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TU München und Facebook : Geschlossener Wettbewerb

Der Eingang zur Technischen Universität München Bild: dpa

Bei der umstrittenen Kooperation mit Facebook verzichtet die TU München auf eine offene Ausschreibung des Direktorenpostens. Rechtlich ist das möglich, aber ist es auch klug?

          Als die Facebook-, pardon, Technische Universität München kürzlich die Gründung eines Instituts für Ethik in der Künstlichen Intelligenz bekanntgab, das die ersten fünf Jahre von Facebook finanziert werden soll, wurde mit dem TU-Ökonomen Christoph Lütge auch schon dessen künftiger Direktor präsentiert. Wer die windungsreichen Prozeduren akademischer Postenvergabe kennt, wird überrascht gewesen sein. Die TU hatte eine für sie ethisch vertretbare Abkürzung gewählt: Es gab keine Ausschreibung. Man nahm den eigenen Mann. Was rechtlich erlaubt sei, denn es handele sich bei dem neuen Direktorenposten nicht um die Einrichtung einer Professur, sondern um eine Ernennung in einem der Hochschulleitung zugeordneten Bereich, wie TU-Pressesprecher Ulrich Marsch erklärt. Dass eine offene Ausschreibung von der Universität nicht einmal in Erwägung gezogen wurde, wie Marsch gegenüber dieser Zeitung einräumt, dürfte aber besonders Christoph Lütge stören, läuft es doch der Botschaft seiner eigenen Schriften entgegen, die kurz resümiert heißt: Ethik ist ein erfreuliches Nebenprodukt des offenen Wettbewerbs. Wie die Aussetzung der Konkurrenz den ausgeschlossenen Kollegen konkret nützt, muss noch ethisch begründet werden.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein anderes Urteil hat Lütge schon gefällt: Dass durch die Kräfte des Marktes „die Bündelung von Macht systematisch verhindert wird“, wie in seinem Buch „Wirtschaftsethik“ (2017) zu lesen ist, dürfte nicht nur nach Facebooks Geschmack sein, ist das Kartellrecht doch die schärfste politische Waffe im Kampf gegen die Aushebelung von Grundrechten durch die Schnüffelökonomie. Wie stark Wettbewerb und Gesetzgebung in diesem Sektor von ökonomischen Interessen gesteuert sind, war vor zwei Jahren in einem Dossier im „Wall Street Journal“ zu lesen, das dokumentierte, wie kalifornische IT-Unternehmen Wissenschaftler gezielt korrumpieren, um mit den von ihnen erstellten Gutachten auf die Gesetzgebung einzuwirken.

          In Deutschland werden die Schulen und Hochschulen gerade auf die nächste Stufe der Digitalisierung eingeschworen. Weil der Staat darauf mangels Expertise, mäßiger Gehälter und eines babylonischen Kompetenzwirrwarrs im Digitalsektor nicht vorbereitet ist, steht die Tür weit offen für Unternehmen, die sich als Tutoren, Mentoren, Teacher anbieten, die Mitarbeiter schulen und Zertifikate verteilen. Und was liegt anschließend näher, als Hard- und Software anzuschaffen, für die Mitarbeiter schon geschult worden sind? In den Vereinigten Staaten, wo Google großzügig Laptops für Klassenzimmer verteilte und lobbyistischen Einfluss auf Lehrer nahm, hat sich dagegen schon vor Jahren offener Widerstand der Lehrerschaft geregt.

          Dass wissenschaftlicher Expertise umso weniger getraut wird, je fragwürdiger ihr finanzieller Hintergrund ist, kann nicht überraschen. Umso wichtiger sind Transparenz und gute Auswahlkriterien bei der Digitalisierung von Bildungseinrichtungen. Ob Mark Zuckerberg für seine zahlreichen Schmutzeleien, wie man in Bayern sagt, vor der Ethik-Kommission der TU München Rede und Antwort stehen muss wie vor den amerikanischen und europäischen Abgeordneten, bleibt abzuwarten.

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