht die beste Lösung für gutes Lernen sein. Bild: dpa

Immer wieder wollen neue Studien Eltern erklären, wie sie ihr Kind am besten bilden. Die neueste Erkenntnis: Wer sein Kind auf eine schlechte Schule schickt, tut ihm vielleicht etwas Gutes.

          Wollen Sie auch, dass aus Ihrem Kind einmal etwas ganz Besonderes wird? Eltern investieren eine Menge, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht. Der Sprössling kann kaum laufen, schon bekommt er ein Musikinstrument in die Hand gedrückt, wird zum Turnen geschickt und soll mit dem Kindermädchen chinesisch sprechen. Und spätestens wenn die Einschulung ansteht, ist der Spaß endgültig vorbei: Großstadteltern mieten Zimmer in anderen Stadtteilen an, nur damit sie Tochter oder Sohn in der Wunsch-Grundschule anmelden können.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Oder sie schicken ihr Kind gleich auf eine Privatschule, damit es sich nicht mit den falschen Mitschülern oder schrägen pädagogischen Konzepten abgeben muss. Sicher ist sicher. Schließlich zeigen unendlich viele Studien, wie wichtig der Bildungserfolg für das gesamte spätere Leben ist. Gruppenzwang macht die Sache noch schlimmer: Fangen die Nachbarn und Bekannten erst einmal mit solchen Praktiken an, wächst das schlechte Gewissen: „Verpasst mein Kind vielleicht etwas? Ist dieser Rückstand im Leben jemals wieder aufzuholen?“, fragen sich selbst Eltern, die sich geschworen hatten, niemals so zu werden.

          Grundschulranking beeinflusst spätere Leistungen

          Wer keine Lust auf diesen Stress hat, vor Nachbarn und Freunden aber trotzdem als ein fürsorgliches Helikopter-Elternteil glänzen möchte, der dürfte die folgenden Zeilen mit Vergnügen lesen. Denn es existieren auch wissenschaftliche Erkenntnisse, die wie eine Beruhigungspille gegen die Bildungspanik wirken. Die gerade veröffentlichte Untersuchung der beiden Bildungsökonomen Richard Murphy (University of Texas) und Felix Weinhardt (DIW Berlin) zum Beispiel. Auf einen Satz verkürzt lautet ihr zentrales Ergebnis: Es muss nicht immer die beste Schule sein.

          Das Forscher-Duo hat untersucht, wie die Leistungen von Schülern in der Grundschule mit ihren Prüfungsergebnissen in den weiterführenden Schulen zusammenhängen. Am besten lässt sich das in England herausfinden. Dort muss während seiner Schullaufbahn jeder dreimal zum Test in Englisch, Mathe und den Naturwissenschaften antreten – am Ende der Grundschule mit elf Jahren, und dann noch einmal mit vierzehn und sechzehn Jahren. Jedes Mal können die Schüler höchstens einhundert Punkte erreichen. In der „National Pupil Database“ werden die Daten landesweit erfasst, was den Forschern ermöglichte, die Ergebnisse von 2,3 Millionen Schülerinnen und Schülern auszuwerten.

          Dabei stießen Murphy und Weinhardt auf ein erstaunliches Muster. In den weiterführenden Schulen waren nämlich nicht nur diejenigen besonders gut, die schon in der Grundschule viele Punkte gesammelt hatten, sondern auch diejenigen, die innerhalb ihrer Grundschulklasse besser waren als ihre Mitschüler. Das ist nicht trivial. „Die Plazierung im Ranking der Grundschulklasse hat Vorhersagekraft für die Leistungen in der weiterführenden Schule“, schreiben die Autoren.

          Menschliche Natur bestimmt vergleichendes Denken

          Was das Ergebnis bedeutet, veranschaulicht ein Gedankenexperiment. Angenommen Paul und Karl erreichen als Elfjährige jeweils 80 Punkte in dem Vergleichstest. Paul ist in seiner Klasse von Überfliegern umgeben und nur Mittelmaß, Karl ist an einer „schlechten“ Schule dagegen einer der Klassenbesten. Dann wird Karl als Teenager signifikant bessere Noten schreiben als Paul – und zwar ausschließlich, weil er im Ranking höher stand (diesen Effekt können die Forscher dank komplizierter statistischer Verfahren isoliert betrachten).

          Warum das so ist? Die menschliche Natur spielt vermutlich eine wichtige Rolle. Menschen vergleichen sich ständig, und sie gehen dabei nicht immer rational vor. Wo jemand in einer Rangliste steht, ist einfacher zu erfassen als ein exakter Leistungsvergleich, der alle möglichen Abstufungen berücksichtigt, erklären Verhaltensforscher. „Diese Vergleiche können beeinflussen, was Individuen über sich und ihre Fähigkeiten denken“, schreiben Murphy und Weinhardt.

          Das veränderte Selbstbild und das gesteigerte Selbstbewusstsein sehen sie als Schlüssel für die besseren Leistungen an. Wer an sich glaubt, ist am Ende tatsächlich besser. Bei Jungen war der Zusammenhang besonders ausgeprägt. Was verblüffend ist: Der frühere Platz in der Leistungshierarchie beeinflusste auch noch die Leistungen der Sechzehnjährigen und sogar die Fächerauswahl von Achtzehnjährigen, die sich in einem völlig anderen sozialen Umfeld bewegen als früher.

          Bildungserfolg von unzähligen Faktoren beeinflussbar

          Die Studie steht im Widerspruch zu vorherigen Arbeiten, die einen positiven Zusammenhang zwischen leistungsstarken Mitschülern und den eigenen Noten sehen. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass die meisten dieser Studien lediglich kurzfristige Effekte messen, nicht die langfristigen Auswirkungen wie in diesem Fall.

          Sollte man seine Kinder also in eine möglichst schwache Klasse stecken, damit sie bessere Chancen haben, zu den Leistungsträgern zu gehören? Das wäre eine falsche Schlussfolgerung. Der Einfluss des Grundschul-Rankings ist zwar bemerkenswert, aber nur einer von unzähligen Faktoren, die über den Bildungserfolg entscheiden, betonen die Ökonomen. Sie ziehen einen Vergleich: Ein Jahr von einem besonders guten Lehrer unterrichtet zu werden habe (kurzfristig) etwa denselben Effekt wie eine bessere Plazierung im Klassen-Ranking.

          Unter dem Strich kann die Studie bei Eltern, die für ihr Kind keinen Platz auf der Wunschschule ergattert haben, aber für etwas mehr Gelassenheit sorgen. Es ist längst nicht immer alles monokausal, wie es manch überambitioniertes Elternpaar darstellt. Ganz ähnlich ist eine weitere, im Jahr 2008 erschienene Studie zu interpretieren. Sie untersucht, ob es etwas bringt, die Kinder besonders früh zur Schule zu schicken – ein Trend, der sich auch hierzulande ausgebreitet hat. „Während es in den Medien so wirkt, als sei das so, gibt es kaum Hinweise darauf, dass ein frühes Einschulungsalter Effekte auf langfristig positive Effekte hat“, bilanzieren die Autoren, die Schülerinnen und Schüler in Norwegen beobachtet haben. Das einzige Ergebnis, das sie als verblüffend bezeichnen, ist folgendes: Mädchen, die besonders früh zur Schule gingen, wurden häufiger schon als Teenager schwanger.

          Richard Murphy und Felix Weinhardt: Top of the Class: The Importance of Ordinal Rank, NBER Working Paper No. 24958, August 2018

          Sandra Black, Paul Devereux, Kjell Salvanes: Too Young to Leave the Nest: The Effects of School Starting Age, NBER Working Paper No. 13969, Issued in April 2008

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