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Richard Rorty wiedergelesen : Der liberale Ironiker im postumen Vokabeltest

  • -Aktualisiert am

Auch bei Kunstlicht kann es mit der Aufklärung aufwärts gehen: Richard Rorty, 1994. Bild: Richard McKay, Imago

„Kontingenz, Ironie und Solidarität“: drei letzte Worte des westlichen Liberalismus aus dem historischen Jahr 1989. Passt das Programm einer Abrüstung der Philosophie noch in unsere Zeit?

          „Vor etwa zweihundert Jahren fasste in der Vorstellungswelt Europas der Gedanke Fuß, dass die Wahrheit gemacht, nicht gefunden wird.“ Ausgehend von dieser geistesgeschichtlichen Feststellung entfaltete der amerikanische Philosoph Richard Rorty die Überlegungen seines 1989 erschienenen Werkes „Kontingenz, Ironie und Solidarität“. Der Satz könnte heute, also dreißig Jahre nach dessen Veröffentlichung, problemlos am Anfang eines Beitrags über das Zeitalter der „Fake News“ und „alternativen Fakten“ stehen, der sich kritisch mit dem vermeintlichen politischen Relativismus der Gegenwart auseinandersetzt. Für Rorty stellte die Einsicht in das Gemachtsein der Wahrheit dagegen einen Befreiungsschlag dar, und er meinte es nicht negativ, wenn er von einer „kulturellen Hegemonie“ dieses Gedankens schrieb.

          Kontingenz im Titel: Damit drückte der Autor aus, dass er dem jeweiligen historischen Stand des öffentlichen Bewusstseins eine Art von Wahrheitswert oder wenigstens Indizwirkung zusprach. Schon deshalb musste die Tagung „Richard Rorty als Herausforderung für die Politische Philosophie“ der Akademie für politische Bildung in Tutzing die Differenz zwischen den politischen Debatten der Gegenwart und der Erscheinungszeit von „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ ausleuchten.

          Für Rorty trat im Zuge der Geschichte der Philosophie und der Demokratie an die Stelle metaphysischer Konstruktionen, welche die Wahrheit in den Dingen selbst vermuten, die pragmatische Möglichkeit, sich selbst und die Gesellschaft, in der man lebt, zum Positiven zu verändern. Dem Idealbild eines Bürgers entspricht in dieser Vorstellung nicht mehr so sehr der aufgeklärte, vernünftige citoyen als eine zugleich spielerische und ernsthafte Figur, die Rorty die „liberale Ironikerin“ taufte.

          Erzählungen ausprobieren

          Ironikerin ist sie deswegen, weil sie die Kontingenz als notwendig erkannt hat. Ihre Überzeugungen, das philosophische, politische oder alltägliche Vokabular, das sie zu sprechen gewohnt ist, sowie die Gesellschaft, in der sie lebt, könnten auch anders sein. Ohne darin einen Mangel zu sehen, nutzt sie die daraus resultierenden Möglichkeiten, indem sie lernt, auch mit fremdem Vokabular zu sprechen, neue Erzählungen über sich selbst und die Welt kennenzulernen, auszuprobieren und zu verflechten.

          „Die Ironikerin lässt alles in der Schwebe, sehnt sich nicht vornehmlich nach Widerspruchsfreiheit, sondern offener Synthese.“ So paraphrasierte Bärbel Frischmann (Erfurt) Rortys Lehre vom Zusammenhang von Ironie und Kontingenz. Die Ironikerin wisse, was das Leben aus, und für Kontingenzen politisch erst möglich mache: Der Staat garantiert seinen Bürgern Freiheit, die Gesellschaft übt Solidarität mit den Verletzten und Eingeschränkten unter ihren Mitgliedern. Dieses Wissen mache die Ironikerin zu einer Liberalen. Im Liberalismus und in der ironischen Welteinstellung sieht Frischmann geeignete Haltungen, um den heutigen Sehnsüchten nach festen Identitäten demokratisch zu begegnen.

          Dass es sich trotz der gegenseitigen Ergänzung von Ironie und Solidarität um zwei verschiedene Dinge handelt, daran erinnerte der gemeinsame Vortrag von Michael Reder und Alexander Heindl (beide Hochschule für Philosophie München), der den Solidaritätsbegriff aus einer „radikal-demokratischen Perspektive“ kritisch in den Blick nahm. Während die Ironikerin die Kontingenzen des Lebens bejaht, verlangt die Solidarität nach der ernsthaften „Fähigkeit, immer mehr zu sehen“, dass nationale oder religiöse Unterschiede zwischen den Menschen „vernachlässigbar sind im Vergleich zu den Ähnlichkeiten im Hinblick auf Schmerz und Demütigung“.

          Abschied vom Prinzipiellen

          Von der Vernunftethik der Aufklärung unterscheidet den solidarischen Ansatz Rortys der Verzicht auf allgemeine Prinzipien. Mittels einer „Wende zur Erzählung“ sollen stattdessen etwa Literatur und Öffentlichkeit zu einer höheren Sensibilität gegenüber menschlichem Leid beitragen, um Solidarität hervorzubringen. In Reders und Heindls Kritik wurde sichtbar, was diese Hoffnung von heutigen Befürchtungen trennt. Lehrt ein kulturell aufmerksamer Blick nicht, dass die Frage danach, „was als Schmerz zu bewerten sei, selbst kontingent, also von jeweiligen sozialen Vorstellungen abhängig“ ist, und etablieren „solidarische Praktiken nicht erst in ihrem Vollzug diskursiv Vorstellungen davon, was als zu überwindendes Leid gilt“? Was in einem europäischen Diskurs im Jahre 2019 als Schmerz bezeichnet wird, wäre nicht ohne weiteres verallgemeinerbar.

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