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Gendergerechte Sprache : Schlüssel zu mehr Bildungsgerechtigkeit?

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Die sogenannte geschlechtergerechte Sprache: Im Europawahlprogramm der Grünen wimmelt es vor Gendersternchen. Bild: dpa

Politische Korrektheit ohne Sachkenntnis führt dazu, dass die inspirierende Vielfalt von Sprache immer mehr eingeengt wird. Ursache sind oft Sprecher, die es an Respekt gerade fehlen lasse. Ein Gastbeitrag.

          Über den Gebrauch von Sprache ist derzeit allerhand Verblüffendes zu lesen. Da ist zunächst das sogenannte „framing“, mit dessen Hilfe sich die Märkte ihre Kunden erobern wollen. Auf der Grundlage sogenannter Deutungsraster werden Informationen vereinfacht präsentiert, indem nur bestimmte Aspekte hervorgehoben werden. Wie begeistert die Verfechter des „framing“ auch dessen strukturelle Vorzüge anpreisen mögen: Eigentlich geht es nur um Komplexitätsreduktion. Die Sprache und ihre Nutzer werden für dumm verkauft. Der Weg zu den allseits beliebten Algorithmen ist nicht weit, zu deren primitivsten Formen die Worterkennung in unseren Mobiltelefonen gehört, indem sie uns aufdringlich ihre Ergänzungs- oder Autokorrekturvorschläge unterbreitet.

          Um Vereinfachung geht es auch bei der heiß debattierten gendergerechten Sprache, mag sie auch in noch so viele Deckmäntel der Diversität gehüllt sein. In dem schon mehrfach inkriminierten Hannoveraner Ratgeber für geschlechtergerechte Sprache zum Beispiel finden sich Vorschläge für den Einsatz der niedlichen Gendersternchen und der auch im akademischen Milieu beliebten -nd-Partizipien des Präsens Aktiv (die in einigen Fällen – man denke an „Studierende“ statt „Studenten“ aus lat. „studentes“ – geradeso geschlechtsneutral sind wie ihre verfemten Vorgänger; oft macht bekanntlich erst der deutsche Artikel ein Problem daraus). Aber über Studierende, Lehrende und alle möglichen anderen Amtsinhabende ist schon vieles Richtige geschrieben worden. Während das in Hannover empfohlene „Redepult“ noch angehen mag, verrät der auch andernorts angepriesene Vorzug des (!) „Niemand“ vor dem Pronomen „keine/r“ schlicht Ahnungslosigkeit (denn wo kommt der „Niemand“ eigentlich her? Doch wohl eher vom „nie-Mann“ als von der „nie-Frau“?). Verzweifeln möchte man, wenn bewährte Grußformeln wie „sehr geehrte Damen und Herren“ verabschiedet werden sollen.

          Ein kognitiv-sinnliches Fest der Vielfalt

          Besser wäre es, diesen ohnehin im Netznebel beinahe verschwundenen Anreden wieder zu alter Stärke zu verhelfen. Es ist nämlich mühsam, sich all der unverblümten „Alternativ“-Anreden zu erwehren wie „Guten Tag!“ oder „Hallo!“ oder sogar einfach nur „Donald Duck!“, also Vor- und Zuname, bloß um das verminte Gelände einer generischen Zuschreibung zu umgehen. Etwaige Missverständnisse lassen sich doch bisweilen besser aushalten, als direkt und distanzlos in eine – oft unfreiwillige – Kommunikation hineingezogen zu werden. Das könnte man auch als übergriffig bezeichnen. Der Blick zurück scheint immer schwierig. Rasch setzt man sich dem Vorwurf des Konservatismus oder schlimmeren Etikettierungen aus. Heikler als das Bekenntnis zu bewährten Rederitualen sind jedoch die politisch motivierten Eingriffe in den Sprachgebrauch anderer Zeiten und anderer kultureller Kontexte. Der „Südseekönig“ und vergleichbare Umbildungen haben zu Recht bei Leserinnen wie Lesern großen Unmut ausgelöst. Nur wer identifikatorisch liest und sich zu wichtig, überhaupt alles persönlich nimmt, hat mit politisch unwillkommenen Attribuierungen seine (oder: ihre?) Probleme. Soll ich als Leserin etwa jedes Mal aufschreien, wenn in älteren Texten von „Weibern“ die Rede ist?

          Das soll nicht heißen, dass immer alles hinzunehmen wäre. Arbeit an der Sprache ist ohne Zweifel großartig, sie weiter auszudifferenzieren und sensibler zu machen ein lobenswertes Anliegen. Aber doch bitte mit etwas Sachkennntnis. Und mit ein wenig Niveau! Doch halt: „Niveau“? Ein Unwort, das auch im Ruch des Elitismus steht. Ausweis eines weltfremden „Akademikersprechs“. Auch in diesem Punkt kann man immer wieder Zeuge werden, wie Menschen Dinge zu persönlich auffassen, weil sie sich zu wichtig nehmen – und deswegen der Sprache und ihrer Vielfalt zu Leibe rücken. Weder das Netz noch seriöse Zeitungen machen halt vor solchen Kampagnen gegen eine angeblich „unverständliche“, „verschwurbelte“ Sprache, die mit „der Welt der Menschen da draußen“ wenig zu tun habe und die Unterschiede nicht unbedingt zwischen Arm und Reich, aber doch zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Schichten weiter vergrößere. Was wir als Reaktionen auf solche (Fehl-)Diagnosen serviert bekommen, ist oft einfältig und dazu angetan, genau das Gegenteil von dem zu bewirken, was es will und soll: Respekt ausdrücken, Distanz wahren und Diversität ermöglichen. Allerorten bemerken wir eine Sehnsucht nach Einfachheit, obwohl die Dinge nun mal kompliziert sind. Aber gerade zur Bewältigung dieser Komplexität haben wir die Sprache. Sie erfordert Genauigkeit und Aufmerksamkeit. Mit ihr erst können wir auf Zwischentöne und Unterschiede reagieren und damit der facettenreichen Lebenswelt gerecht werden.

          Sprache ist ein kognitiv-sinnliches Fest der Vielfalt – und ein oft verkannter Schlüssel zu mehr Bildungsgerechtigkeit obendrein. Nicht weil im Internet jeder ohne Punkt und Komma auf die Sprachpauke hauen kann, sondern weil sie auch Kindern aus Nichtakademikerfamilien in Form von Lese- und Hörbüchern, gedruckt, digitalisiert, visualisiert, alles bietet, was sie nicht kennen (können) – und zwar schon für wenig Geld. Wer sich diesen leichten Zugang zum Paradies der Sprache(n) verschafft hat, der findet die besten Möglichkeiten, etwaige herkunftsbedingte Nachteile auszugleichen und Ungerechtigkeiten zu nivellieren. Der Reichtum der Sprache sollte gepriesen werden, anstatt seiner durch Verflachung und Vereinheitlichung zu spotten. Dann könnten wir uns beruhigt entframen, ob man oder frau oder „allgender“.

          Die Autorin lehrt Lateinische Philologie an der Freien Universität Berlin.

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