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Geschichte des Denkens : In der Zeit, aus der Zeit

Martin Saar sprach an der Goethe-Universität über Philosophie auf Höhe der Zeit. Bild: Martin Franke

Martin Saar ist Professor für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt. In seiner Antrittsrede sprach er über Philosophie in ihrer Zeit. Die gebe es nur als anarchisches Denken auf eigene Kappe.

          Wie lässt sich einigermaßen schonend übers Nachdenken sprechen? So, dass sich ein in seinen Borniertheiten gefangenes Kind unserer Zeit nicht gleich verletzt fühlt, weil es einen Rüffel zu spüren meint: Menschenskind, denk doch mal nach! Martin Saar ist dies gelungen, als einem sanften Lehrer, indem er den Zeitbezug des Philosophierens untersuchte und dabei vorsichtig auch eine Lanze für den aus der Zeit gefallenen Gedanken brach. Als Sozialphilosoph hat Saar, von Leipzig kommend, den Lehrstuhl Axel Honneths an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main übernommen, wo er vorige Woche seine Antrittsvorlesung hielt. Unterm Thema „Philosophie in ihrer (und gegen ihre) Zeit“ fragte Saar: „Was hieße das überhaupt, so zu denken und zu philosophieren, wie es an der Zeit ist?“

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Denken auf der Höhe der Zeit ist demnach stets ein solches „auf den Schultern von Riesen“, wie es jene berühmte Metapher ausdrückt, die Robert Merton bis ins zwölfte Jahrhundert zurückverfolgt hat. Wobei es, das machte Saar als Kenner der politischen Ideengeschichte klar, nicht darum gehen kann, die Geschichte des Denkens als Fortschrittsgeschichte zu erzählen. „Gerade der Glaube, man sei als Letzter in einer Kette oder als Kulminationspunkt einer Lerngeschichte den Früheren schon den einen Schritt voraus, ist genau das Selbstmissverständnis, dem die Philosophie oder das Denken verfallen kann.“ Einer solchen Mimikry von Philosophie und Denken wäre der existentielle Bezug ausgetrieben. Stattdessen hätte eine Cockpit-Vorstellung des ordentlichen Denkens Platz gegriffen, wonach der Höhenflug der Gedanken darin besteht, einer Checkliste folgend Knöpfchen zu drücken und Hebel einzustellen, all dies im Simulator trainierbar. Mit der Folge, die „konformistische Bedrohung“ (Saar) der Gedanken auf die Spitze zu treiben und damit einer Karikatur von Intellektualität aufzusitzen.

          Philosophie auf der Höhe der Zeit gibt es demgegenüber nur als ein anarchisches Denken auf eigene Kappe, ideengeschichtlich wohlinformiert, aber der Ideengeschichte nicht verhaftet. Wer nur historisiert, nur Perspektiven nebeneinanderstellt, statt eine einzunehmen, vergibt die Chance, einen Aufschluss für heute zu gewinnen. Eine Philosophie, so Saar, „die im Heute steht und das Recht der Gegenwart annimmt und anerkennt, nicht vollständig der Vergangenheit ausgeliefert zu sein, aber auch nicht nur Hinweg zu einer vorbestimmten Zukunft zu sein, wird diese Aufgabe haben: zu bestimmen, was heute dringlich ist, welche Mächte sich heute ballen und übermächtig werden und damit Zukünftiges schmälern“.

          Philosophieren auf Höhe der Zeit

          Saar entkommt dem philosophischen Historismus, indem er diesen noch einmal historisiert. Sich als Teil eines Rezeptions- und Wirkungsgeschehens zu verstehen, statt irrtümlich zu meinen, man fange ideengeschichtlich immer wieder bei null an – ein in diesem Sinne traditionsbewusstes Denken stellt, versteht man Saar recht, Sehepunkte bereit, übt in Fragestellungen ein, in Weisen, an ein Thema heranzugehen. Hier gilt sinngemäß das geflügelte Wort „Lektürekenntnis schützt vor Neuentdeckungen“, das der Spätmittelalter-Historiker Hermann Heimpel als sein „Motto“ in Umlauf brachte und das ja eine Regel des Nachdenkens überhaupt darstellt, insofern es darum geht, die Dinge zwar immer wieder mit neuen Augen anzusehen – die eigentliche philosophische Kompetenz –, aber dabei doch nicht blauäugig zu verfahren.

          Nachdenken heißt für Martin Saar, Fragen wie den folgenden auf den Grund zu gehen: Ist ein Problem, so wie es gestellt ist, richtig gestellt? Jongliert man nur mit Begriffen, oder stößt man zu ihrem Erfahrungehalt vor und vermag von diesem her dann die Angemessenheit der Begriffe zu beurteilen? Erweisen sich bestimmte Begriffe als zu weit oder zu eng gefasst, nachdem geprüft worden ist, ob die Zuschreibungen passen, ob sie also das Gemeinte so abbilden, dass es sich begrifflich wiedererkennen lässt? Zur „Widerspenstigkeit“ (Saar) des Philosophierens und des Nachdenkens überhaupt gehört es demnach, sich von Begriffen nicht über den Tisch ziehen zu lassen, sie begründet in Frage zu stellen, wenn sie augenscheinlich gedankenlos gebraucht werden. Und das heißt einerseits: Kategorien herzustellen oder zu verteidigen, wo eine programmatische Dekategorisierung die Reichhaltigkeit der Erfahrung einebnen möchte. Und andererseits: bestimmte Phänomene aus solchen Kategorien zu befreien, welche die Erfahrungsgehalte nicht oder nur sehr verzerrt zur Geltung kommen lassen.

          Damit rührte Saar an ein Paradox, dass nämlich ein Philosophieren, welches auf der Höhe der Zeit sein möchte, nicht reflexiv werden darf. Wie das? Hätte ein Gedanke stets seinen philosophiegeschichtlichen Abgleich mitzudenken, dann wäre er wohl derart mit sich selbst beschäftigt, dass ihm das Phänomen, zu welchem er sich verhalten möchte, entgleitet. Nachdenkenkönnen hat, so sprach es aus der Antrittsvorlesung, mit intellektuellem Vermögen zu tun, mit Interesse für die Welt und mit Anspruch an sich selbst. Wo es an allem dreien mangelt, waltet vielleicht ein ideengeschichtlich informierter Philosophiedarsteller, aber kein eingriffslustiger Statthalter der Frankfurter Kritischen Theorie.

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