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Jacob Böhme in Osteuropa : In den Osten kommt das Licht

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Vom Himmel durch das Herz zur Hölle: Jacob Böhmes „Philosophische Kugel“. Bild: Embassy of the Free Mind

Dunkelster Denker oder Wegbereiter einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung? Eine Tagung in Gotha erhellt die osteuropäische Rezeption Jacob Böhmes.

          Der Philosophus Teutonicus erreicht mittlerweile das große Publikum. Als die Dresdner Schlosskapelle mit der Ausstellung „Alles in allem. Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme“ 2017 wiedereröffnet wurde, wurden mehr als 30 000 Besucher gezählt. Zurzeit ist die Schau in Coventry zu sehen, Amsterdam und Breslau folgen im kommenden Jahr. Zeitgemäße elektronische Hilfsmittel wie animierte Grafiken, eine App oder ein Podcast bringen den Schuster aus Görlitz in die Gegenwart. Der Autor, der lange Zeit nur im Untergrund spiritualistischer Kreise bekannt war, erfährt seine längst fällige öffentliche Würdigung als bekanntester internationaler deutscher Denker des sechzehnten Jahrhunderts.

          Auf der Tagung über Jacob Böhme in Zentral- und Osteuropa, die jetzt im Forschungszentrum Gotha stattfand, zeigten die drei Kuratorinnen der Ausstellung, Lucinda Martin, Claudia Brink und Cecilia Muratori, wie wichtig grafische Darstellungen für die Verbreitung seiner Weltsicht waren. Radierungen und Kupferstiche wurden schon von seinen Zeitgenossen als unentbehrliche Verständnishilfen geschätzt. Denn Böhme gilt bis heute als schwieriger, dunkler Geist, dessen Interpreten und Propagandisten sich anstrengen mussten, um Licht in seine Schriften zu bringen.

          Wenn Böhme auf den ersten Seiten seiner „Aurora oder Morgenröte im Aufgang“ schreibt: „Gleichwie in der Natur Gutes und Böses quillt, herrscht und ist, also auch im Menschen: der Mensch aber ist Gottes Kind, den er aus dem besten Kern der Natur gemacht hat, zu herrschen in dem Guten und zu überwinden das Böse“, so hat er diese Grundlegung nie wieder aufgegeben. Alle Gegensätze finden ihren Ursprung in einer natur-theologischen Wahrnehmung des Kosmos, die Böhme mit der Bibel begründet. Aus der Natur liest er das ewige Evangelium, das er in vielen Briefen predigt. Um ihn herum gründete sich eine subversive Gemeinde, die nicht genug von seinen dramatischen Geschichten und Vorschlägen zur Seelenführung bekommen konnte.

          Verbrannt auf dem Roten Platz

          Dass dieses Programm Böhmes Jünger bis zum Größenwahn aufstacheln konnte, belegte der Münchner Theologe Jan Rohls am Fall von Quirinus Kuhlmann (1651 bis 1689). Der für den „Kühlpsalter“ bekannte Autor wurde durch seine Böhme-Lektüre erweckt, festgehalten in „Der neubegeisterte Böhme“. Er brach mit allen gesellschaftlichen Konventionen, war den Frauen nicht abgeneigt, wollte die Muslime zum rechten Glauben zurückbringen und weitete das Reich des Antichrist auf die verfassten Kirchen der Lutheraner, Calvinisten und Katholiken aus. Sie alle hätten den ewigen Kern der frohen Botschaft verraten, klebten an den Wörtern und verweigerten sich dem Tat-Christentum. Als Kuhlmann sich nach Moskau aufmachte, um mit Unterstützung der dortigen Protestanten die orthodoxe Christenheit zu agitieren, schritten die Behörden ein und machten ihm den Prozess. Quirinus Kuhlmann verbrannte als Ketzer auf dem Roten Platz.

          Kuhlmann verkörpert im Extrem die grundsätzliche Dissidenz, in der sich viele Böhmianer befanden, war Böhme doch selbst Opfer der lutherischen Orthodoxie in Görlitz geworden. Er bekam Schreibverbot und saß im Gefängnis.

          Die finnische Literaturwissenschaftlerin Paivi Methonen schilderte in ihrem Beitrag über Schweden und Finnland, dass bis ins neunzehnte Jahrhundert die Schriften des Görlitzers im lutherischen Untergrund fast nur handschriftlich kursierten. Die von der schwedischen Staatskirche ausgeübte Zensur reagierte allergisch auf mystisches Gedankengut. Das hinderte aber Handwerker und Bauern nicht daran, ihn zu studieren.

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