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Analphabetismus : Schwimmübungen im Meer der Laute

  • -Aktualisiert am

Smartphonenutzer in Indien Bild: dpa

Mit Sprachprogrammen wollen Digitalkonzerne den Analphabetismus in aller Welt bekämpfen. Hören statt lesen, lautet die Devise. Das greift zu kurz.

          Rund ein Drittel der Bevölkerung in Indien kann weder lesen noch schreiben. In solchen Weltregionen, in denen die Analphabetismusraten hoch und zugleich Smartphones weit verbreitet sind, eröffnet die Spracherkennung die Chance, das Internet auch schriftlos zu nutzen. Deshalb sieht der Vizepräsident von Google, Ben Gomes, in diesem Zweig der Künstlichen Intelligenz eine Schlüsseltechnologie für die Zukunft von Entwicklungs- und Schwellenländern. Werden also vielsprachige Stimmassistenten nach dem Muster von Alexa oder Siri das Problem des weltweiten Analphabetismus wenn nicht lösen, so doch entschärfen?

          Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nimwegen und sein Kollege Martin Pickering von der Universität Edinburgh warnen vor solchen Vorstellungen. Literalität, also die Fähigkeit, auch anspruchsvollere Texte verstehen und verfassen zu können, ist für sie nicht durch Technik ersetzbar, denn ihr geistiges Potential gehe weit über die Beherrschung von Schreibregeln, das Entschlüsseln von Buchstabenfolgen und die reine Informationsentnahme hinaus.

          Anhand zahlreicher psycholinguistischer und neurowissenschaftlicher Studien ziehen die Wissenschaftler ein Resümee der aktuellen Leseforschung: Wer gut lesen kann, verfügt nicht nur über einen größeren Wortschatz und ausgefeiltere grammatische Strukuren als ein Analphabet oder jemand mit nur geringer Literalität. Auch sein Arbeitsgedächtnis kann mehr speichern; Sokrates zum Trotz, der der Schrift vorwarf, sie fördere die Vergesslichkeit. Zudem ist ein routinierter Leser auch in der mündlichen Kommunikation effizienter und reaktionsschneller, denn er ahnt früher, was sein Gesprächspartner im nächsten Moment sagen wird, als jemand, der sich mit der Schrift schwertut.

          Vorsprung durch Lesen

          Der kognitive Vorsprung, den die Literalität verschafft, hat mehrere Ursachen. Echte Bücherwürmer unter den Kindern lesen pro Jahr rund vier Millionen Wörter, während es bei ihren lesescheuen Altersgenossen nur um die fünfzigtausend sind. Eifrige Leser bauen auf diese Weise nicht nur ein viel umfangreicheres Vokabular auf, sondern sie entwickeln auch ein tieferes Verständnis für die Wörter und ihre Bedeutungsvielfalt. In ihren Gehirnen entstehen dichte Wort-Netzwerke, deren Assoziationen das Wort- und Satzverständnis beschleunigen und die sprachliche Prognosefähigkeit beim Lesen und Hören stärken.

          Aber nicht nur die Wörter und ihre Inhalte, sondern auch das Wesen der Schrift selbst fördert solche Fertigkeiten. Während gesprochene Sprache ein ununterbrochener Fluss von Lauten ist, markiert die Schrift durch Abstände die Grenzen zwischen den Wörtern und macht sie dadurch erst als solche bewusst. „Illiterale Personen haben oft keinen klaren Begriff von dem, was ein Wort ist. Bittet man sie, das letzte Wort eines gesprochenen Satzes zu wiederholen, dann wiederholen sie häufig den ganzen Satz“, sagt Falk Huettig.

          Die Speicherung der Wörter als einzelne Einheiten im Gehirn und die Kombination ihrer lautlichen und schriftlichen Form macht sie für das Sprechen besser verfügbar und für das Verstehen schneller erkennbar. Bedenkt man, dass in der Antike vielfach ohne Wortabstände geschrieben wurde, so werfen diese kognitionswissenschaftlichen Resultate interessante schreib- und lesegeschichtliche Fragen auf. Die noch heute bestehende Doppeldeutigkeit des Wortes „Wort“ – wer „auf ein Wort“ bittet, spricht meistens mehrere Wörter – ist möglicherweise ein alter Reflex aus oralen Zeiten.

          Alphabetschriften machen aber nicht nur Wortgrenzen sichtbar, sie fördern dank ihrer Buchstaben auch das Bewusstsein für die lautliche Struktur der Wörter und stärken das phonologische Gedächtnis. Eine wichtige Rolle spielt nicht zuletzt der Charakter der Schrift als visuelles Medium: Geübte Leser erfassen ganze Wörter und sogar Wortgruppen auf einen Blick und verarbeiten schon deshalb einen geschriebenen Text viel schneller als die Lautfolgen gesprochener Sätze. Wer lesen lernt, entwickelt nach und nach ein ideales Tempo für die Blickbewegungen entlang der Zeilen, das ihm ein schnelles und trotzdem vollständiges Verständnis des Gelesenen erlaubt. Auch hier kommen wieder Strategien der Antizipation zur Geltung, die dann auch auf das Hören und Verstehen mündlicher Sprache übertragen werden. Begünstigt wird die Ausbildung all dieser Fähigkeiten durch das gleichmäßige Schriftbild und die sprachliche Regularität von Buch- oder Zeitungstexten.

          Schriftsprache und Schreibsprech

          Diese Eigenschaften machen das Lesen zu einem guten Trainingsfeld für die Optimierung von Sprachverarbeitungsprozessen, die sich dann auch gegenüber den Verschleifungen und Brüchen der Umgangssprache bewähren. Das gilt allerdings uneingeschränkt nur für Texte, die sich an den klassischen Normen der Schriftsprache orientieren. Der Schreibsprech von Chats und Tweets, der nah an der Mündlichkeit ist, bietet in dieser Hinsicht kein gutes Übungsfeld.

          Das Fazit der Sprachwissenschaftler ist eindeutig: Auch die ausgefeilteste technische Spracherkennung kann die Kulturtechnik des Lesens und die Anstrengungen der Alphabetisierung nicht ersetzen. Vielleicht kann sie diese aber unterstützen? Auch für diese Möglichkeit bietet Google ein Beispiel: Mit „Bolo“ (Hindi für „Sprich“) hat der Konzern kürzlich in Indien eine Gratis-App zum Lesenlernen für Kinder herausgebracht. Diya, die cartoonartige Sprachassistentin, kann Hindi und Englisch und führt die jungen Nutzer erklärend und korrigierend in die Welt der Schrift ein. Offensichtlich sieht Google in der Alphabetisierung wohl doch eine Zukunft, jedenfalls wenn sie als Türöffner zu einem wichtigen Markt wie Indien dienen kann.

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