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Geschlecht und Charakter : Peng, du bist hypnotisiert!

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Würde eine Dame von Stand sich aus freien Stücken in diese ausgesprochen drollige Stellung begeben? Da kratzten sich die Experten den Bart. Bild: Albert Harlingue / Roger-Viollet / Ullstein

Im Strafprozess um 1900 machte die Figur der medial veranlagten Person Karriere. Freiheit des Willens wurde nicht mehr einfach vorausgesetzt oder bestritten, sondern der Skalierung zugänglich gemacht.

          Vermutlich ist es kein Zufall, dass sich die prominentesten Streitfälle um Hypnose gegen 1900 an illegitimer Sexualität entzündeten. Wie auf keinem anderen Feld war die Frage des freien Willens hier besonders delikat. Das Verhältnis zwischen Tätern und Opfern wurde neu austariert, wenn letzteres sich in einem Zustand der Willenlosigkeit befunden hatte; mancher Frau eröffnete es ehrbare Auswege. Juristen und Sachverständige debattierten, ob und inwieweit die Hypnose dazu in der Lage war. Es war ein in vielerlei Hinsicht zeitgenössischer Diskurs voller sozialer Stereotype über Voraussetzungen und Grenzen des freien Willens. Der Historiker Anthony D. Kauders, Autor einer Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland (F.A.Z. vom 12. März 2014), hat ihm jetzt eine Untersuchung gewidmet (Negotiating free will: Hypnosis and crime in early twentieth-century Germany, in: The Historical Journal, 60. Jg., 2017, Heft 4 / Cambridge University Press).

          Ceslav Lubicz-Cynski war 1894 der Angeklagte im ersten vielbeachteten Strafprozess in Deutschland, in dem die Macht der Hypnose juristisch diskutiert wurde. Eingelassen mit dem polnischstämmigen Lehrer, Hypnotiseur und Magnetiseur hatte sich Hedwig von Zedlitz, eine ehrbare und strenggläubige sächsische Baroness. Das oberbayerische Schwurgericht zu München musste entscheiden, ob ein Verbrechen gegen die Sittlichkeit im Zustand der durch Hypnose erzeugten Willenlosigkeit begangen worden war oder ob sich die adlige Dame freiwillig dem angeblich gutaussehenden Fremden hingegeben hatte. Sie hatten sich heimlich verlobt, was weder Bruder noch Vater der Braut guthießen. Schon diese soziale Konstellation deutet an, welche Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Interessen in die Bewertung mit hineinspielten.

          Die Juristen lagerten die delikate Frage der potentiell eingeschränkten Willensfreiheit an Sachverständige aus. Die vier im Prozess herangezogenen Gutachten waren von prominenten Medizinern erstellt worden; später erschienen sie sogar im Druck. Denn die Möglichkeit von Verbrechen unter dem Einfluss hypnotischer Suggestion beschäftigte die Deutschen zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus lebhaft. Aber auch das Ausland beobachtete und kommentierte den Strafprozess intensiv, gleichfalls um Klärung der geheimnisvollen Macht der Hypnose bemüht. Eindeutig war hier wenig. Keine der vier medizinischen Kapazitäten ließ sich umstandslos als Determinist einordnen: Niemand von ihnen behauptete, dass Hypnose die Kraft habe, die Persönlichkeit als solche auszulöschen und ein anderes Verhalten zu verursachen.

          Fortwirkende Geschlechterrollenklischees

          Aber auch die gegenteilige Position wurde von keinem der Gutachter geteilt: Die Macht der Suggestion blieb anerkannt, hypnotische Dressur konnte die sittlichen Gefühle schwächen. In dieser Situation war es Frauen nur noch schwer möglich, hieß es, ihre ansonsten hochentwickelten moralischen Gegenvorstellungen wider die Macht der sexuellen Verführer auszuüben. Dieser Glaube an die Macht der Hypnose wurde interessanterweise auch von der Polizei geteilt. Auch sie verließ sich manchmal bei ihren kriminalistischen Ermittlungen auf Hypnotiseure, die übersinnliche Kräfte und Kriminaltelepathie einsetzten, um das Verbrechen zu bekämpfen. Ja, sogar vom Kino hieß es, dass es die Zuschauer „mesmerisieren“ könne. Ob aber Hypnose in letzter Instanz eine Naturgewalt war, der man sich nicht entziehen konnte, schien zweifelhaft. Immer wieder wurde seitens der Wissenschaft die Bedeutung des „Charakters“ für die Anfälligkeit betont.

          Bildung und moralische Haltungen boten wenn schon nicht Immunität, so doch einen gewissen Schutz. Soldaten, Kinder und Bedienstete, hieß es, seien einfacher zu hypnotisieren als andere. Wenig überraschend, erschien der Mann als Normmensch, die Frau als schwächlich und anfällig. Immerhin, im Verfahren gegen Cynski folgten die Geschworenen nicht dem Antrag der Staatsanwaltschaft, der verführerische Hypnotiseur wurde in der Hauptsache vom Vorwurf des Verbrechens gegen die Sittlichkeit freigesprochen, aber wegen illegaler Anbahnung einer Ehe zu drei Jahren Haft verurteilt. Inwieweit hier Herstellung und Darstellung des Urteils auseinanderfielen, bleibt wie so oft Spekulation.

          Wie schließlich Publikationen aus dem Nationalsozialismus nahelegen, änderten die politischen Systemwechsel wenig an der Vorstellung einer prinzipiellen Möglichkeit der Wahlfreiheit auch unter Hypnose, sofern ein guter Charakter vorliege. Willensfreiheit wurde mit charakterlichen Dispositionen kurzgeschlossen, die wiederum auf sozialen Stereotypen beruhte. Gerichtsverfahren und akademische Diskurse zeigten damit eine Neigung, bürgerliche Ordnungsvorstellungen vor Gericht zu stabilisieren. Frauen und untere Schichten wurden als anfällig stigmatisiert, der Wertehimmel der männlich-bürgerlichen Mittelschicht leuchtete unerreichbar hoch oben am Firmament.

          Wie solche Geschlechterrollenklischees nach 1945 in beiden deutschen Staaten weiterwirkten, wüsste man gerne. Familienrecht und Sexualstrafrecht haben noch immer eine notorische Neigung zu laienhaften ethischen Prämissen aufgewiesen. Und Bedarf nach gesellschaftlich akzeptierten Entschuldigungsgründen für Fehltritte gab es nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur wie auch in der sexuell restaurativen Adenauer-Zeit ohne Zweifel.

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