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Gendersprache : Leitfaden zur Neutralisierung der Welt

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Auf Ideologiekritik folgt Identitätspolitik: Protest im Namen der Buntheit vor der Chemnitzer Karl-Marx-Büste Bild: dpa

Die Durchsetzung der politisch korrekten Sprache wird an den Hochschulen in den Dienst einer vermeintlich guten Sache gestellt. Im Kern ist sie aber ein bürokratisches Projekt.

          Es gibt sie noch, die Wissenschaftler. Denn die „Wissenschaffenden“ aus dem geschlechtspolitischen Sprachlabor schafften es auch 2018 nicht, sich durchzusetzen, nachdem sie in den Vorjahren eine kurze Blüte in universitären Pressemitteilungen erlebten. Dabei war der Ansatz innovativ: Statt einfach nur ein existierendes Partizip zum Substantiv zu erheben wie bei den Studierenden, Fördernden oder Gutachtenden, baute man das anstößige Wort gleich geschlechtsneutral um. Was hätte das etymologisch inspirierte Prinzip – Wissenschaft heißt so, weil sie Wissen schafft – wohl aus der Fachschaft, Gewerkschaft oder Witwenschaft gemacht?

          Wir werden es erfahren, wenn die Zeit für den „Wissenschaffenden“ reif ist. Allzu lang dürfte es nicht mehr dauern, denn die genderbewusste, -sensible und-gerechte Sprache, die nicht nur Männer und Frauen, sondern dank Unterstrich, Sternchen oder X alle nur denkbaren Geschlechtsidentitäten integrieren will, hat sich im offiziellen Sprachgebrauch der Hochschulen fest etabliert und wird in den Gleichstellungs- und Diversity-Management-Abteilungen gepflegt und weiterentwickelt. Fast jede Hochschule verfügt inzwischen über Leitfäden und Empfehlungen, die die „Dozierenden“ und „Studierenden“ in die korrekte Sprachbahn lenken. Die Meinung, das grammatische Genus spiegele das biologische Ge-schlecht, hat hier den Rang eines Glaubenssatzes, den keine noch so begründete Kritik erschüttern kann. Der Verweis darauf, dass die -er-Endung (Arbeiter) eine Funktion und kein Geschlecht bezeichnet, dass das Genus auch völlig geschlechtslose Dinge (die Gabel, der Löffel, das Messer) klassifiziert und dass bislang niemand auf die Idee gekommen ist, die geschlechtliche Asymmetrie von „sie“ zu beklagen, weil das weibliche Pronomen im Plural und als Anredeform die Männer absorbiert – all das gilt als Rückzugsgefecht derer, die nicht verstehen wollen, wie der Geist des Fortschritts spricht.

          Wie stark dieser Geist auch in den Sprachinstanzen außerhalb des Campus weht, machte die Leiterin der Duden-Wörterbuchredaktion Kathrin Kunkel-Razum deutlich, als sie in einem Interview erklärte, das Wort „Bundeskanzler“ dränge Angela Merkel ins Vergessen. Hier schwingt auch mit, was seit den Zeiten von Benjamin Whorf zur akademischen Popkultur gehört und den zweiten Glaubenssatz der Gendergemeinde bildet: Die Sprache, und insbesondere die Grammatik, formt das Denken so stark, dass sie die Gesellschaft prägt, weshalb zu deren Rettung logischerweise die Sprache reformiert werden muss. Dass sich eigentlich gar keine Sprachkritik entwickeln könnte, wenn die Sprache wirklich das Weltbild beherrschen würde – geschenkt.

          Massive Sprachlenkung von oben

          Was außerdem in kaum einem Ratgeber zum gendersensiblen Sprachgebrauch fehlt, ist die Behauptung, man folge ja nur einem sowieso stattfindenden Sprachwandel. Das suggeriert, hier ginge es um grammatische Verschiebungen, die sich, ungeplant wie ein Trampelpfad, aus der Summe ungezählter Sprechakte allmählich von selbst ergeben, so wie „boll“ zu „bellte“ und „geschlocken“ zu „geschluckt“ wurde. Verschleiert wird, dass es sich um eine massive Sprachlenkung von oben handelt, die nicht nur die Wortwahl, sondern auch den Gebrauch grammatischer Formen zu steuern sucht und darüber hinaus mit den gegenderten Bildungen in das grammatische System eingreift. Wie alle Maßnahmen zur Verbesserung des Menschengeschlechts ist auch die Durchsetzung des politisch korrekten Sprechens ein im Kern bürokratisches Projekt. Die Anonymisierung der verwalteten Welt spricht aus den Leitlinien, wenn sie empfehlen, Personenbezeichnungen möglichst ganz zu vermeiden und durch passivische Formulierungen und abstrakte Ausdrücke (Professur statt Professorinnen und Professoren) zu ersetzen.

          Die Sprachlenkung ist ein Spiegelbild des adakemisch-linksliberalen Milieus, dessen Liberalität immer dann in den Hintergrund tritt, wenn es um die vermeintlich gute Sache im Dienste der Volkserziehung geht: Dann sind pädagogische Stupser in die gewünschte Richtung, administrativ flankiert durch „Empfehlungen“ und „Leitfäden“, denen man besser folgt, wenn man in ihrem Geltungsbereich reüssieren will, durchaus willkommen. Dass sich dieser sprachpolitische Trend ändern wird, ist unwahrscheinlich. Die zuständigen Abteilungen mit ihren Stellen sind fest in den universitären Verwaltungen verankert. Zudem macht es der besondere Charakter der Sprache möglich, dass sich die Gender-Bürokratie den Gegenstand ihrer Kritik durch ebendiese Kritik erst schafft.

          Was Wörter und grammatische Kategorien bedeuten, hängt davon ab, wie man sie gebraucht. Und wenn nur genug Menschen an die Gleichsetzung des grammatischen Genus mit dem biologischen Geschlecht glauben, dann wird die ideologische Projektion zur sprachlichen Realität: „Mitarbeiter“ wird dann wirklich nur noch für Männer benutzt. Wer das Maskulinum dann noch geschlechtsübergreifend meint, gibt in den Augen der anderen mindestens seine Rückständigkeit zu erkennen, wenn er überhaupt noch richtig verstanden wird.

          Der sprachkritische Eifer und die pedantische Beckmesserei, die die Universitäten beim Gendern und anderen Formen des politischkorrekten Sprechens an den Tag legen, kontrastieren auffällig mit ihrer nicht nur kritiklosen, sondern begeisterten Hingabe an die Sprache der Reklame. Wenn es um die Selbstdarstellung geht, sind Deutschlands Hochschulen Meister im Phrasendreschen.

          Das äußert sich in der überdrehten Exzellenz- und Spitzenuniversitätsrhetorik – die Uni Leipzig beispielsweise ist nicht nur „forschungsstark“, sondern auch „medizin-führend“ – ebenso wie in den Werbeslogans, ohne die kaum eine Hochschule mehr auskommt. Sie sind an Plattheit schwer zu unterbieten, aber dafür garantiert geschlechtsneutral. „Lebendig, urban und weltoffen“ ist die Goethe-Universität Frankfurt; Letzteres nimmt auch die Ruhr-Uni Bochum für sich in Anspruch, aber sie ist zudem noch „menschlich und leistungsstark“. Die Universität Heidelberg verheißt „Zukunft seit 1386“, und an der Universität Münster kann man „Wissen leben“. Besonders spruchstark präsentiert sich die Universität Duisburg-Essen, die nicht nur „Inspiration an Rhein und Ruhr“ bietet, sondern auch „Offen im Denken“ ist, weil ihre Angehörigen „In Möglichkeiten statt in Grenzen denken“.

          Seit sich die Hochschulen im neoliberalen Geist als konkurrierende Unternehmen verstehen, ist ihre Außenkommunikation im Griff von Werbe- und PR-Abteilungen, die sich um „Hochschulmarketing“, „Campus-Branding“, „Uni-Events“, „Promotion“ und „Merchandising“ kümmern. Einst waren die Universitäten Orte einer Ideologiekritik, deren Gegenstand die kapitalistische Kulturindustrie war. Jetzt sind sie selbst deren Teil, Diversity-Management inklusive.

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