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Athenische Demokratie : Ehrt eure kleinen Männer!

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Reden von bestechender Einfalt riefen hier keinen Korruptionsverdacht hervor: Auf der Pnyx trat die Volksversammlung der Athener zusammen. Bild: Wikimedia Commons

Konzentration der Macht, Inflation der Würde: Eine Hamburger Tagung debattiert darüber, wie die athenische Demokratie sich mit der Oligarchie arrangierte – und dadurch Stabilität erkaufte.

          Das antike Athen, gerne als Wiege der Demokratie apostrophiert, war vom repräsentativen Parlamentarismus unserer Tage weit entfernt. Das Diskussions- und Entscheidungszentrum der Polis war eine vieltausendköpfige Volksversammlung; tägliche Ämterrotationen, Losverfahren und permanente Rechenschaftspflichten bewirkten eine starke Fragmentierung und strikte Kontrolle der Macht. Heute, da die Forderungen nach direkter Demokratie lauter werden, aber auch die Warnungen vor ihren destruktiven Folgen, stoßen gerade diese plebiszitären Mechanismen auf Interesse.

          Zwar war der athenische Stadtstaat übersichtlicher als die Bundesrepublik, aber die Nähe einer Dorfgemeinschaft herrschte hier trotzdem nicht. Etwa 200 000 Menschen bewohnten das 2500 Quadratkilometer große Gebiet, 30 000 von ihnen hatten als freie männliche Vollbürger das Wahlrecht – Frauen, Sklaven und Fremde waren von der politischen Teilhabe ausgeschlossen. Die Kombination aus Überschaubarkeit und Komplexität macht Athen zu einem retrospektiven Labor für das Studium demokratischer Verfahren und gesellschaftlicher Transformationen.

          Wie gut funktionierte die attische Demokratie unter Stress? Um diese Frage drehte sich ein Kolloquium an der Universität Hamburg. Im Fokus stand das vierte Jahrhundert vor Christus, als Athens goldenes Zeitalter – die Epoche des Perikles, der Bau der Akropolis – schon Geschichte war. Verlorene Kriege, finanzielle Einbrüche, Bevölkerungsrückgang und der Aufstieg Makedoniens warfen ihre Schatten auf die Polis. Gegen das gängige Bild vom Niedergang Athens in dieser Periode wandte sich Werner Rieß, der Veranstalter der Tagung: „Wir sehen hier einen Staat und eine Gesellschaft, die auf politische Herausforderungen erfolgreich reagieren. Und wie sie das tun, ist auch für uns Heutige noch hoch interessant.“

          Die Macht der Kassenverwalter

          Tatsächlich erwies sich das demokratische System auch im Angesicht von Krisen als ziemlich stabil; Phasen tyrannischer Herrschaft, die es Ende des fünften Jahrhunderts gab, blieben Episoden. Das Geheimnis der Erfolgs – auf diesen Nenner lassen sich die Vorträge bringen – lag in einer Flexibilität, die, von außen betrachtet, zu Spannungen und Widersprüchlichkeiten im politischen System führte, tatsächlich aber dessen Funktionsfähigkeit erhielt. Dazu gehörten die Spezialisierung, Rationalisierung und Bürokratisierung politischer Abläufe. Mit Konzepten der Moderne beschrieben die Vortragenden eine vormoderne Gesellschaft, in der, ihrem Selbstverständnis zufolge, jeder Bürger für jedes Amt geeignet war.

          Funktionale und soziale Eliten entstanden in einem Staat, den ein antielitärer Affekt prägte. Vor allem im finanzpolitischen Bereich bildete sich ein Expertentum heraus, wie Dorothea Rohde (Bielefeld) ausführte. Angesichts leerer Kassen in der Folge verlorener Kriege übernahmen reiche Bürger die Finanzierung öffentlicher Aufgaben. Die Polis wurde dadurch immer abhängiger von ihrer wirtschaftlichen Oberschicht. Zunehmend wurde von Amtsträgern erwartet, dass sie für die Erfüllung ihrer Aufgaben eigene Mittel beisteuerten. Das schloss die ärmeren Bürger von solchen Ämtern aus und war brisant in einer Stadt, die den Teilnehmern der Volksversammlungen Diäten und den Theaterbesuchern „Schaugelder“ zahlte und sich viel darauf zugutehielt, dass Partizipation nicht an die Höhe des Einkommens gebunden war.

          Die Macht der Verwalter der öffentlichen Kassen wuchs. Sie wurden nicht mehr – wie in Athen sonst üblich – ausgelost. Stattdessen wählte man Personen mit wirtschaftlicher Fachkenntnis und Erfahrung für eine lange Amtszeit, wobei auch Ämterhäufung hingenommen wurde, wenn der Erfolg es zu rechtfertigen schien. Ökonomische Expertise bekam auch in den Volksversammlungen immer mehr Bedeutung: Die wenigen finanzpolitisch beschlagenen Redner avancierten zu Meinungsführern, die den Diskurs steuerten.

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