https://www.faz.net/-in2-9q0o8

Soziologie des Wagnerianers : Man hört sie fernhin hallen

  • -Aktualisiert am

Ganze Völkerstämme sammeln sich in jeder Pause vor dem Bayreuther Festspielhaus: Minister, Studienräte, Kriminalräte - lauter feine Leute! Bild: Lutz Kleinhans

„Allmacht Musik“ hätte Elfi Vomberg ihre Untersuchung über die Wagnerianer betiteln sollen. Kulturreligiöse Konzepte können die globale Begeisterung für Richard Wagner nicht erklären.

          Was ausgerechnet an Richard Wagners Musik in so hohem Maße suchterzeugend ist, kann nicht einmal der Wagnerianer definieren. Sie ist es eben. Und sie war es schon immer, wie es scheint, denn sonst gäbe es ja auch den Wagnerianer nicht mehr. Die Zahlen dieser Spezies sind zwar in Deutschland rückläufig, weltweit jedoch stabil, wie Elfi Vomberg in ihrer an der Universität Bayreuth angenommenen Dissertation darlegt („Wagner-Vereine und Wagnerianer heute“. Thurnauer Schriften zum Musiktheater, Band 34. Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2018. 297 S., br., 39,80 ).

          Wagners Musik hat unterdessen alle Dezentralisierungs-Bewegungen der Moderne mitvollzogen. Sie hat das Tempo der Medien beschleunigt, global Resonanz erzeugt und ihre antisemitischen Inhalte ebenso wie ideologische Ablagerungen aus Regie und Historiographie unbeschadet überstanden.

          Immer noch werden überall Musiker von ihr an ihre Grenzen gebracht, ganz so, als hätte sich deren Professionalisierungsgrad in den letzten einhundertfünfzig Jahren der Musikausbildung überhaupt nicht verändert. Und sie hat nicht zuletzt auch den Wagnerianer in dessen wechselnden Verpuppungen überstanden – vom pöbelnden Duellanten der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts über den melancholischen Fin-de-Siècle-Propheten und den Nationalsozialisten bis hin zum Leitmotive kiffenden Achtundsechziger, wie ihn der „Spiegel“-Musikkritiker Klaus Umbach beschrieb, und zum aktuellen Bayreuther Besucher-Spektrum von Schlagerstar bis Hochfinanz.

          Mehr Karten, weniger Wagnerianer

          Offenbar eignet der Musik eine Toleranzdehnung bis quasi ins Unendliche, also genau die Eigenschaft, die der Fangemeinde lange abging und mancherorts vielleicht noch abgeht. Vomberg zeigt, dass das Modell des Wagner-Verbandes heute von „Honolulu über Uruguay bis nach Neuseeland“ anzutreffen ist, wenn die Mitglieder dieser regionalen Verbände sich auch nicht überall als Wagnerianer begreifen. Der signifikante Rückgang der Mitgliederzahlen der deutschen Wagner-Verbände ist offenbar eine direkte Folge der gewandelten Vergabepolitik der Festspielkarten in Bayreuth.

          Kaum überzeugend sind die Leitfragen der Umfragen, mit deren Hilfe Vomberg eine heutige Typologie des Wagnerianers entwickeln möchte. Die organisierte Wagner-Begeisterung hat wohl kaum noch etwas mit den Wünschen nach Kulturelitenbildung, Geheimbundwissen oder Exklusion zu tun, die den Wagner-Kult bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts dominierten. Denn auch die Fans unterliegen einer nicht mehr verallgemeinerbaren Perspektivendifferenz der Moderne; auch sind sie keineswegs nur „dumme Leute“, wie Wagner selbst seine Anhänger beschimpfte. Indem man Wagner-Verbands-Mitglieder weltweit anhand von Kriterien ihres Fantums befragt, die nicht selten älter sind als die Befragten oder aber – der entgegengesetzte Fehler – methodisch aus der Popkulturforschung stammen und daher auf junge Menschen in der hormonellen Findungsphase zugeschnitten sind, kann man die Vielfalt der Wagnerianer nicht abbilden, von den kulturellen Hintergründen der Verbände einmal ganz abgesehen.

          Denn trifft auf „den Wagnerianer“ wirklich noch zu, was Vomberg mit dem Soziologen Gerhard Schulze vermutet, dass er einen Sekretär im Arbeitszimmer hat, sozialhierarchisch denkt, die Kritiken des Feuilletons liest und sich konservativ-dezent, aber elegant kleidet? Manche sicher, manche manchmal, viele sicher auch nicht. Wagnerianer-Sein ist kein soziologisch fassliches Lebenskonzept mehr, falls es je eines war, sondern eine globalisierte Option der Kulturteilhabe unter vielen und hat oft nur die Haltbarkeit der Festspieldauer.

          Der Reiz des schon Gehörten

          Überhaupt ist Bayreuth, das in Vombergs Studie keine zentrale Rolle spielt, als Ereignisort der Festspiele von enormer Bedeutung für jenes diffuse, aber intensive Wagner-Gefühl, das sich im gemeinschaftlichen Erleben des authentisch-historischen Klang-Ortes mit seinen unbequemen Stühlen und einem mit wenigen Kompositionen recht überschaubaren Gesamtwerk Jahr für Jahr als angenehm zuverlässig erweist. Für manche Besucher sind die Festspiele ein Fluchtort vor der Moderne, für manche sind sie die moderne Repräsentation kultureller Aktualität.

          Und für (fast) alle Besucher Bayreuths ist es zunächst einmal die Musik Wagners, jener Gegenstand, um dessen Anbetung es schon den ersten Wagnerianern ging, die sie lockt. Vielleicht deswegen lockt, weil sie trotz oder gerade wegen aller Regie-Anmaßungen stabil war und ist. Aber auch deswegen lockt, weil ihr etwas Unvereinnahmbares eingeschrieben ist. Sie hält ihre Hörer bei allem Überwältigungswillen auf Distanz und ist in dieser Ambivalenz von zupackender Nähe und schmerzlicher Ferne gut romantisch.

          Die Faszination liegt allein in der Musik, nicht in den persönlichen oder institutionalisierten Formen ihrer Verehrung. Sie ist es, die etwas mit uns macht. Deswegen ist es in Bayreuth legitim, während der Vorstellungen einzuschlafen, über die Regie zu schimpfen oder die überteuerte Pausen-Verköstigung nicht zu kommentieren. Der Musik Richard Wagners können nicht einmal selbsternannte Konzertdesigner und hysterische Propheten des Klassikkonzert-Untergangs etwas anhaben. Diese Fakten wären einmal eine Studie wert.

          Weitere Themen

          Ba-ba-ba-ba-Batman! Video-Seite öffnen

          Comic-Reihe wird 80 : Ba-ba-ba-ba-Batman!

          Wie in Gotham City wurde in Mexiko Stadt pünktlich um 8 Uhr abends das Batman-Symbol an ein Hochhaus geworfen. Viele Fans ließen sich das Spektakel zum 80. Geburtstag der Comic-Reihe nicht entgehen.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Welche Zukunft hätten Sie gern?

          Wer Klimaschutzpolitik als Kampf zwischen den Generationen etikettieren will, ist schief gewickelt. Die Zahl besorgter Eltern und Großeltern, die vergangenen Freitag an der Seite von Kindern und Enkeln auf die Straße gingen, war beachtlich. Der ganzen Debatte fehlt es an Optimismus.
           Ein Flugzeug von Thomas Cook steht auf dem Rollfeld des Flughafens von Manchester.

          Reisekonzern : Thomas Cook ist pleite

          In der Nacht wurde das Aus besiegelt: Der älteste Reisekonzern der Welt steht vor der Zwangsliquidation. Das betrifft auch Zehntausende deutsche Urlauber. Condor-Ferienflieger sollen weiter im Einsatz bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.