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Grenzüberschreitend studieren : Streben nach internationaler Sichtbarkeit

Damit Hochschulen internationaler werden, müssen einige Strukturen geändert werden, sagt der Wissenschaftsrat. Bild: dpa

Universitäten müssen sich mehr der Internationalisierung öffnen und Studierenden mehr Möglichkeiten zum internationalen Studieren bieten, fordert der Wissenschaftsrat. Wie kann man das umsetzen?

          Große Universitäten wie die Universität Freiburg haben eigene Abteilungen für die Internationalisierung, die neben dem Rektorat maßgeblich daran beteiligt sind, solch einen europäischen Campus wie Eucor zu gründen und vertraglich zu besiegeln. Der Charme von Eucor, einer Zusammenarbeit der Universitäten Basel, Freiburg, Haute-Alsace und Straßburg sowie des Karlsruher Instituts für Technologie, liegt in ihrer regionalen und europäischen Perspektive. Denn aus dem europäischen Campus soll langfristig eine starke Wirtschafts- und Forschungsregion im Dreiländereck bei gleichzeitiger Wahrung der Autonomie der jeweiligen Universitäten werden. Zu den Eucor-Visionen zählt, dass der Campus eines Tages zum Magneten für die besten jungen Wissenschaftler und internationalen Studenten werden könnte.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Internationale Sichtbarkeit wünschen sich alle Universitäten, dafür müssten sie allerdings von den Ländern auch eine auskömmliche Grundfinanzierung bekommen. Berlin und Nordrhein-Westfalen stecken etwa auch Hochschulpaktmittel in die Grundfinanzierung, was keine echte Steigerung, sondern nur eine Umleitung von Mitteln ist. Gerade die kleinen Unis oder Fachhochschulen haben mit der Internationalisierung jedoch ihre Mühe, weil sie nicht über die nötigen Verwaltungsstrukturen verfügen. Der Wissenschaftsrat empfiehlt daher, eine Beratungsstelle für solche Universitäten beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) einzurichten, die etwa bei der Formulierung von bilateralen oder multilateralen Verträgen helfen könnte.

          Bürokratisches Klein-klein steht oft im Wege

          Gerade in Zeiten der Wissenschaftsskepsis, der Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit und nationalistischer Tendenzen in der Türkei, in Ungarn, teilweise auch in Polen, sowie in den Vereinigten Staaten gelte es, die Internationalisierung der Hochschulen voranzubringen, sagte die Vorsitzende des Wissenschaftsrats Martina Brockmeier am Montag in Berlin. Auch in der Wissenschaft bewegten sich die Akteure immer im politischen Umfeld. Leistung, Ressourcen, aber auch Motive und Werthaltungen (Wissenschafts- und Meinungsfreiheit auch bei Kooperationen mit China) könnten sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und dürften nicht ignoriert werden. „Wir müssen in allen internationalen Konstellationen klar für unsere Werte und Qualitätsansprüche eintreten und als Botschafter für die freie Ausübung von Wissenschaft, die wissenschaftliche Integrität und den Schutz geistigen Eigentums in die Welt gehen“, forderte Brockmeier. Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie Förderorganisationen mit Auslandsrepräsentanzen (Helmholtz, DFG, Fraunhofer und Max-Planck-Gesellschaft) schlägt der Wissenschaftsrat vor, diese noch viel strategischer zu nutzen. Die Internationalisierung der Wissenschaft sieht der Wissenschaftsrat geradezu als Gegenentwurf zu nationalistischen und wissenschaftsskeptischen Tendenzen. Die Studenten könnten von Mehrsprachigkeit, interkulturellen Erfahrungen und Doppelabschlüssen profitieren. Jeder Student sollte mindestens zwei moderne Fremdsprachen aktiv beherrschen, davon ist der Wissenschaftsrat überzeugt und scheint die Wissenschaftssprache Deutsch eher Sprachkonzepten im Sinne der „Internationalisierung zu Hause“ unterzuordnen. Mehrsprachige Konzepte wie unter Kunsthistorikern wären ideal, machen im Hochschulalltag aber zumeist vor der Verwaltung halt. Die Verwaltung soll deshalb in die Sprachenstrategie der einzelnen Universität einbezogen werden, um ausländische Wissenschaftler und Studenten anzuziehen. Deutsche Studenten sollten mindestens ein Semester im Ausland verbracht haben, fordert der Wissenschaftsrat, doch der europäische Hochschulraum krankt seit Bologna daran, dass er eher die Provinzialisierung gefördert, Wechsel selbst im Inland erschwert hat und Auslandssemester häufig nur an Partnerhochschulen ermöglicht.

          Der Wissenschaftsrat richtet sich jedoch nicht nur an die Hochschulen, sondern als Beratungsgremium von Bund und Ländern auch an die politischen Akteure. Der Bund könnte sich zum Beispiel in Brüssel dafür einsetzen, dass die unterschiedlichen nationalen Strategien zur Außenwissenschaftspolitik stärker abgestimmt und durch europäische Initiativen gefördert werden. An Bund und Länder richtet sich die Empfehlung, dass die EU-Mitgliedstaaten gemeinsame Verhandlungspositionen dazu erarbeiten, wie die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen der EU und außereuropäischen Staaten gestaltet und gefördert werden soll. Vor allem aber müssen die Länder erst einmal die rechtlichen, administrativen und steuerlichen Hürden für eine stärkere Zusammenarbeit abbauen. Häufig scheitern gemeinsame Projekte am bürokratischen Klein-Klein, aber auch daran, dass in Deutschland eingeworbene Drittmittel nicht an eine ausländische Universität mitgenommen werden können. Das müsste sich in den Augen des Wissenschaftsrats ändern.

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