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Pegida in der Fachzeitschrift : Die Verschwörungstheorie wurde nicht entdeckt

  • -Aktualisiert am

Dokumentation eines bevölkerungspolitischen Experiments? Angela Merkel besucht eine Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Bild: Imago

Ein Menetekel? Die Rezension von Robin Alexanders Buch „Die Getriebenen“ in der Fachzeitschrift „Das Historisch-Politische Buch“ ist ein Kondensat rechter Legenden.

          Das „Historisch-Politische Buch“ (HPB) ist neben der „Neuen Politischen Literatur“ die wichtigste deutsche Rezensionszeitschrift für die Geschichts- und Politikwissenschaften. Hunderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (darunter auch der Autor) schrieben und schreiben für die Zeitschrift, der heute keine politische Tendenz mehr zugeschrieben wird.

          Dabei ist ihre Vorgeschichte nicht unproblematisch: Mit der Gründung des HPB 1953 wollten sich Historiker wie der ehemalige SS-Angehörige Günther Franz, bis 1945 Professor an der „Reichsuniversität“ Straßburg, oder der vormalige Rektor der Hamburger Universität Gustav Adolf Rein eine neue Reputation aufbauen und eine zusätzliche Einnahmequelle schaffen, weil sie ihre Anstellungen im Zuge der Entnazifizierung verloren hatten. In einigen, aber längst nicht allen Rezensionen aus den Anfangsjahren wehte folglich noch der alte Geist. Doch unter neuen Herausgebern konnten im Laufe der Jahre Rezensenten aller politischen Richtungen für das HPB gewonnen werden, und der Blick auf die Liste der mehr als 500 im jüngsten Jahrgang besprochenen Bücher lässt keinerlei thematische Einschlägigkeit erkennen.

          Auch daher muss die Besprechung schockieren, die im Juliheft des Jahrgangs 2019 dem von den Zeitungen hochgelobten Buch „Die Getriebenen. Merkel und die Flüchtlingspolitik: Report aus dem Innern der Macht“ des „Welt“-Redakteurs Robin Alexander (Siedler, München 2017) gewidmet ist. Der Rezensent ist Wolfgang Kaufmann, dem Autorenhinweis in der Zeitschrift zufolge freier Historiker, Sozialwissenschaftler und Dozent an einer privaten Bildungseinrichtung in Dresden. Kaufmann, der 2008 an der Fernuniversität Hagen bei Peter Brandt mit einer Arbeit zum „Dritten Reich“ und Tibet summa cum laude promoviert wurde, lässt in seinem Text kaum ein gängiges Narrativ aus dem rechtspopulistischen Fundus aus.

          Wie die Redaktion die Kontrolle verlor

          Wo eine sachliche Auseinandersetzung mit Alexanders Buch, valide Aussagen zu dessen Methodik, eine nüchterne Bewertung des wissenschaftlichen Wertes einer aus den mündlichen Quellen des Hauptstadtjournalismus schöpfenden Darstellung für die Zeitgeschichtsforschung oder ein Vergleich zu ähnlich gelagerten Titeln (etwa „Flucht. Wie der Staat die Kontrolle verlor“ von Christian Ultsch, Thomas Prior und Rainer Nowak, dem bei Molden in Wien erschienenen österreichischen Pendant) geboten wären, findet sich ein Kondensat sattsam bekannter rechter Mythen, die auch durch ihre Wiederholung im wissenschaftlichen Gewand einer Buchbesprechung nicht richtiger werden.

          So erwähnt Kaufmann den Topos vom „bevölkerungspolitischen Experiment“ und unterstellt den politischen Akteuren im Herbst 2015 (eingeleitet mit einem Interpretationsoffenheit fingierenden Konjunktiv) „ein planmäßiges Vorgehen aufgrund bestimmter Agenden, deren Existenz momentan noch ebenso heftig geleugnet wird wie die Illegalität der Grenzöffnung“. Als „Bahnhofsklatscher“ werden die Menschen diffamiert, die spontan und ehrenamtlich Hilfe leisteten. Als „verhasste Übermutter der EU“ wird Angela Merkel bezeichnet.

          Nicht einverstanden ist Kaufmann mit Alexanders These, „die Begeisterung der Bevölkerung über die eigene Moral“ habe die Kanzlerin mitgerissen. „Hier begeht der Autor einen Denkfehler, der für Journalisten heute typisch ist: Die von Pressevertretern vom Schlage eines Claas Relotius herbeigeschriebene Wirklichkeit für Realität zu halten.“ Nur eine Minderheit im Volk sei begeistert gewesen.

          Der Herausgeber übt Selbstkritik

          Der HPB-Herausgeber Jürgen Elvert von der Universität Köln reagierte auf Nachfrage dieser Zeitung mit einer klaren Distanzierung von der Besprechung: „Der Text hätte so nie gedruckt werden dürfen.“ Alle redaktionellen Verfahrensabläufe sollen nun auf den Prüfstand gestellt werden. Dass dies ein Gebot der Stunde ist, macht noch eine zweite Polemik aus der Feder des gleichen Autors im selben Heft deutlich, die mit dem Buch „Aufstehen statt wegducken“ von Heiko Maas (Piper, München 2017) abrechnet – einem Lieblingsgegner der Rechtspopulisten. Kaufmann baut in seine Suada über Maas Zweifel am Klimawandel ein und beruft sich auf Buchbewertungen bei Amazon, in denen vom „Heizwert“ des Buches die Rede sei.

          Besser kann der Vielschreiber Kaufmann (im Jahr 2017 hat er allein vierzig Besprechungen für das HPB verfasst) sein Scheitern als wissenschaftlich ernstzunehmender Rezensent nicht dokumentieren. Seine kruden Thesen fallen unter die Meinungsfreiheit, und Druckerzeugnisse wie die „Preußische Allgemeine Zeitung“ oder die „Junge Freiheit“ (für beide schreibt der Autor aus der Pegida-Stadt gelegentlich) bieten dafür ein Forum. In Fachzeitschriften, die dem Ideal des konstruktiven Austausches von Argumenten folgen, haben sie nichts verloren.

          Es war jedoch nur eine Frage der Zeit, bevor solche Ansichten ihren Weg in wissenschaftliche Publikationen finden, denn die deutsche Geschichtswissenschaft und ihre Vertreter sind nicht mehr und nicht weniger als ein Querschnitt der deutschen Gesellschaft und ihres Wandels. Allerdings spricht Artikel 5 des Grundgesetzes Autoren wie Kaufmann keine Garantie dafür aus, dass ihre Meinung unwidersprochen bleiben muss. Das unterscheidet ein demokratisches Gemeinwesen von der zuletzt dauernd beschworenen „Meinungsdiktatur“.

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