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Rüdiger Safranski : Er produziert selbst seine geflügelten Worte

Der Schriftsteller Rüdiger Safranski nahm den Deutschen Nationalpreis entgegen. Bild: dpa

In der Dankesrede von Rüdiger Safranski für den Deutschen Nationalpreis kam der Name der Bundeskanzlerin nicht vor. Auch so war klar, gegen wen sich die Kritik an der Übermoralisierung des Politischen richtete.

          In der Dankesrede für den Deutschen Nationalpreis, den Rüdiger Safranski am 19. Juni in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin entgegennahm, sagte der Preisträger nichts über die Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel, also über das Thema, zu dem sich der öffentliche Privatgelehrte aus Badenweiler seit dem September 2015 in einer Serie von Interviews mit einer solchen Resonanz verbreitet hat, dass sich im März 2016 sogar der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière veranlasst sah, Safranski und den mit ihm in einer „philosophischen Neigungsgruppe“ (Götz Aly) vereinten Peter Sloterdijk mit einer Rückfrage zu konfrontieren: „Wo sind eure Beiträge in der Sache?“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Safranski hatte sich allerdings durchaus zur Sache geäußert, wenngleich in einer Allgemeinheit, die einem erfahrenen Mann der Exekutive wie de Maizière wohl als das Gegenteil von Sachhaltigkeit erschien. Safranskis Sachpositionen beschreiben heute das Programm von de Maizières Nachfolger Horst Seehofer; aus vielen Safranski-Interviews vertraute Formeln müssen einstweilen den Inhalt des ministeriellen Masterplans vertreten, welcher der Öffentlichkeit nur dem Namen nach bekannt ist. Schon in seiner ersten Einlassung zum Thema, gegenüber Matthias Matussek, der damals noch für die „Welt“ arbeitete, sagte Safranski: „Es bleibt nichts anderes übrig, als die Binnengrenzen wieder zu errichten, wenn die Außengrenzen nicht mehr halten.“

          Obwohl er in der Presse regelmäßig eine Verbindung zwischen der humanitären Staatsräson der Kanzlerin und dem angeblichen Unverhältnis der Deutschen zur eigenen Nation gezogen hat, obwohl er nun im Namen der Nation ausgezeichnet wurde und obwohl Richard Schröder, der Spiritus Rector der den Preis verleihenden, 1993 unter dem Patronat Helmut Schmidts gegründeten Deutschen Nationalstiftung, der angesehenste unter den Intellektuellen aus der DDR ist, die durch Erschwerung der Zuwanderung namentlich von Muslimen den homogenen Nationalstaat restaurieren wollen, war dazu in Berlin nichts zu hören. Jedenfalls nichts Ausdrückliches. Eine Anspielung genügte.

          Die Übermoralisierung der Flüchtlingsfrage

          In seiner Rede skizzierte Safranski eine kurze Geschichte des deutschen Geistes mit dem Leitmotiv der verspäteten Nation. Auf Kleinstaaten verteilt, hätten die Deutschen nicht gelernt, einen „auf Realismus, praktische Klugheit und Weltläufigkeit gründenden politischen Humanismus“ auszubilden, wie ihn „der Westen“ kenne. Das Verhältnis der Deutschen zur Politik sei „etwas Flackerndes, Unstetes“ gewesen, ein Schwanken zwischen Selbstüberschätzung und Verachtung. Mittlerweile seien wir aber im Westen angekommen, „womöglich zeugt nur noch die Neigung zur Übermoralisierung des Politischen von der alten Unsicherheit“.

          Nicht um die Leitkultur gehe es ihm, beteuerte Safranski, obwohl er in seinen Interviews das Fehlen einer Leitkulturdebatte beklagt hatte, sondern um das kulturelle Gedächtnis. Ein besonders wertvoller Teil des in dieses Gedächtnis eingesunkenen Kulturguts sind, wie der Blick in ein beliebiges Safranski-Buch lehrt, die geflügelten Worte. Auch in der Dankesrede: „Weil also die große Welt draußen fehlte, entwickelte der nicht an den Hauptstrom angeschlossene Teil der kulturellen Intelligenz sich seine Welt in Einsamkeit und Freiheit – im eigenen Kopf.“ Zunächst kann es befremden, Wilhelm von Humboldts Bestimmung der Arbeitsbedingungen der Wissenschaft auf die schreibende Klasse als Ganzes übertragen zu sehen. Ob das Zitat mit Absicht gesetzt ist oder nicht (bei Safranskis fahrigem Stil kann man da nie sicher sein), es transportiert jedenfalls, indem es die deutsche Geisteswelt insgesamt in die akademische Sphäre hinüberzieht, eine eindeutige Assoziation: Elfenbeinturm, Professorenpolitik.

          Die Übermoralisierung der Flüchtlingsfrage hat Safranski so oft gerügt, dass der Name Merkel nicht mehr fallen muss. Er ist selbst ein Produzent geflügelter Worte geworden. Doch wie ist es eigentlich um die Welthaltigkeit seiner Pathologie der deutschen Intelligenz bestellt? Sind Volksferne, Kunstreligion und Politikverachtung wirklich exklusiv typisch für die „deutsche Hochkultur“? Wie realistisch ist Safranskis Bild „des“ Westens? Laut dem Oxforder Literaturwissenschaftler John Carey ist die Distanzierung von den Massen der Klassenstandpunkt der modernen Intellektuellen. Und der französische Historiker François Furet widmete seine Lebensarbeit der Kritik einer nationalen revolutionären Tradition, die dem Kompromiss keinen Raum ließ. Gerhard R. Koch, der langjährige Musikredakteur dieser Zeitung, erörterte 2017 in der „neuen musikzeitung“ Safranskis Romantik-Buch als symptomatisch für eine „Neue Deutsche Höchst-Kultur-Welle“ auf dem Buchmarkt. Bei allem Reichtum des Materials vermisste Koch die europäische Dimension des Gegenstands. Mit Koch kann man auch für Safranski als Deuter des Politischen von „übermäßiger Hermetik“ sprechen, „einer allzu ausschließlich deutsch-historischen Perspektivenverengung“.

          Aber die Abschließung ist Konzept. Der positiven Besetzung des Begriffs Festung Europa, die der bayerische Ministerpräsident Markus Söder jetzt gefordert hat, bereitete Safranski schon im November 2015 in der „NZZ am Sonntag“ den Weg: „Wir lügen uns um die Tatsache herum, dass Europa auch eine Festung sein muss, schließlich haben wir auch wirklich etwas zu verteidigen.“

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