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Gespräch mit Peter-André Alt : Ich wünsche mir Mut zur Unterscheidung

  • -Aktualisiert am

Peter-André Alt ist neuer Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Bild: Andreas Pein

Alles drängt in die Forschung. Und wo bleibt die Lehre? Im Interview erklärt Peter-André Alt, neuer Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, wie sich die Universitäten und das Studium entwickeln sollen.

          Herr Professor Alt, Sie haben sich in einem Zeitungsartikel einmal über die Euphemismen der Wissenschaftsadministration beschwert. Dauernd würden neue Wege gebahnt, Veränderungen angestoßen, Prozesse konstruktiv begleitet. Als Präsident der Hochschulrektorenkonferenz kommt das alles auf Sie zu. Am Anfang Ihrer Amtszeit daher die Frage: Wie bringt man Schönheit, Freiheit, Geist an die Universitäten?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Idee der Universität liegt tatsächlich in ihren kreativen Freiräumen, und die sind in den letzten zwanzig Jahren durch Konformitätsdruck kleiner geworden. Das müssen wir an den Universitäten wieder stark machen, indem wir nicht alles der Organisation überlassen, sondern ihnen ein Höchstmaß an Individualität zugestehen.

          Wie soll das geschehen?

          Generell sollten wir mit mehr Mut zum Experiment und kreativen Modellen arbeiten. Bei den Lehrenden ist das Opus-Magnum-Programm der VW-Stiftung, das Wissenschaftler ein Jahr für ein großes Buch freistellt, ein wunderbares Beispiel.

          Und bei den Studenten?

          Warum nicht eine Schulung ihrer rhetorischen Fähigkeiten? Und warum gibt es eigentlich kein Studententheater mehr? Die Universitäten sollten überhaupt mehr für ihre Debattierkultur, für ihren Stil, ihr Formbewusstsein und ihre individuelle Geschichte tun. Hier ist manches in Vergessenheit geraten, was einmal selbstverständlicher Teil der Universität war. Und übrigens auch immer noch Teil dieser großen Universitäten wie Harvard oder Oxford ist, an denen wir uns ja sonst immer gern orientieren sollen. Ich wünsche mir eine Wiederbelebung solcher Traditionen.

          Die HRK gilt als zerstrittener Haufen, zerrieben im Kampf zwischen Fachhochschulen und Universitäten. Wie wollen Sie aus ihr wieder eine vernehmbare Stimme machen?

          Unser Hochschulsystem muss sich über seine innere Differenzierung klar sein. Daran halte ich fest. Daher wird auch das Promotionsrecht bei den Universitäten bleiben müssen. Die Tendenz zur Vereinheitlichung, wie wir sie in den letzten fünfzehn Jahren beobachten konnten, ist gefährlich, weil sie Uniformität fördert. Das haben wir in manchen Bereichen der Exzellenzinitiative beobachten können. Ich wünsche mir mehr Mut zur Unterscheidung und auch mehr Unterstützung dabei durch die Politik. Dazu möchte ich an der HRK einen Beirat gründen, der diesen Fragen nachgeht, aber auch politische Schlussfolgerungen vorlegt.

          Den Ruf nach Differenzierung werden die Fachhochschulen, die in die Forschung drängen, nicht gerne hören.

          Was die Fachhochschulen betrifft, plädiere ich für eine deutliche Erweiterung ihrer Forschungsbudgets, auch im Sinne der regionalen Wirtschaftsförderung. Bei dem jetzigen Niveau können wir nicht stehenbleiben.

          Etwa in der Form einer Deutschen Transfergemeinschaft mit einem Etat von einer Milliarde Euro, wie sie die Fachhochschulen fordern? Das Geld würde ja an anderer Stelle fehlen und zur Vernachlässigung der Lehre an den Fachhochschulen führen.

          Ich meine, dass Fachhochschulen für die Transferforschung mehr Mittel brauchen. Das sollte ein eigenes Förderfeld sein. Man könnte das an eine bestehende Einrichtung binden. Deren budgetäre Aufstockung, durchaus im Rahmen der geforderten Milliarde, hätte den Vorteil, dass man nicht nochmals eine eigene Institution schaffen würde.

          Wo wir schon vom Geld sprechen: Der Hochschulverband hat gerade gefordert, dauerhafte Hochschulinvestitionen des Bundes als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern in der Verfassung zu verankern. Zweitens schlägt er vor, dass der Bund nur dort investiert, wo die Länder ihre Bildungsausgaben steigern. Eine gute Idee, um die Länder zu mehr Investitionen in die Hochschulen zu bewegen?

          Das ist ein guter Vorschlag, den ich mit großer Zustimmung gelesen habe. Als Disziplinierungsinstrument für die Länder halte ich eine Belohnung echter Aufwüchse in deren Bildungsausgaben für richtig. Die schlechte Praxis, dass der Bund oben investiert, während die Mittel unten in den Länderhaushalten für andere Ausgaben versickern, sollte nicht fortgesetzt werden. Die Verstetigung des Hochschulpaktes ist jetzt klar. Wir fordern angesichts unserer erweiterten Aufgaben allerdings jährliche Aufwüchse, die denen der außeruniversitären Forschungseinrichtungen entsprechen.

          Da haben Sie aber schon eine klare Absage aus dem BMBF bekommen.

          Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Ministerin das überdenkt.

          Der Hochschulpakt ist ja eigentlich ein Pakt für Forschung und Lehre. Wie soll es angesichts der schlechten Betreuungsverhältnisse zu einer signifikanten Verbesserung der Lehre kommen?

          Die schlechten Betreuungsrelationen sind ärgerlich. Die entscheidende Frage ist aber, wie wir der wachsenden Heterogenität der Studierenden gerecht werden. Ich halte ein einjähriges Studium Generale vor dem Bachelor für ein gutes Mittel. Es zeigt sich immer stärker, dass zahlreiche Abiturienten auf die Universität nicht vorbereitet sind. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass die HRK einen Katalog von zehn Kriterien für die Qualität der Lehre festlegt und die Hochschulen, die mindestens sieben davon erfüllen, an der Förderung durch den Bund teilhaben können.

          Kommen wir zur Lage des akademischen Mittelbaus, der bekanntlich unter Kettenverträgen und unsicheren Karriereaussichten leidet. Wird dessen Notruf endlich erhört?

          Wir haben da auch durch die Menge an Promotionsprogrammen zu viele Erwartungen geweckt. Jetzt müssen die Zahlen sinken. Denn eines ist ganz klar: Wir werden nicht mehr Dauerstellen schaffen können. Da unterliegt auch die Forderung der Jungen Akademie nach einem Departmentsystem ohne Lehrstühle einem schwerwiegenden Denkfehler. Wir können die Hochschulen ohne mehr Geld nicht für viele Karrieren offenhalten und gleichzeitig mehr dauerhafte Sicherheiten schaffen.

          Wie wollen Sie junge Forscher davon abhalten, zu lange in der Wissenschaft zu bleiben?

          Wir sollten weiter vielen die Chance bieten, in die akademischen Qualifikationswege hineinzukommen, aber es können nicht alle bleiben. Da muss man als Hochschullehrer auch mal den Mut haben, frühzeitig von einer Promotion abzuraten. Daran fehlt es. Wir müssen in der Ausbildung mehr umschichten von den Universitäten zu den Fachhochschulen, ohne dass ich mich damit an die Forderung anschließen möchte, gleich ganze Fächer wie etwa BWL komplett an die Fachhochschulen zu transferieren.

          Sprechen wir von Europa. Die HRK bekannte sich 2016 zur Schaffung einer europäischen Bildungs- und Forschungsgemeinschaft. Ist das mehr als eine der üblichen Phrasen? In Osteuropa behindern rechtskonservative Regierungen die Forschungsfreiheit. Auch die berufen sich ja auf Bildung.

          Die europäische Bildungsgemeinschaft bleibt in der Tat eine Phrase, wenn sich daran kein Handlungskonzept anschließt, wie es Präsident Macron mit der Idee europäischer Universitätsverbünde vorgeschlagen hat. Wenn diese Verbünde nicht nur materielle Interessengemeinschaften bleiben sollen, dann müssen sie definieren, was sie für das Grundwissen des Europäertums leisten. Ich denke da an einen verpflichtenden Kanon großer europäischer Texte, der zum Bildungsprogramm der jungen Menschen in Europa gehören sollte.

          Es gibt Anzeichen eines wachsenden Dogmatismus an den Universitäten. Fehlt den Hochschulleitungen der Mut, der Intoleranz gegenüber manchem ihrer Mitglieder entgegenzutreten?

          Ja, das mag so sein. Wenn ich mir aber die Hexenjagden auf manchem amerikanischen Campus anschaue, dann befinden wir uns in Deutschland zum Glück noch in einer anderen Situation. Zweifellos wächst die Moralisierung des akademischen Diskurses mit hohen Erregungsgraden gegenüber Meinungen, die einem nicht passen. Darum brauchen wir noch mehr öffentliche Diskussionen über die Wissenschaftsfreiheit. Alle diese Feiertagswörter – Freiheit, Toleranz, Diversität – müssen wir in ihrer frommen Grundtendenz auf den Prüfstand stellen, um sie mit echtem Leben zu füllen.

          Das Gespräch führten Gerald Wagner und Thomas Thiel.

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