https://www.faz.net/-in2-9ocj7

Eine Legende über Habermas : Vor dem Diskurs steht kein Türsteher

Ist bei der phil.COLOGNE auch Unvernunft zugelassen? Svenja Flaßpöhler leitet das Festival. Bild: Imago

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler ist eine vielgefragte Autorin. Sie hat auch viel zu sagen, besonders über Jürgen Habermas. Aber hat sie sich das auch gut überlegt?

          Alle reden von Habermas. Das liegt aber nicht nur am neunzigsten Geburtstag des Philosophen. Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin der Zeitschrift „Philosophie Magazin“ und vielgefragte Autorin von Büchern wie „Die potente Frau“ und „Zur Welt kommen“, kann schon seit Jahr und Tag kein Interview geben, ohne sich kritisch an Jürgen Habermas abzuarbeiten. Und das immer an demselben Punkt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Als sie in der „Kölnischen Rundschau“ für das von ihr kuratierte Sachliteraturfestival „phil.COLOGNE“ warb, teilte sie über eine Rednerin mit, diese plädiere für ein agonistisches Demokratieverständnis. „Und damit gegen die etwa von Jürgen Habermas vertretene deliberative Demokratie, in der zum Diskurs nur das Vernünftige zugelassen sein soll. Damit trifft man ja eine heikle Vorauswahl.“ Im Gespräch mit dem Wiener „Standard“ gab Flaßpöhler zu Habermas zu bedenken: „Seiner deliberativen Demokratietheorie zufolge darf nur das zum Diskurs zugelassen werden, was vernünftig ist, um den Anfängen zu wehren. Aber was genau ist vernünftig?“

          Die Leser der „Aachener Nachrichten“ lernten in einem Interview mit Flaßpöhler „die deliberative Demokratietheorie von Jürgen Habermas“ kennen, „der zufolge zum Diskurs nur zugelassen werden darf, was vernünftig ist“. Das Magazin „Van“ dokumentierte ein Gespräch mit einer befreundeten Fachkollegin, in dem Flaßpöhler „die deliberative Demokratietheorie von zum Beispiel Habermas“ vorstellte, „die sagt: Zugelassen zum Diskurs ist das, was vernünftig ist“. Auch in einem Leitartikel der eigenen Zeitschrift traktierte Flaßpöhler die „deliberative Theorie, die der Frankfurter Schule um Habermas zugerechnet wird und die zum Diskurs nur zulassen will, was die Vernunft gebietet“.

          Kein Ohr für die Unvernunft

          In der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb Flaßpöhler über Habermas: „Zur Kerneinsicht seiner deliberativen Demokratietheorie gehört, dass nur zum öffentlichen Diskurs zugelassen wird, was ,vernünftig‘ ist. Der ,Unvernunft‘ darf kein Ohr geschenkt und keine Stimme gegeben werden, um die Demokratie als solche nicht zu gefährden.“ Und als Flaßpöhler sich jetzt für die „taz“ von Harald Welzer über Elemente und Ursprünge der von ihr befürchteten totalen Herrschaft der #MeToo-Bewegung ausfragen ließ, konnte sie im Gestus der Bezugnahme auf fraglos Bekanntes fast beiläufig sagen, „dass diese Habermassche A-priori-Ausgrenzung von bestimmten Positionen letzten Endes zu einem linken Elitismus führt, der sehr gefährlich ist, weil man dem anderen immer schon von vornherein abspricht, überhaupt diskursfähig zu sein“.

          Habermas hat eine Theorie „deliberativer Politik“ mit diesem Begriff erstmals 1992 in seinem rechtsphilosophischen Hauptwerk „Faktizität und Geltung“ vertreten. Gegen Einwände hat er seinen Ansatz, wie es in seinem Schulzusammenhang üblich ist, in etlichen kleinen wissenschaftlichen Schriften verteidigt. Aus diesem Schrifttum führt Flaßpöhler keine einzige Stelle zum Beleg für die vermeintliche Kerneinsicht an.

          Das wäre auch nicht möglich, denn Flaßpöhler stellt Habermas auf den Kopf. Vernünftig an der demokratischen Entscheidung aufgrund von gemeinschaftlicher Überlegung ist für Habermas das Verfahren, und zwar genau dann, wenn es die Kriterien der Öffentlichkeit und Offenheit erfüllt. Eine Zugangskontrolle mit dem Philosophen als Türsteher ist unmöglich, weil vernünftig nur das Ergebnis heißen kann, das aus dem vernünftigen Verfahren der Beratung hervorgeht.

          Ratschläge für die Demokratiepraxis

          Flaßpöhler zitiert mehrfach ein Interview, das Habermas 2016 den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ gab. Dort bewertete er es als Fehler, dass die Mehrheitsparteien etwa in Person des damaligen Bundesjustizministers Heiko Maas das Gespräch mit ihren erklärten Feinden aus der AfD suchten. Er postulierte: „Nur die Dethematisierung könnte dem Rechtspopulismus das Wasser abgraben.“

          Das Interview entfaltete keine Prinzipien einer Demokratietheorie, sondern gab Ratschläge für die Demokratiepraxis. Habermas empfahl, die Provokationen der Rechten ins Leere laufen zu lassen. Die Taktik der „Dethematisierung“, der Nichtbehandlung der rechten Agenda, wird nur im Raum der demokratischen Öffentlichkeit wirksam: indem die Gegner die Bälle der Rechten nicht auffangen.

          Die Beobachtung von Habermas, im Umgang mit der rechten Systemkritik greife immer noch „das komische, in der alten Bundesrepublik eingespielte Ritual einer zwanghaften Symmetrisierung, so als müsse man sich, wenn dann doch einmal von ,Rechtsextremismus‘ die Rede ist, durch den eilfertigen Hinweis auf einen entsprechenden ,Linksextremismus‘ einer Peinlichkeit entziehen“, ist sogar noch nach dem Mord an Walter Lübcke bestätigt worden.

          In einem Gedankenspiel versetzte sich Flaßpöhler in die Haut eines Sachsen, der „aus Frust AfD-Wähler ist“ und davon liest, dass Habermas nicht mit ihm reden wolle. Habermas wies dem Aufstieg einer Volkspartei des ostdeutschen Protests freilich sogar eine nützliche Funktion im Sinne einer Klärung des Feldes zu. CDU und Linkspartei hätten dieses Milieu früher absorbiert. „Aber für ein demokratisches Gemeinwesen ist es besser, wenn fragwürdige politische Mentalitäten nicht auf Dauer unter den Teppich gekehrt werden.“

          Zu den kontingenten Voraussetzungen eines gelingenden Streits gehört auch, dass eine Philosophin überlegt, ob sie sich wohl richtig gemerkt hat, was sie bei einem Kollegen über die deliberative Demokratie lesen konnte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.