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Opposition gegen Hitler : Was lernte der Widerstand aus der Geschichte?

  • -Aktualisiert am

Hermann Kaiser vor dem Volksgerichtshof, Berlin, 17. Januar 1945 Bild: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Kern des Problems war der deutsche Geist: Die Tagebücher des hingerichteten Hauptmanns Hermann Kaiser beleuchten die Rolle des Historikers Friedrich Meinecke in der Berliner Opposition gegen Hitler.

          Im Jahr 1932 war der damals siebzigjährige Historiker Friedrich Meinecke aus der Berliner „Mittwochsgesellschaft“ aus Altersgründen ausgeschieden. Er konnte nicht ahnen, dass sich in dieser kleinen Privatgesellschaft, bestehend aus angesehenen Professoren, hohen Beamten und gelegentlich auch Angehörigen der deutschen Generalität, ein Jahrzehnt später einige prominente Angehörige der deutschen Widerstandsbewegung befinden würden. Sie waren 1944 an der Verschwörung des 20. Juli beteiligt und fielen am Ende alle der Rache des Regimes zum Opfer: Ulrich von Hassell, Ludwig Beck, Johannes Popitz und Jens Jessen.

          Und doch stand Meinecke einigen Berliner Widerstandskreisen nahe, und er war zumindest in den Grundzügen über deren Aktivitäten unterrichtet. „Vielleicht haben Sie sich einmal gewundert“, schrieb er im Juni 1946 an seinen dänischen Kollegen Aage Friis in Kopenhagen, „als ich Ihnen vor etwa 3 Jahren schrieb, dass ich auf einen günstigen Ausgang des Krieges hoffe. Jetzt kann ich sagen, weshalb! Ich stand mit den Männern des 20. Juli in Verkehr, insbesondere mit dem Generalobersten Beck, und hoffte damals auf eine Beseitigung Hitlers und Schaffung einer neuen verhandlungsfähigen Regierung. Das ist nun gescheitert, und Deutschland liegt in Trümmern.“

          In seinem unmittelbar nach Kriegsende verfassten und 1946 veröffentlichten Buch „Die deutsche Katastrophe“ hat der inzwischen vierundachtzigjährige Historiker über diese Kontakte berichtet, die nicht nur in gelegentlichen Treffen mit Ludwig Beck bestanden, sondern auch in der Verbindung mit dem Hauptmann Hermann Kaiser (1885 bis 1945), im Zivilleben Studienrat, seit 1940 beim Oberkommando des Heeres tätig, wo er bald Anschluss an die geheimen Widerstandszirkel um Beck und Goerdeler fand. Kaiser hatte Geschichte studiert und 1940 eine aufschlussreiche Abhandlung über Johann Albrecht Friedrich Eichhorn veröffentlicht, einen preußischen Politiker und Beamten, der in den Jahren zwischen 1809 und 1813 im geheimen Widerstand gegen Napoleon aktiv tätig gewesen war. Den Kontakt zu Meinecke suchte Kaiser vermutlich deshalb, weil der Historiker in seiner Frühzeit ebenfalls zu genau diesem Thema geforscht und publiziert hatte.

          Die politische Haltung prominenter Historiker

          Als beide beim ersten Zusammentreffen dann über jenen geheimen „Deutschen Bund“ von 1812 sprachen, der „in Zellen von je drei bis vier Gesinnungsgenossen gegliedert“ war, „von denen immer nur je einer von der nächsten Zelle und deren Vertrauensmann“ gewusst hatte, wurde Meinecke recht bald klar, worauf der ihn besuchende Hauptmann hinaus wollte, der seinerseits rasch Vertrauen fasste und den alten Gelehrten schließlich über einige Aspekte der sich im Verborgenen organisierenden Widerstandsbewegung informierte. „Meine Gespräche mit Kaiser“, so Meinecke im Rückblick von 1946, „gehören zu den innerlich erregendsten meines Lebens. Es genügte ihm, dass ich ihm grundsätzlich zustimmte“; von den Einzelheiten habe er selbst nichts erfahren, er habe „auch von der Tat des 20. Juli vorher nichts gewusst“.

          Friedrich Meinecke

          Nach Gedanken über die ethischen Voraussetzungen und den historischen Platz des Widerstands berichtet Meinecke in der „Deutschen Katastrophe“ außerdem noch von seinen letzten Kontakten zu Kaiser Anfang 1944, als dieser – wohl unter dem Eindruck der Verhaftungen von Dietrich Bonhoeffer, Carl Langbehn und anderen – ihm mitteilen musste „dass das Unternehmen verraten sei und aufgegeben werden müsse“. Kaiser wurde, von Freisler als „gemeiner Verräter“ diffamiert, vom Volksgerichtshof am 17. Januar 1945 zum Tode verurteilt und sechs Tage später in Berlin-Plötzensee gehängt.

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