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Geopolitik : Hommage an Katalonien

  • -Aktualisiert am

Ob Katalonien auch den Angeklagten von Madrid einmal Denkmäler errichten wird? Rafael Atché schuf das Standbild von Pau Claris, der 1641 die katalanische Republik ausrief, vor dem Triumphbogen in Barcelona. Bild: Prisma Bildagentur

Der Oxforder Historiker Sir John Elliott nimmt sich in einem neuen Buch noch einmal den Gegenstand seiner Doktorarbeit vor – und vergleicht Katalonien mit Schottland.

          Ein langes Historikerleben hat Sir John Huxtable Elliott in den Dienst des frühmodernen Spanien gestellt. Allein an seiner Biographie des Conde de Olivares arbeitete der seit 1997 emeritierte Königliche Professor für moderne Geschichte der Universität Oxford fünfzehn Jahre lang. Es war das von Velázquez gemalte Reiterporträt von Olivares im Prado, das Elliott inspirierte, sich der Erforschung Spaniens überhaupt erst zuzuwenden. Sein jüngstes Buch ist eine Doppelgeschichte Kataloniens und Schottlands („Scots and Catalans“. Union and Disunion. 360 S., geb., Yale University Press). Im Forum für Geopolitik in Cambridge, einem von dem Politologen Kun-Chin Lin und dem Historiker Brendan Simms geleiteten Gesprächskreis, stellte Elliott jetzt die Thesen des Buches vor.

          Elliott erzählte, dass ihm die Idee im Jahr 2012 kam, als der britische Premierminister David Cameron den Schotten ein Unabhängigkeitsreferendum zusicherte. Die plötzliche Dringlichkeit des schottischen wie des katalanischen Wunsches nach politischer Selbstbestimmung auf der einen Seite, die historische Ignoranz der politischen Akteure und Analysten auf der anderen forderten den historisch vergleichenden Blick geradezu heraus.

          Elliott lässt seine Geschichten im späten fünfzehnten und frühen sechzehnten Jahrhundert beginnen, mit den Heiraten Isabellas von Kastilien und Ferdinands II. von Aragón im Jahre 1469 sowie Margaret Tudors und Jakobs IV. von Schottland im Jahre 1503 – also mit der dynastischen Grundlegung der später als Spanien und Großbritannien bezeichneten politischen Einheiten. Von diesem ersten Schritt in Richtung Zentralisierung ausgehend, verfolgt er den jahrhundertelangen Kampf zweier selbstbewusster, doch staatenloser Nationen um Einfluss auf die sie einfassenden politischen Gebilde. Elliott verfolgt kurzfristige und langfristige Entwicklungen parallel, um zeigen zu können, was in bestimmten Situationen Beschleunigung auslösen konnte.

          Ein Schnellkurs in Sachen Föderalismus

          Momente, welche das Vorstellungsvermögen langfristig beschäftigten, sind etwa 1638 der schottische National Covenant, eine Erklärung, mit der Adel und Bürgertum die Unabhängigkeit der nationalen reformierten Kirche forderten, und 1640 die katalanische Revolte gegen die kastilische Oberherrschaft unter Philipp IV. Ebendieser Erhebung hatte Elliott seine Dissertation gewidmet. Die Recherchen für diese erste Arbeit, 1963 als „The Revolt of the Catalans: A Study in the Decline of Spain“ publiziert, führten ihn in die Archive Barcelonas. Elliott wurde Zeuge der Unterdrückung alles Katalanischen unter Franco, lernte selbst die Sprache und erkannte deren zentrale Bedeutung für die Nation. In Cambridge sagte er: „Am Ende ist Nationalismus ein psychologisches Phänomen, ein kulturelles, ein intellektuelles. Diesen Umstand muss der Historiker ernst nehmen.“

          Man spürt Elliotts emotionale Teilhabe am Ringen zweier Gemeinschaften um die eigene politische Stimme. Dies hindert ihn aber nicht zu bemerken, dass die Referenden von 2014 und 2017 dem Ideal einer klaren Artikulation dieser Stimme nicht entsprochen hätten. In beiden Ländern sei die nationale Sache um kurzfristiger politischer Interessen willen auf gefährliche Weise ihrer Komplexität und damit auch ihrer Historizität beraubt worden. Ein Leitmotiv ist dieses Unbehagen gegenüber den Vereinfachungen nationalistischer, einen Opferstatus konservierender Geschichtsbilder schon in Elliotts erstem Buch. Wenn er über „Scots and Catalans“ spricht, ist ihm die Beklemmung wieder anzumerken: „Wo endet die politische Herrschaft des Nationalismus, wenn sie einmal gewährt wurde?“

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